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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wohnungsleerstand in Großstädten - durchaus ein Problem

Möblierte Wohnungsangebote in Frankfurt haben zugenommen

Schätzungsweise mehrere tausend Wohnungen stehen in Frankfurt mitunter seit langer Zeit leer - obwohl viele händeringend eine Bleibe suchen. Die Stadt würde gern helfen, aber sie kann noch nicht einmal den Leerstand erheben.

Ein Rundgang mit Sieghard Pawlik durch den alten Kern von Frankfurt-Höchst. Ein durchmischter Stadtteil – liebevoll restaurierte Fachwerkhäuser stehen neben einfachen Pizzerien und Spielhallen. An einer Ecke deutet er auf ein Haus. "Von außen ist alles renoviert, aber irgendwann ist es dem Eigentümer wohl zu viel geworden. Das Haus steht seit Jahren leer", sagt Pawlik. Ein Beispiel von vielen, wenn man dem Vorsitzenden vom Mieterbund Höchster Wohnen folgt. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, leer stehende Wohnungen in Frankfurt zu erfassen.

Er recherchiert dazu in alten Listen und sammelt entsprechende Hinweise von Bürgern. Er weiß inzwischen von leer stehenden Wohnungen und Häusern überall in Frankfurt - auch in sehr begehrten Vierteln wie Nordend und Bornheim. "Ich habe, ohne bisher überhaupt alle Möglichkeiten ausschöpfen zu können, etwa 150 Häuser erfasst, die ganz oder teilweise und zum Teil seit 20 Jahren leer stehen. Insgesamt kommen wir auf rund 1.000 Wohnungen."

Sieghard Pawlik vom Mieterverein Höchster Wohnen vor seit langem leer stehende Wohnungen in Frankfurt-Höchst

Das sei eine Schätzung, sagt Pawlik, der von bis zu 10.000 leer stehenden Wohnungen in Frankfurt ausgeht. Er leitet das ab von früheren Meldungen, als das Zweckentfremdungsverbot in Hessen noch galt. Ende 2017 gab es laut Statistischer Gebäudedatei in Frankfurt rund 393.200 Wohnungen.

Koch-Regierung schaffte Zweckentfremdungsverbot ab

Die Landesregierung schaffte das Zweckentfremdungsverbot für Wohnungen 2004 ab, damals regierte die CDU. Seitdem darf die Stadt Frankfurt - ebenso wenig wie andere hessische Großstädte - keine Daten zu ungerechtfertigt leer stehendem Wohnraum mehr erheben.

Kai Schönbach, Leiter der Stabsstelle Mieterschutz in Frankfurt, bedauert das: "Hier bräuchte es für die Stadt eine gesetzliche Grundlage, um diese Datenerhebung zu rechtfertigen. Die ist gerade eben nicht gegeben. Deswegen ist es uns nicht möglich, ein Leerstandskataster zu führen."

In anderen Ballungsräumen wie München oder Hamburg gilt ein solches Zweckentfremdungsverbot. In Hessen ist es aber nicht verboten, sein Haus oder seine Wohnung leer stehen zu lassen. Vermieter, die ein Haus zum Beispiel aus spekulativen Gründen leer stehen lassen, sind hier nicht zu belangen.

75.000 Euro Gewinn, ohne dafür etwas zu tun

Der SPD-Stadtverordnete Sieghard Pawlik glaubt, dass ein Hauptgrund für den Leerstand in Frankfurt Spekulation auf möglichst hohen Profit ist: "Die Immobilienpreise steigen jedes Jahr um bis zu zehn Prozent - auch in anderen großen wirtschaftsstarken Räumen. Gehen wir mal von einem Haus für eine Dreiviertelmillion aus. Daraus ergibt sich eine Preissteigerung von bis zu 75.000 Euro mehr in nur einem Jahr, ohne dass man einen Finger krumm macht."

In Städten mit steigenden Immobilienpreisen ist es verlockend, allein durch Abwarten Geld zu machen. Denn eine Wohnung oder ein Haus ohne Mieter ist immer teurer zu verkaufen als ein vermietetes Objekt.

