Pfarrer Nulf-Schade-James auf dem CSD
Pfarrer Nulf Schade-James und seine Gemeinde demonstrieren gemeinsam mit Schwulen und Lesben. Bild © picture-alliance/Evangelische Kirchengemeinde Frieden und Versöhnung (Collage: hr)

Auffällige Perücken, viel Glitzer und nackte Haut – soweit, so normal für den Christopher Street Day. Doch bei der großen Parade am Samstag wird auch eine Gruppe mitlaufen, die wohl die wenigsten hier vermuten würden: die Mitglieder einer Kirchengemeinde.

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Pfarrer Nulf Schade-James vor dem LKW der Gemeinde auf dem CSD

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ein Zeichen gegen Diskriminierung

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Bei so einer bunten Parade wie dem Christopher Street Day herauszustechen, ist schwierig. Doch auch ohne auffällige Outfits zählt die Gruppe um Nulf Schade-James zweifelsohne zu den Exoten bei der Demo am Samstag. Der Pfarrer und seine Gemeinde sind die einzige religiöse Gruppe, die den 50. CSD mit den Schwulen und Lesben in Frankfurt feiert.

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150.000 Besucher werden zum CSD in Frankfurt erwartet. Die Polizei empfiehlt, besonders während des großen Umzugs am Samstag in der Innenstadt auf Bus und Bahn umzusteigen.

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Dabei sind Kirche und CSD für Pfarrer Nulf Schade-James kein Widerspruch. Für ihn, der selbst mit einem Mann verheiratet ist, ist es wichtig, ein Zeichen gegen Diskriminierung zu setzen. "Es werden immer noch Homosexuelle verfolgt, bespuckt, mit Weihwasser bespritzt, geschlagen oder verprügelt. Nicht nur in afrikanischen oder arabischen Ländern, sondern auch in Europa", mahnt Schade-James. "Solange das so ist, gehe ich auf die Straße."

Mit pinkem Kollarhemd und Kirchenbanner

Mit dieser Einstellung ist er in seiner Gemeinde "Frieden und Versöhnung" nicht allein. Seit 2003 laufen sie beim CSD mit, anfangs noch als relativ kleine Gruppe und nur mit einer Regenbogenfahne ausgestattet. "Dann habe ich gedacht, wir müssen auch sichtbar sein. Es soll jeder kapieren, dass da die Kirche läuft", erzählt Schade-James.

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Der CSD in Frankfurt

Der CSD beginnt mit einem Open Air-Kino am 18. Juli. Bis zum 21. Juli sind Veranstaltungen und Partys in der ganzen Stadt geplant. Die Demonstration mit über 100 Gruppen startet am Samstag, 20. Juli, 12 Uhr, am Römerberg. Weitere Informationen zum Programm finden Sie hier.

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Seitdem trägt er beim CSD das typische Kollarhemd, dieses Mal in pink. Auch ein Banner mit dem Namen ihrer Gemeinde haben die Mitglieder inzwischen immer dabei. "Wir haben auch mal Karten verteilt mit dem Bild unserer Kirche, da stand drauf 'Hier werden Sie getraut'". Etwa 30 Mitglieder laufen jedes Jahr mit.

Lesben und Schwule wenig begeistert

Dass die Kirche bei ihrer Parade mitläuft, missfalle manchen Schwulen und Lesben, sagt Schade-James. Er könne das verstehen. "Die Religionen haben viel Schuld auf sich geladen, alle. Christliche genauso wie der Islam oder das Judentum." Er hoffe, dass sich seine Kirche irgendwann dafür entschuldige. Außerdem setze er auf den Dialog mit anderen Religionen wie dem Islam, um aufzuklären und, wie er sagt, "um die Angst zu nehmen".

Auch von der anderen Seite, den konservativeren Kollegen und Kirchenmitgliedern oder den Evangelikalen könnte man Kritik erwarten. Doch, und da wundert sich der Pfarrer selbst ein bisschen: "Das ist überhaupt nicht der Fall." Anonyme Briefe oder Hass-Mails wegen der Teilnahme am CSD hätten ihn bisher nicht erreicht.

Regenbogenfahne der Frankfurter Gemeinde auf dem CSD
Die riesige Regenbogenfahne war von Anfang an dabei. Bild © Evangelische Kirchengemeinde Frieden und Versöhnung

Außergewöhnliche Gemeinde

Schade-James ist sich bewusst, dass seine Gemeinde eine ganz besondere ist. Seit über 30 Jahren ist er dort Pfarrer. Doch schon vorher hat sich die Gemeinde weltoffen gezeigt, zum Beispiel als sie der neu gegründeten Gruppe "Homosexuelle und Kirche" Anfang der 80er Jahre Räume zur Verfügung stellte. Alle anderen Gemeinden im Rhein-Main-Gebiet hätten das abgelehnt, erzählt Schade-James.

"Zu uns kann jeder und jede kommen. Ich glaube, dass das im Laufe der Jahre so gewachsen ist und dass das die Menschen verstanden haben", sagt der Pfarrer und fügt schmunzelnd hinzu: "Und dass sich Menschen vielleicht auch nicht mehr trauen, was dagegen zu sagen, weil sie spüren, dass der Geist, der in dieser Gemeinde herrscht, einfach so vielfältig ist." Die Idee vom Reich Gottes, in dem alle in Frieden leben können, beinhalte eben auch, dass Lesben und Schwule willkommen sind.

Für sich selbst und andere kämpfen

Seit ihm klar geworden ist, dass er homosexuell ist, setzt sich Schade-James gegen die Diskriminierung von Schwulen und Lesben ein. Innerhalb der Kirche hat er darum gerungen, dass auch homosexuelle Paare sich trauen lassen können. Und auch für sich selbst musste er kämpfen: Dass er mit seinem Mann David im Pfarrhaus wohnen darf, war in den 90er Jahren nicht selbstverständlich.

"Mein Herzenswunsch wäre, dass wir irgendwann nicht mehr demonstrieren müssen. Weil die Welt verstanden hat, dass es homosexuelle Menschen immer gab und immer geben wird und sie aus diesem Grund gleichgestellt hat." Doch ihm ist klar, dass es noch lange dauern wird, bis dieser Wunsch in Erfüllung geht. Solange wird er weiter mit seiner Gemeinde beim CSD mitlaufen.

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Der Ursprung des CSD

Der Christopher Street Day, der seit Jahrzehnten in vielen Ländern gefeiert wird, erinnert an Vorfälle um den 28. Juni 1969 in New York: Nach einer Polizeirazzia in einer Bar kam es zum Aufstand von Schwulen und Lesben mit Straßenschlachten in der Christopher Street. In diesem Jahr feiert der CSD 50-jähriges Jubiläum.

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