Schülerinnen und Schüler sitzen mit Masken im Unterricht

In der Diskussion um Wechselunterricht an hessischen Schulen gibt es weiter große Uneinigkeit. Was zeigen die praktischen Erfahrungen? Eine Lehrerin, eine Schulleiterin und eine Erziehungswissenschaftlerin berichten, welche Auswirkungen das Homeschooling auf Schüler hat.

Ist es angesichts der hohen Corona-Infektionszahlen angebracht, dass die hessischen Schulen weiter größtenteils vor Ort unterrichten? Darüber sind sich Schüler, Lehrer und Politik nicht einig.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kämpft weiter für ein Wechselmodell aus Unterricht vor Ort und zuhause. Sie übergab Kultusminister Alexander Lorz am (CDU) Dienstag eine Petition mit rund 12.000 Unterschriften, die flächendeckenden Wechselunterricht fordert. Schon am Montag hatten in Frankfurt mehrere hundert Schülerinnen und Schüler dafür demonstriert.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Gewerkschaft fordert flächendeckenden Wechselunterricht in Hessen

Ein fotografischer Blick auf den Schreibtisch einer Schülerin. Zwischen den Arbeitsmaterialien liegt eine OP-Maske.
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An Hessens Schulen gilt im Moment der "eingeschränkte Regelbetrieb": Das bedeutet in der Regel Unterricht vor Ort - und Wechselunterricht nur in Regionen, in denen die Corona-Infektionszahlen besonders hoch sind. Am Mittwoch kamen Stadt und Landkreis Offenbach dazu.

Was diejenigen über Wechselunterricht denken, die ihn in der Praxis umsetzen oder beobachtet haben, lesen Sie hier im Überblick: Wir haben Schulleiterinnen, eine Lehrerin und eine Erziehungswissenschaftlerin dazu befragt.

Ist Wechselunterricht ein vollwertiger Ersatz für das Lernen in der Schule?

Da sind sich alle Befragten einig: Nein, das Wechselmodell ist ein Kompromiss.

Erziehungswissenschaftlerin Merle Hummrich von der Goethe-Universität betont, dass das Lernen zuhause mit digitaler Technik bestimmte Teile des Schullebens nicht ersetzen könne: "Schülerinnen und Schüler können nicht wie Maschinen nur mit Technologie oder Apps zum Lernen gebracht werden."

Deshalb seien persönliche Beziehungen und Rituale beim Lernen in der Schule wichtig. "Das fehlt den Schülerinnen und Schülern insgesamt, genau wie ihnen auch der Kontakt zu den Gleichaltrigen fehlt", stellt Hummrich fest.

Beate Wilhelm, Schulleiterin am Martin-Luther-Gymnasium in Rimbach (Bergstraße), hat an ihrer Schule im November ein Wechselmodell eingeführt, nachdem der Landkreis härtere Corona-Regeln verhängt hatte.

Wilhelm ist bisher zufrieden: "Natürlich ist der Präsenzunterricht die beste Form des Unterrichts. Aber unter den aktuellen Bedingungen ist das Wechselmodell eine sehr gute Alternative. Wir haben eine sehr gute technische Ausstattung und ein Kollegium, das sich rasant schnell eingearbeitet hat."

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Wie funktioniert Wechselunterricht?

Bei Wechselunterricht werden die Schulklassen aufgeteilt. Eine Hälfte wird in der Schule unterrichtet, die andere Hälfte lernt zuhause. Die Gruppen tauschen tage- oder wochenweise. So werden Kontakte reduziert und Abstände können besser eingehalten werden.

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Wie sehr leidet der Lernfortschritt unter dem Wechselunterricht?

Mehrere Schulleitungen betonen auf Anfrage, dass sie beim Wechselunterricht oder im Homeschooling nicht die gleiche Menge an Stoff vermitteln können wie im normalen Betrieb.

Beate Wilhelm vom Martin-Luther-Gymnasium Rimbach erklärt: "Das kriegen wir natürlich nicht hin, weil die Schülerinnen und Schüler nur die Hälfte der Zeit vor Ort sind und wir mehr auf den Einzelnen eingehen müssen."

