Michael Wilk behandelt ein kleines Mädchen in Raqqa
Michael Wilk behandelt ein kleines Mädchen in Raqqa. Bild © privat

"Der schlimmste Moment war, als uns eine Mutter mit ihren toten Kindern vor die Tür gelegt wurde." Das sagt der Wiesbadener Notfallmediziner Michael Wilk. Er war drei Wochen lang in Syrien, um Opfern des Krieges zu helfen. Ein Interview.

Unter Lebensgefahr kümmerte sich Arzt Michael Wilk drei Wochen lang um Patienten in der früheren IS-Hochburg Raqqa im Norden Syriens. Am Wochenende kehrte er zurück nach Wiesbaden. Der 60 Jahre alte Notfallmediziner und Psychotherapeut arbeitete in Raqqa in einem der "Trauma Stabilization Points" der Hilfsorganisation Kurdischer Roter Halbmond. Was ihn antreibt, erzählt er im Gespräch mit hessenschau.de.

hessenschau.de: Herr Wilk, Sie kommen gerade aus dem heftig umkämpften Raqqa in Nordsyrien und haben dort Kriegsopfer versorgt. Wie sieht so ein Tagesablauf im Kriegsgebiet aus?

Michael Wilk: Mein Tag hat dort keinen konkreten Anfang und kein konkretes Ende. Ich unterstützte die Leute vor Ort, indem ich sie als erfahrener Notfallmediziner ausbildete. Zudem behandelte ich konkrete Fälle, und zwar so, wie sie reinkamen. Wenn Sie nachts einen angeschossenen Menschen kriegen oder ein Minenopfer, dann werden diese Fälle sofort behandelt. Ebenso wie Opfer von Verkehrsunfällen oder jemand mit hohem Fieber. Da wir in Raqqa als einzige medizinische Helfer vor Ort sind, geht es einmal quer durch den medizinischen Gemüsegarten.

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Für heute.de schrieb Mediziner Wilk einen Blog über seinen Einsatz in Syrien.

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hessenschau.de: Gab es Momente, in denen Sie sich hilflos fühlten?

Wilk: In Kriegsgebieten liegt es in der Natur der Dinge, dass Situationen auftreten, in denen man nichts mehr machen kann. Wir konnten lebensgefährlich verletzte Patienten nicht mehr retten oder uns wurden gleich Tote gebracht. Der schlimmste Moment war, als uns eine Mutter mit ihren toten Kindern vor die Tür gelegt wurde. Da fühle ich mich natürlich hilflos, auch wenn ich als erfahrener Notarzt Erfahrung habe, damit umzugehen. Das ist bei toten Kindern trotzdem immer wieder eine Herausforderung.

Drei Wochen lang half Notfallmediziner Wilk in Nordsyrien.
Drei Wochen lang half Notfallmediziner Wilk in Nordsyrien. Bild © privat

hessenschau.de: Sie arbeiten normalerweise als Allgemeinmediziner in einer Gemeinschaftspraxis in Wiesbaden. Was treibt Sie an, in Syrien zu helfen?

Wilk: Ich fahre schon seit 2014 nach Nordsyrien, vor allem ins überwiegend von Kurden besiedelte Gebiet Rojava. Ich entschied mich dafür, nachdem ich damals die Auseinandersetzung um die Stadt Kobane im Fernsehen gesehen habe. Da stand für mich die Entscheidung an: Soll ich selbst etwas tun oder bleibe ich passiv im Fernsehsessel sitzen? Ich habe mich fürs Handeln entschieden.

Ich bin schon seit Jahrzehnten als Notarzt tätig. Zudem bin ich ein sehr politischer Mensch. Meine Sympathie gilt gesellschaftlichen, vor allem emanzipativen Veränderungen. Und in Rojava nutzen die Kurden die Unruheregion nicht nur dazu, sich von der Terrormiliz IS zu befreien und sich vom syrischen Machthaber Assad abzugrenzen, sondern auch, um neue gesellschaftliche Verhältnisse aufzubauen. Das sind Ansätze, die es zu unterstützen gilt.

hessenschau.de: Wie sieht die Situation in Syrien gerade aus? 

