Grafik von einem Trabi, der durch die Mauer bricht, und Jürgen Banz, der von seinen Erinnerungen an den Mauerfall berichtet

Zum 30. Jahrestag berichten hier Hessen, was der Mauerfall für sie persönlich bedeutet. Heute: Jürgen Banz. Er stammt aus einer kleinen Stadt im Kreis Hersfeld-Rotenburg, die eine große Gemeinsamkeit mit Berlin hat.

Am 9. November 1989 fiel die Mauer, die seit 1961 Ost- von West-Berlin getrennt hatte. In den folgenden Monaten wurden sämtliche Grenzübergänge zwischen der BRD und der DDR geöffnet. Von Thüringen strömten die Menschen in Trabis nach Hessen, wo vorher Minenfelder, hohe Zäune, Selbstschussanlagen und Grenzschützer das verhindert hatten.

In einer Serie auf hessenschau.de erzählen bis Samstag, 9. November, Zeitzeugen, gebürtige Ostdeutsche und Nachgeborene, was sie mit dem Mauerfall verbinden. Hier berichtet Jürgen Banz, der im Schatten der Mauer in Heringen-Kleinensee (Hersfeld-Rotenburg) aufwuchs und als junger Mann nach Hattersheim (Main-Taunus) zog. Der 59-Jährige bezeichnet sich als Privatier.

Jürgen Banz aus Hattersheim am Mauerdenkmal seiner Heimatgemeinde Heringen-Kleinensee

Gibt es 30 Jahre nach dem Mauerfall eine echte Verbundenheit zwischen Ost- und Westdeutschen? Viele denken doch nach wie vor: "Die da drüben." Es ist doch so, dass auch die Westdeutschen in der Bundesrepublik früher keine einheitliche Identität hatten. Alle vier Jahre - zur Fußball-WM - entwickeln die Deutschen ein Identitätsgefühl, sonst nicht. Auch die Politiker haben nach der Wende nichts dafür getan, ein nationales Gemeinschaftsgefühl zu stiften.

In den neuen Bundesländern trat nach der anfänglichen Begeisterung über die Grenzöffnung ein Frustrationszustand ein, weil durch die Treuhand sehr viele DDR-Betriebe quasi über Nacht stillgelegt wurden. Auf der anderen Seite gab es Stimmen in den alten Bundesländern, kurz nach der Wende, dass so mancher die Mauer wieder hochziehen wollte. Grund waren die Einführung des Solidaritätszuschlages und der Finanztransfer in die neuen Bundesländer.

Als Kind kam mir die Mauer komplett unnatürlich vor

Mich erfüllte es mit großer Genugtuung, dass es damals so kam, wie es kam. Als Kind und Jugendlicher hatte ich stets die Mauer vor Augen - und das buchstäblich.

Weitere Informationen

Serie zum Mauerfall

4. November: Ein Ostdeutscher im Rhein-Main-Gebiet
5. November: Der Bürgermeister einer früheren Grenzstadt
6. November: Eine junge politik- und geschichtsinteressierte Frankfurterin
7. November: Aufgewachsen im Schatten der hessisch-thüringischen Grenze
8. November: Von Berufs wegen Grenzgänger
9. November: Eine Frau, die ohne Mauerfall ihren Partner nicht hätte

Ende der weiteren Informationen

Ich bin in Heringen-Kleinensee (Hersfeld-Rotenburg) aufgewachsen, direkt an der Zonengrenze. Kleinensee und Großensee in Thüringen lagen so dicht beieinander, dass die DDR-Grenzer dort 1971 eine Mauer zwischen den beiden Orten bauten - genau wie in Berlin: drei Meter hoch, mit einem Rohr als zusätzlicher Sicherung oben. Ich vermute, die Mauer diente vor allem als Sichtschutz.

Schon als kleines Kind fragte ich mich: Wie kann das sein, dass ich nicht in unser Nachbardorf fahren kann mit meinem Fahrrad? Das erschien mir einfach komplett unnatürlich. Die Eltern erklärten mir, wie es zur Grenze kam. Dann fragte ich mich: Wie kann man das ändern?

Im Jahr 1971 wurde zwischen Heringen-Kleinensee (Hersfeld-Rotenburg) und dem thüringischen Großensee eine Mauer gebaut

Aber für uns kleine Bürger gab es ja keine Möglichkeit dazu. Noch nicht einmal die Regierungen in Bonn und Ost-Berlin hätten es ändern können. Meine ganze Jugend hindurch begleitete mich dieses Gefühl, dass die Grenze etwas völlig Unnormales war. Ich konnte mich nicht daran gewöhnen. Umso größer war dann die Freude über Gorbatschows Glasnost- und Perestroika-Politik, die dann letztendlich zur Grenzöffnung führte.

Wir waren quasi auf uns allein gestellt

Meine Großeltern erzählten mir, dass die Menschen in Kleinensee und Umgebung sich mehr nach Eisenach und Thüringen orientiert hatten als in die Kreisstadt Bad Hersfeld. Eisenach war weiter entwickelt als etwa Bad Hersfeld. Die Grenze schnitt die Kleinenseer davon ab. Danach war Kleinensee - genau wie Heldra bei Wanfried im Werra-Meißner-Kreis - auf drei Seiten von der Grenze umgeben. Wir konnten nur noch in eine Richtung unseren Ort verlassen.

Mäandernder Verlauf der innerdeutschen Grenze bei Heringen-Kleinensee (Hersfeld-Rotenburg) im Jahr 1975

Wir waren quasi auf uns allein gestellt, hatten aber eine rege Dorfgemeinschaft mit vielen Vereinen, etlichen Gewerbebetrieben und allein vier Tante-Emma-Läden. Wir hatten sogar unseren eigenen Dialekt, das Kleinenseer Platt, das man nur dort sprach. Heute hört man den kaum noch, auch die Dorfgemeinschaft ist lang nicht mehr so lebendig wie damals. Aber das ist wohl in vielen Dörfern so.

Plötzlich offene Grenzen

Letztlich bin ich nach meiner Ausbildung Anfang der 1980er Jahre weggezogen - im Rhein-Main-Gebiet gab und gibt es einfach mehr Arbeitsplätze. Die Nachricht vom Mauerfall erfuhr ich wie jeder andere auch über das Fernsehen. Damit hatte keiner so richtig gerechnet, dann kam plötzlich die Verkündung der offenen Grenzen durch das Politbüromitglied Schabowski während jener Pressekonferenz am 9. November.

Wenige Tage später besuchte ich meine Eltern. Im Radio hörten wir, dass am selben Tag der Grenzübergang auf der A4 zwischen Wildeck-Obersuhl (Hersfeld-Rotenburg) und Gerstungen-Untersuhl (Thüringen) öffnet. Das war der 12. November 1989. Wir fuhren direkt dorthin, standen Spalier, winkten den Menschen zu, die mit ihren Trabis in den Westen hinüber fuhren. Ich habe viele Szenen mit meiner Pocket-Kamera festgehalten. Die Freude war auf beiden Seiten riesengroß.

Ein Soldat der Bundeswehr und viele Einwohner von Kleinensee stehen am 12. November 1989 am geöffneten Grenzübergang zwischen Wildeck-Obersuhl und Gerstungen am Straßenrand, während Trabis vorbeifahren

Das Protokoll führte Stephan Loichinger.