An der Gerhart-Hauptmann-Grundschule Dreieich, die Annette Melms leitet, gibt es keinen generellen Wechselunterricht. Allerdings sind wegen Corona-Infektionen im Moment rund 150 Kinder in Quarantäne, was dazu führt, dass der Unterricht in vielen Klassen nicht regulär läuft. Annette Melms wünscht sich für die Corona-Zeit: "Mehr Lehrer müssten sich trauen, Lerninhalte zu verändern und nicht darauf pochen, dass man es macht wie immer."

Sie spüre in dieser Hinsicht einen Druck aus Politik und Wirtschaft. "Aber wir haben eine Corona-Generation. Ich würde mir wünschen, dass wir für die Kinder den Dampf rausnehmen, dass ihnen alles wie früher begegnen muss", sagt Melms.

Wie reagieren Schülerinnen und Schüler auf den Wechsel zwischen Unterricht in der Schule und zuhause?

Während der ersten Corona-Welle im Frühling haben viele Schulen zuerst komplett auf Homeschooling, später dann auf Wechselunterricht umgestellt.

Schulleiterin Annette Melms aus Dreieich erinnert sich noch gut daran, dass einige ihrer Schülerinnen und Schüler damals "abgetaucht" seien. "Die Kinder haben sich mit ihren Ängsten zuhause alleine hingesetzt. Die haben Angst um den Arbeitsplatz der Eltern, oder dass sie ihre Oma anstecken, weil sie zu Besuch da waren."

Ihnen habe die emotionale Nähe zu Gleichaltrigen und das sichere Umfeld der Schule gefehlt, schätzt Melms. "Da müssen wir als Schule mehr anbieten, damit die Kinder trotz Distanzunterricht über emotionale Dinge sprechen."

Ingrid Krämer, Lehrerin an der Immanuel-Kant-Schule Rüsselsheim (Kreis Groß-Gerau), erlebt das "Homeschooling" gerade zum zweiten Mal. An ihrer Schule gilt seit November ein Wechselmodell, bei dem die Kinder ab der siebten Klasse nur jeden zweiten Tag zur Schule kommen.

Krämer erzählt: "Es ist für viele Kinder einfacher, in der Schule zu lernen als zu Hause. Der Unterrichtstag gibt eine Struktur vor, man steht morgens auf, man hat feste Arbeitszeiten." Das hätten ihr auch einige Eltern berichtet. "Zu Hause haben einige Schüler Schwierigkeiten, sich zum Arbeiten zu motivieren, gerade in der Pubertät."

Wie geht es Lehrerinnen und Lehrern mit dem Wechselmodell?

Mehrere Schulleitungen berichten davon, dass die Lehrerinnen und Lehrer seit der Corona-Pandemie mehr Arbeitsaufwand haben.

Annette Melms, Leiterin der Gerhart-Hauptmann-Schule in Dreieich, erinnert sich vor allem an die erste Corona-Welle im Frühling, als plötzlich alle zuhause bleiben mussten: "Das war für die Lehrer sehr belastend, weil man Tag und Nacht auf Stand-by war. Da muss man irgendwann sagen: 'Jetzt ist mal Schluss, ich muss nicht am Sonntag um 24 Uhr noch erreichbar sein.'"

Schulleiterin Beate Wilhelm aus Rimbach (Bergstraße) glaubt, dass sich seit der ersten Welle an ihrer Schule vieles verbessert hat. Die Lehrkräfte hätten jetzt mehr Erfahrung als im Frühjahr.

Wilhelm stellt fest, dass die Lehrerinnen und Lehrer im Wechselmodell sich mehr untereinander absprechen müssen als sonst: "Es ist wichtig, dass das Lernpensum ausgewogen ist. Es darf nicht dazu kommen, dass zum Beispiel die zehn Kollegen, die in einer Klasse unterrichten, alle am Freitagnachmittag riesige Aufgabenpakete stellen."

Ingrid Krämer, Lehrerin in Rüsselsheim, findet das Wechselmodell deutlich besser als das komplette Homeschooling aus dem Frühjahr. "Jetzt hat man das Gefühl, dass man in Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern ist. Das halte ich für einen riesigen Vorteil."

