Die Illustration zeigt einen Trabi, wie er durch die Mauer bricht, und Michael Kaufmann aus Hattersheim, der über den Mauerfall berichtet

Zum 30. Jahrestag berichten hier Hessen, was der Mauerfall für sie persönlich bedeutet. Heute: Michael Kaufmann, 36 Jahre alt. Er wuchs in der Nähe von Chemnitz auf, zog nach Hattersheim und sieht sich als Wende-Gewinner.

Am 9. November 1989 fiel die Mauer, die seit 1961 Ost-Berlin und West-Berlin getrennt hatte. In den folgenden Monaten wurden sämtliche Grenzübergänge zwischen der BRD und der DDR geöffnet. Von Thüringen strömten die Menschen in Trabis nach Hessen, wo vorher Minenfelder, hohe Zäune, Selbstschussanlagen und Grenzschützer das verhindert hatten.

In einer Serie auf hessenschau.de erzählen bis Samstag, 9. November, Zeitzeugen, gebürtige Ostdeutsche und Nachgeborene, was sie mit dem Mauerfall verbinden. Den Auftakt macht Michael Kaufmann. Der 36-Jährige wohnt in Hattersheim (Main-Taunus) und arbeitet in der IT-Branche im Kundendienst.

Michael Kaufmann aus Hattersheim

Ich bin in Mühlau aufgewachsen, einem Dorf mit 2.500 Einwohnern bei Chemnitz. Als die Mauer fiel, war ich sechs Jahre alt. Ich erinnere mich nicht daran, und ich war als Kind auch nicht politisch interessiert.

Weitere Informationen

Serie zum Mauerfall

4. November: Ein Ostdeutscher im Rhein-Main-Gebiet
5. November: Der Bürgermeister einer früheren Grenzstadt
6. November: Eine junge geschichtsinteressierte Frankfurterin
7. November: Aufgewachsen im Schatten der hessisch-thüringischen Grenze
8. November: Von Berufs wegen Grenzgänger
9. November: Eine Frau, die ohne Mauerfall ihren Partner nicht hätte

Ende der weiteren Informationen

Woran ich mich erinnere, ist meine erste Fahrt in den Westen. Wir waren in einem Kaufhaus oder Einkaufszentrum in Hof, alles war hell erleuchtet, und ich staunte in der Spielzeugabteilung. Oder war es die Süßigkeitenabteilung?

In unserem Dorf hat sich dann ja nicht gleich alles geändert. Die größte Veränderung für mich war, dass meine Gesamtschule zu einer Grundschule wurde. Wir hatten etliche Färbereien und Textilfabriken in unserem Dorf, davon wurden viele geschlossen. Die standen 20 Jahre lang leer, bevor sie abgerissen wurden. Als Jugendliche stiegen wir dort ein, machten alle möglichen Sachen. Irgendwann sagten uns die Lehrer in der Schule, dass wir das nicht durften.

Viele Skinheads, aber das war eher Mode

Sonst waren meine Kindheit und Jugend in den 1990er Jahren so wie woanders auf dem Land vermutlich auch: Wir sind oft mit dem Moped auf Feldwegen rumgefahren, obwohl wir keinen Führerschein hatten. Es gab zwar viele Skinheads, auch in meinem Freundeskreis. Dass sich Leute eine Glatze rasierten, Bomberjacke und Springerstiefel trugen, war aus meiner Wahrnehmung bei den meisten aber eher Mode als tatsächlicher Rechtsradikalismus. An rechte Gewalttaten kann ich mich nicht erinnern, es gab ja auch keine Ausländer bei uns und nur eine kleine linke Szene. Aus heutiger Sicht und angesichts der rechtsradikalen Attentate und Ausschreitungen in den vergangenen 20 Jahren denke ich, ich hätte mit denen damals mal reden sollen.

Im Dorf machten die kleinen Läden zu, dafür wurden Spielplätze und Fußballplätze angelegt, Mühlau bekam ein großes Gewerbegebiet. Dass viele Leute wegzogen, daran kann ich mich nicht erinnern. Jedoch fuhren viele auf Montage nach Westdeutschland, Österreich oder in die Schweiz.

Zurück nach Chemnitz? Niemals

Meine Familie war von den Fabrikschließungen nicht betroffen. Meine Mutter fand nach der Wende eine Stelle im öffentlichen Dienst. Als ich allerdings selbst einen Ausbildungsplatz suchte, fand ich in Chemnitz und Umgebung nichts. So kam ich nach Bad Bergzabern (Rheinland-Pfalz), lernte Kommunikationselektroniker bei der Bundeswehr.

Ins Rhein-Main-Gebiet kam ich 2005, und hier bleibe ich vermutlich auch. Zurückgehen nach Mühlau oder Chemnitz? Damit würde ich mir keinen Gefallen tun, die Jobsituation hier ist doch viel besser. Ich persönlich habe nur profitiert vom Mauerfall.

Von meiner Familie wohnen bis auf eine Cousine noch alle dort. Die Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland sind in unseren Gesprächen häufiger Thema, als mir lieb ist. Im Osten wird über die Verhältnisse natürlich viel öfter gesprochen. Mich nervt das.

Manche vergessen, was alles schlecht war

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zum Video Orte der Freiheit: Lindewerra

hs
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Gerade die Älteren wollen mitteilen, dass in der DDR nicht alles schlecht gewesen sei. Aber ich glaube, manchmal vergessen sie, was alles schlecht war. In manchen Köpfen steht noch die Mauer, aber es gibt nun mal keine DDR mehr. Meine Mutter arbeitet im Öffentlichen Dienst und verdient weniger als ihre Kollegen im Westen, aber sie schimpft nicht darüber.

Hier im Rhein-Main-Gebiet führe ich solche Gespräche kaum noch. Hin und wieder gibt es eine Anspielung, aber das geschieht meistens im Spaß. Früher hat mal der eine oder andere Arbeitskollege über Ossis gelästert ohne zu wissen, dass ich von dort komme. Das war ihm dann peinlich. Aber in der Stadt sind die Leute ohnehin offener als auf dem Land.

Ost- und Westdeutsche denken sehr ähnlich

Sicher hat sich hier im Westen nicht so viel verändert - andererseits verändern sich Ortschaften immer und überall. In Hattersheim wird auch wahnsinnig viel gebaut. Weil ich damals so klein war, kann ich das nicht so gut vergleichen mit meiner Heimatgegend.

Für mich besteht da nicht so ein großer Unterschied. Die Menschen in Ost und West sind doch nicht grundlegend unterschiedlich. Sie denken und leben sehr ähnlich und unterscheiden sich genauso viel oder wenig wie Nord- und Süddeutsche.

Das Protokoll führte Stephan Loichinger.