So sieht es auch Kai Schönbach von der Stabsstelle Mieterschutz: "Wenn sich das wirtschaftlich rechnen lässt, dann kann ich einfach drei bis fünf Jahre oder wie lang auch immer aussitzen, um dann einen maximalen Preis zu erlösen." Martin Vaché vom Darmstädter Institut für Wohnen und Umwelt (IWU) sagt: "In solchen überhitzten Wohnungsmärkten wie Frankfurt ist die Versuchung natürlich höher, Objekte aus dem Markt zu nehmen." Also erst einmal gar nicht zu vermarkten.

Spekulation, Überforderung, Streit in Erbengemeinschaften

Jürgen Conzelmann, der Vorsitzende des Eigentümervereins Haus & Grund in Frankfurt, kennt unter den 11.000 Mitgliedern nach eigener Aussage keinen Fall, in dem jemand bewusst seine Wohnung oder Haus leer stehen lässt. Spekulation aber verurteilt er scharf: "Warum machen die das? Die wollen entweder die Wohnungen komplett sanieren und dann neu vermieten oder sie wollen sie verkaufen. Da ist es sicherlich angezeigt, dass man damit verschärft umgeht."

Plastikblumen im Fenster, Gardinen oder eine Zeitschaltuhr, die abends das Licht anschaltet. Das sind Tricks von Vermietern, um den Eindruck zu vermeiden, dass eine Wohnung leer steht. Das beobachtet Sieghard Pawlik vom Mieterbund Höchster Wohnen häufig in Frankfurt. Es kommt aber auch in anderen Großstädten wie Gießen vor.

Es kann auch sein, dass Menschen ihre Wohnungen oder Häuser nicht vermieten wollen, weil sie damit überfordert sind, wie Kai Schönbach von der Stabsstelle Mieterschutz berichtet: "Wenn das Haus abgezahlt ist und ich keine Not habe, das Ding zu vermieten, und vielleicht zwei-, dreimal schlechte Erfahrungen gemacht habe mit Mietern und ich vielleicht nicht mehr der Jüngste bin, dann wächst dieses Gefühl, dass ich überfordert bin." Ein weiterer Grund für Leerstand sind zerstrittene Erbengemeinschaften.

Land plant Umwandlungsverordnung

Um Fällen von Spekulation vorzubeugen, plant das Land eine sogenannte Umwandlungsverordnung. Sie soll verhindern, dass Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt werden dürfen.

Jedoch hält die schwarz-grüne Landesregierung die Diskussion um leer stehenden Wohnraum für überzogen. Wirtschafts- und Wohnungsbauminister Tarek Al-Wazir (Grüne) hat wiederholt betont, in Hessen gebe es keine nennenswerte Zweckentfremdung von Wohnraum. Auch der spekulative Leerstand habe sich nicht erhöht.

Die Landesregierung spricht unter Berufung auf Zahlen des IWU in Darmstadt von einer Quote von 1,4 Prozent. Das sei sogar noch zu wenig, für einen gut funktionierenden Wohnungsmarkt brauche es drei Prozent, findet Al-Wazir. Ein gewisser Leerstand sei wichtig bei Umzügen oder Renovierungen. Die sehr niedrige Quote sei Zeichen für einen angespannten Wohnungsmarkt.

10.000 leer stehende Wohnungen sind für das Land okay

Legt man diese quasi offizielle Quote an die Zahl der bestehenden Wohnungen an, kommt man bei 393.200 Wohnungen auf mehr als 5.500, die leer stehen. Insofern wären die 10.000 Einheiten ohne Bewohner, von denen Sieghard Pawlik vom Mieterverein Höchster Wohnen ausgeht, ziemlich genau die Menge, welche die Landesregierung für angebracht hält. Nur sind damit aus Sicht des Landes natürlich Wohnungen gemeint, die vermarktet werden, und nicht solche, die seit vielen Jahren brach liegen.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorangegangenen Version war ein Haus in Höchst abgebildet, das wir als leerstehend bezeichnet haben. Das Haus steht aber nicht leer. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Sendung: hr-iNFO, 12.12.2019, 11.15 Uhr