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zum Video hessenschau extra: Streitpunkt Schulunterricht

Ein Schüler verfolgt auf seinem Tablet den Unterricht digital.
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Werden Schüler beim Homeschooling abgehängt, wenn sie zuhause nicht gut betreut werden können?

Aus Sicht von Merle Hummrich, Professorin für Erziehungswissenschaft in Frankfurt, verschärft die Pandemie soziale Ungleichheiten, die es auch vorher schon gab.

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Mehr aus der Forschung

In einem Gastbeitrag für die Zeitschrift "Bildung & Wissenschaft" der Gewerkschaft GEW erläutert Merle Hummrich weitere pädagogische Probleme, die durch Homeschooling und Wechselunterricht entstehen.

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Sie erklärt das am Beispiel des "Ferieneffektes": "Wenn Kinder aus privilegierten Milieus nach den Ferien in die Schule kommen, haben sie nachweislich eher Kompetenz- und Leistungszuwächse - während die Kinder aus deprivilegierten Milieus eher Sachen verlernt haben."

"Wenn wir uns Wechselunterricht vorstellen, müssen wir bedenken, dass die einen Schülerinnen und Schüler nach Hause gehen und unbelastet in ihrem eigenen Zimmer am eigenen Computer lernen, möglicherweise mit Unterstützung ihrer Eltern", erklärt Hummrich. " Bei anderen ist das nicht der Fall, weil sie nicht diese Bedingungen haben."

Das bestätigen auch Schulleiterin Beate Wilhelm, deren Martin-Luther-Schule in Rimbach (Bergstraße) im Moment wieder im Wechselmodell arbeitet: "Man muss dabei noch stärker darauf achten, welche Voraussetzungen der Schüler mitbringt und wie das häusliche Umfeld ist", sagt sie. Schülern, die besondere Förderung brauchen, müssten Lehrer für zuhause gezielt Aufgaben und detailliertes Feedback darauf geben.

In welchen Fächern gibt es besondere Probleme mit dem Wechselunterricht?

Manche Fächer sind durch die Corona-Bedingungen stärker eingeschränkt als andere, erklärt Ingrid Krämer von der Immanuel-Kant-Schule in Rüsselsheim. Ihre Schule arbeitet im Moment mit Wechselunterricht.

"Methodisch ist man im Unterricht durchaus eingeschränkt, wenn Abstände eingehalten werden müssen und Gegenstände nicht weitergegeben werden dürfen", erklärt Krämer. "Das betrifft Gruppenarbeit, den Sportunterricht und die Experimente in den Naturwissenschaften. Man kann auch nicht alles nach Hause verlagern. Manches lässt sich im Austausch einfach viel besser lernen."

Auch Kurse, in denen normalerweise Kinder aus verschiedenen Klassen zusammenkommen, können nicht wie sonst unterrichtet werden: "In Förderkursen sollen Schüler aus Parallelklassen nicht mehr gemischt werden, auch in Fächern wie Religion und Ethik nicht. Das erfordert eigene neue Konzepte."

Hat der Wechselunterricht auch Vorteile?

Viele Lehrkräfte berichten davon, dass sie sich intensiver um einzelne Schülerinnen und Schüler kümmern können, wenn immer nur ein Teil der Klasse gleichzeitig in der Schule ist.

Beate Wilhelm von der Martin-Luther-Schule in Rimbach sagt: "Ich spüre, dass ich in Einzelgesprächen viel individueller auf die Schülerinnen und Schüler eingehen kann, die gefördert werden müssen."

So geht es auch Annette Melms, Leiterin der Gerhart-Hauptmann-Schule Dreieich: "Wir haben gemerkt, dass wir mit lernschwachen Kindern an einem Tag mit fünf Stunden so gelernt haben, als ob wir zwei Wochen die große Gruppe da hätten. Das war schon Luxus." Trotzdem sei es natürlich ein Problem, dass währenddessen andere Kinder zuhause bleiben und von ihren Eltern betreut werden müssten.

Sendung: hr-iNFO, 01.12.2020, 13.00 Uhr