Wohnhaus Roland K. in Biebergemünd-Wirtheim
Hier wohnte Roland K. in Biebergemünd-Wirtheim. Bild © Heiko Schneider (hr)

Ein als ausländerfeindlich bekannter Mann verbreitet Mordphantasien, prahlt in seiner Stammkneipe damit und schreitet schließlich zur Tat. Gestoppt hat den mutmaßlichen Schützen von Wächtersbach niemand. Eine Spurensuche im Main-Kinzig-Kreis.

Der mutmaßliche Schütze von Wächtersbach, Roland K., hat aus seiner rechten Gesinnung und seinen Gewaltphantasien keinen Hehl gemacht. Nachbarn und Bekannte wussten, wie der 55-Jährige zu den "Asyljungs" steht. Selbst die Schüsse auf einen wegen seiner Hautfarbe willkürlich ausgewählten Mann aus Eritrea hatte K. am Montag in seiner Stammkneipe erst freimütig angekündigt und später bereitwillig geschildert. Doch warum schritt niemand ein?

Rechte Tendenzen im Main-Kinzig-Kreis

Die Ermittler untersuchen derzeit das Umfeld des Verdächtigen aus Biebergemünd, der nach den Schüssen schließlich selbst die Polizei informierte, ehe er sich selbst tötete. War er Einzeltäter oder Mitglied eines rechten Netzwerks? Laut Generalstaatsanwaltschaft gibt es bisher keine Hinweise darauf, dass K. in einer rechten Gruppierung vernetzt war. Dass es im Main-Kinzig-Kreis eine rechte Szene gibt, ist derweil bekannt.

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So holen Parteien wie NPD und Republikaner oder auch die AfD im Kinzigtal, also in den Städten und Gemeinden zwischen Vogelsberg und Spessart, bei Wahlen regelmäßig überdurchschnittlich viele Stimmen: In Sinntal landete die AfD bei der Landtagswahl 2018 bei 23,1 Prozent – der landesweit dritthöchste Wert der Rechtspopulisten. In Brachttal verbuchte die NPD immerhin 0,8 Prozent. Bei der Kommunalwahl 2016 sicherten sich AfD (13), NPD (1) und Republikaner (1) insgesamt 15 Sitze im Kreistag des Main-Kinzig-Kreises.

Drohungen gegen den Landrat

Dessen ehemaliger Landrat Erich Pipa (SPD) wurde während seiner Amtszeit mehrfach Ziel rechter Drohungen, stand zeitweise unter Personenschutz. Pipa hatte sich für Flüchtlinge engagiert und anschließend Morddrohungen einer "Initiative Heimatschutz Kinzigtal" erhalten.

Vor Kurzem sagte der 71-Jährige dem hr, dass nach wie vor nicht aufgeklärt sei, wer hinter den Drohschreiben stecke, die er auch weiterhin erhalte. Bekannt ist nur, dass einige Schreiben im östlichen Teil des Main-Kinzig-Kreises in die Briefkästen geworfen wurden.

Neonazis und Gleichgesinnte

Mit Carsten M. stammt ein bekannter Neonazi aus der Biebergemünder Nachbargemeinde Linsengericht. Er gilt als Anführer der "Aryans" (deutsch: Arier), einer Neonazigruppe, gegen die der Generalbundesanwalt wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung ermittelt. M. wurde im Februar wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt.

Facebook-Posts von Kneipenwirt Dirk R.
NPD- und Reichsbürger-Inhalte: Geteilte Facebook-Posts von Kneipenwirt Dirk R. Bild © Screenshots Facebook

Und Roland K.? Sein direktes Umfeld toleriert wohl zumindest seine Ansichten. Im "Martinseck", der Stammkneipe im Biebergemünder Ortsteil Kassel, scheint K. mit seiner rechten Haltung nicht alleine zu sein: Auch andere Gäste der Kneipe äußern im Gespräch ähnliche Ansichten. Wirt Dirk R. tut das zwar nicht, dafür verbreitet er auf seinem Facebook-Profil Inhalte der rechtsextremen NPD und aus dem Reichsbürger-Milieu. Abgrenzung sieht anders aus. Ein Einschreiten gegen rechte Parolen und angekündigte Gewaltverbrechen ebenfalls.