Pinkfarbige Typografie auf dunkeltürkisem Untergrund

Alle sind Hanna: Auf Twitter schreiben Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an Universitäten unter #IchBinHanna über ihren Alltag zwischen befristeten Verträgen, vagen Karriere-Hoffnungen und Existenzängsten. Und es wird gestreikt gegen die permanente Jobunsicherheit.

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zum Video Wissenschaftliche Kräfte streiken

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Masterarbeit, Promotion, und dann alle paar Jahre ein neuer Job: Das Arbeiten im sogenannten Mittelbau von Universitäten empfinden viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als schlecht bezahlt, unsicher und ohne Perspektive. Denn je länger man sich in der Wissenschaft nach oben arbeitet, desto dünner wird die Luft. Die wenigsten bekommen jemals eine Professur. Das wäre nicht nur die Krönung der Karriere, sondern für viele auch die erste unbefristete Festanstellung.

Hashtag-Proteste auf Twitter

Laut der Gewerkschaft Verdi sind bis zu 92 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Hessen befristet angestellt - das soll sich schleunigst ändern. Seit einigen Monaten ist der Protest auch auf Twitter angekommen. Unter #IchBinHanna schreiben Nutzer und Nutzerinnen darüber, wie sie ständig den Arbeitsort wechseln müssen und von einer Befristung in die nächste rutschen.

Hanna ist eine fiktive Figur, die in einem Video des Bundesforschungsministeriums von 2018 den Ursprung des Problems bewarb: das Wissenschafts-Zeitvertragsgesetz und die angebliche Innovationskraft für Hochschulen, in denen niemand "das System verstopft". Die Twitter-Gemeinde griff das Video aus Protest wieder ironisch auf - mittlerweile ist es nicht mehr auf offiziellen Seiten des Ministeriums zu finden. Ein Nutzer hat es in diesem Jahr nochmal auf Youtube hochgeladen.

Ich bin Miriam, 36 Jahre alt. Ich bin Psychologin und Suchtforscherin, mache Lehre und #wisskomm , betreue Abschlussarbeiten und schreibe Förderanträge. Ich sitze derzeit auf meinem 11. befristeten Vertrag der 2023 ausläuft. #IchbinHanna

[zum Tweet]

Alexander Gallas weiß, welche konkreten Schwierigkeiten das Gesetz mit sich bringt: Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Politikwissenschaft in Kassel und engagiert sich schon länger im Bündnis "Uni Kassel Unbefristet!". Am Mittwoch stand er vor der Mensa der Universität Kassel und beteiligte sich am Warnstreik der Universitätsbeschäftigten. Die Warnstreiks finden in dieser Woche hessenweit im Rahmen der Tarifverhandlungen für den Öffentlichen Dienst statt.

"Ich bin 45 Jahre alt, ich habe zwei Kinder, ich hatte noch nie in meinem Leben einen unbefristeten Arbeitsvertrag und es ist völlig unklar, ob ich den in diesem Beruf je bekommen kann", sagt er. Das Wissenschafts-Zeitvertragsgesetz bringe Forschende wie ihn in Bedrängnis.

Protest vor der Uni Kassel mit einem Plakat für Entfristung von Verträgen

"Mitten im Leben stehen, aber vor dem beruflichen Aus"

Sechs Jahre vor der Promotion und sechs Jahre danach kann man im Mittelbau noch aus Landesmitteln beschäftigt werden. Dann wird es schwierig, bei Gallas läuft diese Zeit bald ab: Seit acht Jahren arbeitet er in Kassel, seine Promotion ist schon lange vorbei, er macht Lehre, Forschung und betreut Studierende - "und nichtsdestotrotz schwebt das Damoklesschwert über mir, dass in einem Jahr Schluss ist."

Denn dann kann er nie wieder im Mittelbau eine sogenannte Qualifikationsstelle bekommen. Gallas Arbeit galt offiziell als Qualifizierungsphase. Er soll dann Platz machen für andere, wie Hanna, um das System nicht zu blockieren. "Es droht die Gefahr, dass ich mitten im Leben stehe, aber vor dem beruflichen Aus", fürchtet Gallas.

Überqualifiziert, zu alt, kaum Jobchancen?

Aber kann jemand wie Gallas nicht einfach einen anderen Job machen? Er sei sehr gerne Wissenschaftler, erklärt er, für vieles andere wäre er überqualifiziert. Außerdem würde er mit Mitte 40 woanders kaum noch Chancen bekommen. Ihm fehlt die Arbeitserfahrung jenseits der Wissenschaft.

Ein Dilemma, in dem viele andere auch festhängen, die auf eine Karriere in der Universität gesetzt haben. Viele Kollegen hätten außerdem das Problem, dass sie immer wieder umziehen, immer wieder neu anfangen müssten, sagt Gallas. Manche hätten nur Teilzeitstellen, dann werde es auch finanziell eng. "Das ist eine große Belastung, vielen droht auch Altersarmut", sagt Gallas. Er pendelt selbst zwischen Berlin, wo seine Frau und seine Kinder leben und seinem Arbeitsort Kassel.

Gallas wäre gerne Politikprofessor - allerdings sind die Hürden hoch. Selbst wer eine Habilitation abgeschlossen hat, steht zig Bewerbern gegenüber. Es müsse auch nicht jeder Professor oder Professorin werden, sagt Gallas, aber dann bräuchte es andere Perspektiven in der Wissenschaft. #IchBinHanna mache auf eine bekanntes Problem aufmerksam - jetzt müsse der Protest nur noch in die reale Welt "rüberschwappen".

Verdi: "brennendes Thema"

Nicht nur hessische Universitätsmitarbeiter und -mitarbeiterinnen halten in dieser Woche Warnstreiks ab. Auch Lehrer an Schulen sind dazu aufgerufen. In der kommenden Woche ist die nächste Verhandlungsrunde. Hessen ist dieses Mal als erstes Bundesland in Verhandlungen, die Entscheidungen in Hessen könnten eine Strahlkraft haben in den Rest von Deutschland.

Die Gewerkschaft Verdi fordert bei den aktuellen Tarifverhandlungen "die ausufernde Befristungspraxis" zu beenden, es sei "ein brennendes Thema" an Universitäten. Der Anteil der unbefristeten Stellen im wissenschaftlichen Mittelbau soll nach dem Willen der Gewerkschaft schrittweise auf 50 Prozent angehoben werden.

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Tarifverhandlungen im Öffentlichen Dienst

Für die Tarifrunde im Öffentlichen Dienst fordern die Gewerkschaften GEW und Verdi vom Land Hessen eine Gehaltserhöhung um 5 Prozent, mindestens 175 Euro monatlich. Auch Praktikanten und Praktikantinnen sollen 100 Euro mehr bekommen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hatte die Beschäftigten in Schulen und Hochschulen am Mittwoch zu einem Warnstreik aufgerufen. Am 14. Oktober wird es eine weitere Verhandlungsrunde geben. Proteste an Universitäten gibt es in dieser Woche in Darmstadt, Kassel, Frankfurt und Marburg.

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