Grafik von einem Trabi, der durch die Mauer bricht, und von Manon Metz, die hier über den Mauerfall erzählt

Zum 30. Jahrestag berichten hier Hessen, was der Mauerfall für sie persönlich bedeutet. Heute: Manon Metz, 27 Jahre alt. Sie empfindet es als Pflicht, dass gerade jüngere Deutsche sich mit ihrer Geschichte beschäftigen.

Am 9. November 1989 fiel die Mauer, die seit 1961 Ost-Berlin von West-Berlin getrennt hatte. In den folgenden Monaten wurden sämtliche Grenzübergänge zwischen der BRD und der DDR geöffnet. Von Thüringen strömten die Menschen in Trabis nach Hessen, wo vorher Minenfelder, hohe Zäune, Selbstschussanlagen und Grenzschützer das verhindert hatten.

In einer Serie auf hessenschau.de erzählen bis Samstag, 9. November, Zeitzeugen, gebürtige Ostdeutsche und Nachgeborene, was sie mit dem Mauerfall verbinden. Hier berichtet Manon Metz. Die 27-Jährige wohnt in Frankfurt und arbeitet in einer Kommunikationsagentur.

Manon Metz aus Frankfurt

Vor 30 Jahren ist zusammengewachsen, was zusammengehört. Mit dem Mauerfall verbinde ich die Freude darüber, dass sich alle Menschen hierzulande wieder frei bewegen können, Familien sich treffen können ohne Hindernisse und ohne Anträge stellen zu müssen. Dinge, die für mich dank dem Mauerfall selbstverständlich sind.

Weitere Informationen

Serie zum Mauerfall

4. November: Ein Ostdeutscher im Rhein-Main-Gebiet
5. November: Der Bürgermeister einer früheren Grenzstadt
6. November: Eine junge politik- und geschichtsinteressierte Frankfurterin
7. November: Aufgewachsen im Schatten der hessisch-thüringischen Grenze
8. November: Von Berufs wegen Grenzgänger
9. November: Eine Frau, die ohne Mauerfall ihren Partner nicht hätte

Ende der weiteren Informationen

Ich denke aber auch, dass wir immer noch ganz viel Arbeit vor uns haben. In manchen Köpfen steht die Mauer leider noch. Ich kenne Leute, die pauschal über "die Ostdeutschen" schimpfen. Dabei sind wir doch heute alle einfach Deutsche, nicht "Ossis" und "Wessis". Und ich kenne Menschen, die nicht auf die Idee kommen, dass sie statt nach Hamburg auch mal nach Erfurt oder Dresden fahren könnten. Ich selbst habe eine Weile lang in Berlin gelebt, wo man ja oft die frühere Grenze überquert, war in Dresden, Weimar, Erfurt, Leipzig, an der Ostsee, der Mecklenburgischen Seenplatte und der Sächsischen Schweiz. Ich verstehe nicht, dass manche einen Bogen um den ehemaligen Osten machen.

Man muss mit Menschen sprechen, die in der DDR lebten

Die DDR und den Mauerfall kenne ich natürlich nur aus dem Geschichtsunterricht, Museen und Berichten. Umso mehr empfinde ich persönlich es als eine Art Pflicht und auch die meiner Generation, mich aktiv über die Geschichte zu informieren, mit Menschen zu sprechen, die in der DDR gelebt und die ihre ganz individuellen Erfahrungen gemacht haben.

Als Studentin hatte ich das große Glück, Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung zu sein, und durfte im Rahmen dessen beispielsweise an einem Seminar in der Gedenkstätte Point Alpha zwischen Rasdorf (Fulda) und Geisa (Thüringen) teilnehmen. Dort sprachen wir mit einem Zeitzeugen, der schilderte, wie er in der DDR auf dem Land lebte, direkt an der Mauer, und welche Auswirkungen das System und die Mauer auf das Leben in der ländlichen Region hatten.

Interessant fand ich auch die Stasi-Unterlagen-Zentrale in Leipzig. Hier wurde mir so richtig vor Augen geführt, in welchem Ausmaß die Stasi Akten anlegte, selbst über Babys, deren Eltern überwacht wurden. Obwohl doch dem borniertesten Funktionär klar sein musste, dass kein kleines Kind eine Ideologie oder Agenda verfolgt.

Krass, dass Nachbarn einander bespitzelten

Aus heutiger Sicht und als jemand, der nach 1990 geboren wurde, finde ich auch schwer vorstellbar, was für ein riesiger Apparat die Stasi war, organisatorisch und personell, dass Nachbarn einander bespitzelten.

Mir vorzustellen, wie die Menschen in der DDR lebten, fällt mir nicht leicht. Vermutlich waren sie viel vorsichtiger, zurückhaltender in allem, vor allem in ihren Äußerungen, eben nicht so frei, auch wenn viele vielleicht ein normales Leben führten. Einmal habe ich mit einer Frau aus Berlin gesprochen, die erzählte, dass sie zur Zeit der Teilung Deutschlands in der nahe zur Mauer gelegenen Sonnenallee wohnte und dass man sie immer aus der Wohnung drängen wollte, vermutlich weil sie als nicht so systemtreu galt.

Geschichte war erfolgreich

Mit Blick auf 30 Jahre Mauerfall muss ich an den 25. Jahrestag zurückdenken, an dem ich in Berlin war. Der Verlauf der früheren Grenze war mit leuchtenden Luftballons markiert. Viele hatten sich in einem der unzähligen Berliner Spätis mit Bier eingedeckt und spazierten dann entlang der Strecke, später stiegen die Ballons in die Luft - als Symbol dafür, dass die Grenze sich aufgelöst hatte.

Schon das zeigt doch, dass die Geschichte insgesamt erfolgreich war und wir uns darüber freuen können. Sicher lief nach der Wiedervereinigung nicht alles richtig, aber ich erlaube mir dazu kein Urteil, schon allein weil ich damals noch nicht auf der Welt war - und im Nachhinein weiß man es ja oft besser. Sicher war es aber eine immense Herausforderung für alle Beteiligten, der man sich schnell, praktisch von heute auf morgen, annehmen musste.

Ein Umbruch verläuft vermutlich nie reibungslos

Dennoch halte ich es für verständlich, wenn Menschen, die im Osten leben, heute mit einigen Einschnitten oder Geschehnissen nach der Wende hadern. Für sie war es ein riesiger Umbruch, während sich für die Menschen im Westen kaum etwas änderte. Vermutlich kann so ein Umbruch niemals ganz reibungslos verlaufen. Ich will ganz sicher nicht die hohe Zustimmung zur AfD in Ostdeutschland gutheißen - im Gegenteil. Aber ich denke, man muss die Geschichte mitdenken, die uns ja beeinflusst und von der sich niemand ganz frei machen kann.

Für mich überwiegt vor allem die Dankbarkeit, dass eine friedliche Revolution unser heutiges Leben in dieser Form in ganz Deutschland möglich gemacht hat. Und ich bin froh, dass für viele Freunde und Bekannte auch im Kopf keine Grenze mehr existiert. Für mich sind Ost- und Westdeutsche genauso unterschiedlich wie Nord- und Süddeutsche - und ich glaube, das ist doch gut so.

Das Protokoll führte Stephan Loichinger.