Grafik von einem Trabi, der durch die Mauer bricht, und von Katharina Höhn, die hier ihre Gedanken zur Wende darlegt

Zum 30. Jahrestag berichten hier Hessen, was der Mauerfall für sie persönlich bedeutet. Heute: Katharina Höhn. Sie ist mit einem gebürtigen Ostdeutschen zusammen. Die Gemeinsamkeiten zwischen beiden überwiegen die Unterschiede.

Am 9. November 1989 fiel die Mauer, die seit 1961 Ost- von West-Berlin getrennt hatte. In den folgenden Monaten wurden sämtliche Grenzübergänge zwischen der BRD und der DDR geöffnet. Von Thüringen strömten die Menschen in Trabis nach Hessen, wo vorher Minenfelder, hohe Zäune, Selbstschussanlagen und Grenzschützer das verhindert hatten.

In einer Serie auf hessenschau.de erzählen bis zu diesem Samstag, 9. November, Zeitzeugen, gebürtige Ostdeutsche und Nachgeborene, was sie mit dem Mauerfall verbinden. Zum Abschluss berichtet hier Katharina Höhn aus Frankfurt, was ihr zum Jubiläum einfällt. Die 39-Jährige arbeitet in einem Frankfurter Museum.

Katharina Höhn aus Frankfurt

Als die Mauer fiel, war ich neun Jahre alt. Meine Erinnerungen daran sind also sehr überschaubar. Meine Eltern standen jubelnd vor dem Fernseher, daran erinnere ich mich. Eigentlich lief der Fernseher nie bei uns, aber in diesen Tagen lief er oft.

Dass sich der Mauerfall nun zum 30. Mal jährt, löst gerade nichts weiter in mir aus. Natürlich höre und lese ich davon in den Nachrichten, aber ich muss mir aktuell über so viele andere Sachen Gedanken machen und so vieles erledigen, dass ich gar keine Zeit habe, weiter darüber nachzudenken. Aber die Bedeutung ist mir natürlich bewusst. Und mein Leben wäre in vielerlei Hinsicht ganz anders ohne den Mauerfall.

Mein Freund, der genauso alt ist wie ich, wuchs bei Gera auf, als Thüringen noch in der DDR lag. Voriges Jahr sahen wir gemeinsam eine mehrteilige Doku über die DDR, und ich hatte dann viele Fragen an ihn, wie er alles erlebt hat. Seine Familie betrieb eine Gaststätte, die mit der Wende kaputt ging. In unserem gemeinsamen Alltag ist das Thema aber nicht präsent, auch wenn wir uns ohne Wende wohl kaum getroffen hätten.

Weitere Informationen

4. November: Ein Ostdeutscher im Rhein-Main-Gebiet
5. November: Der Bürgermeister einer früheren Grenzstadt
6. November: Eine junge politik- und geschichtsinteressierte Frankfurterin
7. November: Aufgewachsen im Schatten der hessisch-thüringischen Grenze
8. November: Von Berufs wegen Grenzgänger
9. November: Eine Frau, die ohne Mauerfall ihren Partner nicht hätte

Ende der weiteren Informationen

Viele Erlebnisse, die für uns heute gemeinsam von Bedeutung sind, kamen erst in den Jahren danach, da war die Mauer längst gefallen. Da haben wir mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede: dass und was wir studierten, dass wir beide jeweils eine Zeitlang in Spanien lebten, und irgendwann fanden wir uns dann in Frankfurt.

Mein Freund studierte erst hier, dann in Jena, dann kam er hierher zurück zum Arbeiten in einer Agentur. Ab und zu treffen wir ein paar seiner Freunde aus der Jenaer Zeit, die ebenfalls in Ostdeutschland aufwuchsen. Manchmal stolpere ich über sprachliche Ausdrücke, die sie benutzen und die ich nicht kenne, aber das kommt vor bei Leuten, die aus einer anderen Region stammen. Voriges Jahr an Silvester saßen wir alle zusammen, etwa 20 Leute. Ich war die einzige, die nicht in Ostdeutschland aufgewachsen ist. Es gab Schnapspralinen, und alle außer mir waren verrückt danach, in Erinnerung an alte Zeiten. Aber ist das etwas typisch Ostdeutsches? Oder waren Schnapspralinen einfach in meiner Jugend kein Thema? Bei Gartenfesten gibt es manchmal Soljanka. Das ist dann schon klar ostdeutsch - mich persönlich kann man jagen mit dieser Wurstsuppe.

Die Begeisterung für Softeis kann ich allerdings teilen. Die Großmutter meines Freunds lebt in Gera. Das Softeis-Café liebt er schon seit seiner Kindheit, daher gehen wir hin, wenn wir die Oma besuchen. Das Eis ist immer noch super lecker.

Softeis-Café in Gera

Ein Unterschied, der klar mit der Herkunft aus West- oder Ostdeutschland zu tun hat, der mir einfällt: Wo wir als Kinder mit unseren Eltern Urlaub machten. Es liegt auf der Hand, warum mein Freund nie in Frankreich oder Spanien war, als er klein war.

Dank ihm habe ich allerdings ein paar Ecken in Ostdeutschland kennen gelernt. Wenn Freunde aus der Gegend um Gera feiern, dann ist es dort noch so richtig Land, ein Zustand zwischen nostalgisch und tragisch: leerstehende Häuser, hier und da noch ein Trabi, viel Grün.

Dass ich dort schon öfter zu Besuch war, empfinde ich durchaus als Bereicherung. Und auch, dass zum Beispiel Jena nicht mehr länger nur ein Ort an der Autobahn auf dem Weg nach Berlin ist. In Jena ist es nämlich richtig schön. Und um Jena herum auch.

Das Protokoll führte Stephan Loichinger.