Wilk: Im nördlichen Gebiet von Syrien, wo die Kurden mehrheitlich das Sagen haben, ist es gerade, bis auf gelegentliche Selbstmordanschläge des IS, weitgehend ruhig. Da gibt es einen starken Prozess des Wiederaufbaus. Dies nicht nur in Bezug auf Infrastruktur wie Schulen und Krankenhäuser, sondern vor allem auch sozial in Bezug auf Selbstverwaltungsstrukturen und die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Anders ist es weiter südlich, da tobt der Krieg. Einheiten des Militärbündnisses Syrian Democratic Forces kämpfen gegen den IS. Auch hier an vorderster Front kurdische Frauen und Männer. Und Raqqa ist einer der Hauptauseinandersetzungspunkte.

hessenschau.de: Für Helfer ist der Einsatz sicher auch gefährlich.

Wilk: Da wir mit den beiden medizinischen Versorgungspunkten des Kurdischen Roten Halbmonds relativ nahe an der Front arbeiten, kann man schon von einer Gefährdung ausgehen. 24 Stunden nach meiner Abfahrt wurde einer der beiden Versorgungspunkte vom IS unter Beschuss genommen. Die Situation ist noch sehr unruhig.

Auch Babys werden im "Trauma Stabilization Point" behandelt.
Alltag im "Trauma Stabilization Point": Ein Baby wird behandelt. Bild © privat

hessenschau.de: Wie verarbeiten Sie und andere Helfer das Leid, das Sie mitansehen?

Wilk: Die Helfer, die im Krisengebiet dauerhaft arbeiten, sind gefährdet, einen Burn-Out zu bekommen. Wir haben die Problematik angesprochen - ich arbeite ja nicht nur als Notarzt, sondern auch als Psychotherapeut. Ich bin also für solche Fälle geeicht, muss aber zugeben, dass die Verarbeitung des eigenen Traumas unter dem Druck der Verhältnisse regelhaft hinten ansteht. Und dann gibt es ja noch die Patienten. Ihnen seelischen Beistand zu geben, ist für mich allerdings schwierig, weil ich die Sprache nicht spreche, sondern mir mit Englisch weiterhelfen muss.

hessenschau.de: Haben Sie von Ihrem Einsatz auch ein schönes, positives Erlebnis mit nach Hause genommen?

Wilk: Definitiv, ganz viele sogar. Wenn ich helfen kann, was oft genug vorkommt, ist das das Beste, was passieren kann. Wenn ich es schaffe, dass ein Kind nicht stirbt oder verhindern kann, dass es Folgeschäden behält, ist das ein großer Erfolg, ein großes Glück. Ich bin leidenschaftlich gerne Arzt. Ohne Erfolgserlebnisse könnte man diese Arbeit nicht über einen längeren Zeitraum machen.

hessenschau.de: Sie haben als Notarzt den Kurdischen Roten Halbmond unterstützt. Die Hilfsorganisation geriet hierzulande schon in die Schlagzeilen. Sie soll angeblich der als Terrororganisation eingestuften kurdischen Arbeiterpartei PKK nahestehen.

Wilk: Es gibt in Nordsyrien auf jeden Fall einen sehr starken Einfluss der PKK. Viele Leute orientieren sich dort an den Lehren des PKK-Anführers Abdullah Öcalan, der seit Jahren in einem türkischen Gefängnis sitzt. Ich denke, dass sich die Positionen, die Öcalan vertritt, in den vergangenen Jahren sehr stark gewandelt haben. Die Kritik, die es früher an Strukturen und der Philosophie der PKK gab, muss man aber inzwischen revidieren. Heute sind genau diese Kurden die Hauptbündnispartner der USA und ihren Verbündeten. Sie kämpfen am Boden gegen den IS. Es wäre eigentlich an der Zeit, dass man diese alte Kritik an der PKK einer kritischen Neubewertung unterzieht.

Unabhängig davon: Der Kurdische Rote Halbmond ist eine unabhängige Hilfsorganisation, mit der ich sehr viel anfangen kann. Es ist eine humanitäre Organisation, die Unterstützung verdient.

Das Gespräch führte Susanne Mayer.

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