Grafik von einem Trabi, der durch die Mauer bricht, und Wilhelm Gebhard, der sich an die Wiedervereinigung erinnert

Zum 30. Jahrestag berichten hier Hessen, was der Mauerfall für sie persönlich bedeutet. Heute: Wilhelm Gebhard. Als Bürgermeister der früheren Grenzstadt Wanfried arbeitet der 43-Jährige mit seinen Kollegen in Thüringen eng zusammen.

Am 9. November 1989 fiel die Mauer, die seit 1961 Ost- von West-Berlin getrennt hatte. In den folgenden Monaten wurden sämtliche Grenzübergänge zwischen der BRD und der DDR geöffnet. Von Thüringen strömten die Menschen in Trabis nach Hessen, wo vorher Minenfelder, hohe Zäune, Selbstschussanlagen und Grenzschützer das verhindert hatten.

In einer Serie auf hessenschau.de erzählen bis Samstag, 9. November, Zeitzeugen, gebürtige Ostdeutsche und Nachgeborene, was sie mit dem Mauerfall verbinden. Hier erinnert sich Wilhelm Gebhard und gibt Einblick in seine Arbeit. Der 43-Jährige ist CDU-Mitglied und seit zwölf Jahren Bürgermeister in Wanfried. Die Stadt im Werra-Meißner-Kreis lag direkt an der deutsch-deutschen Grenze.

Wanfrieds Bürgermeister Wilhelm Gebhard (CDU) auf einem Fahrrad vor dem Rathaus

Mit dem Mauerfall verbinde ich große Freude. Damals war ich 13 Jahre alt, die Situation vor der Wiedervereinigung steht mir noch sehr präsent vor Augen.

Ich komme aus Wanfried, das direkt an der innerdeutschen Grenze lag und die östlichste Kommune Hessens ist. Mit meinem Vater und meinen Geschwistern ging ich dort oft an der Grenze spazieren. Das war beklemmend, unwirklich, aber auch hochspannend: die Wachtürme, die Patrouillen, die bewaffneten Grenzer. Die Vorstellung, dass Deutsche uns beobachten und dass auf der anderen Seite auch Deutsche leben, die aber nicht so frei wie wir sind.

Weitere Informationen

Serie zum Mauerfall

4. November: Ein Ostdeutscher im Rhein-Main-Gebiet
5. November: Der Bürgermeister einer früheren Grenzstadt
6. November: Eine junge politik- und geschichtsinteressierte Frankfurterin
7. November: Aufgewachsen im Schatten der hessisch-thüringischen Grenze
8. November: Von Berufs wegen Grenzgänger
9. November: Eine Frau, die ohne Mauerfall ihren Partner nicht hätte

Ende der weiteren Informationen

Ein Nervenkitzel war, möglichst nahe an die Grenze zu gehen - oder vielleicht mal einen Schritt darüber zu wagen. Der Grenzzaun stand ja schon etwa 20 Meter weit auf dem Gebiet der DDR, davor war ein Streifen, den wir Niemandsland nannten und den wir nicht betreten durften. Wir stellten uns vor, dass die Grenzer nach uns rufen, falls wir einen Schritt zu weit gehen. Ich traute mich das aber ohnehin nicht.

Grenzgräben binnen zwei Stunden zugeschüttet

Der Grenzübergang Katharinenberg/Wanfried wurde am 12. November 1989 geöffnet, drei Tage nach dem Mauerfall in Berlin. Wir erfuhren morgens im Radio davon. An jenem Tag feierten wir auch die Taufe meines Bruders, aber nach dem Gottesdienst und dem schnellen Mittagessen gab es kein Halten mehr. Wir gingen alle hoch zum Grenzübergang. Die Straße füllte sich mehr und mehr mit Menschen aus Ost und West. Das war ein Auflauf, den Wanfried so noch nie gesehen hatte!

Am Grenzübergang schütteten Bauarbeiter aus Eschwege und Pioniere der NVA (Nationale Volksarmee der DDR, d. Red.) die Gräben der Autosperren zu und planierten die alte Bundesstraße B249, die jahrzehntelang auf westlicher Seite vorwiegend nur Militär-, Zoll- und Polizeifahrzeuge sowie Grenztouristen genutzt hatten - alles innerhalb von zwei Stunden, an einem Sonntag. Dann machten sich die DDR-Bürger in ihren Trabis auf den Weg nach Wanfried. Die Autoschlange reichte vom Grenzübergang bis ins vier Kilometer entfernte Wanfried und weiter nach Eschwege. Das Werratal lag unter einer Glocke von Abgasen der Zweitaktmotoren. Das werde ich nie vergessen.

DDR-Bürger fahren am 12. November 1989 reihenweise in Trabis durch die Marktstraße in Wanfried (Werra-Meißner)

Ich aber fuhr an jenem Tag mit meinem Bruder entgegengesetzt in den Osten. Was wir sahen, war für mich wie eine andere Welt: die Häuser grau und braun vom Heizkohleruß, überall der Geruch nach Kohle. Das Passieren der einst unüberwindbar scheinenden Grenze war ein erhebendes Gefühl. Die Gesichter der DDR-Grenztruppen wirkten versteinert und hilflos.

Tränen der Freude flossen

Einen Tag später, am 13. November, wurde der Grenzübergang zwischen Großburschla auf DDR-Seite und Großburschla-Bahnhof, das zu Wanfried gehört, geöffnet. Das war ein Fest! Eine Blaskapelle führte einen Tross von Menschen an. Die Menschen aus Großburschla hatten Blumen dabei und steckten sie in die Instrumente der Musiker, Verwandte und Freunde fielen sich in die Arme, Tränen der Freude flossen auch hier. Die Grenze hatte ja Familien getrennt.

Neben meinem Elternhaus in Wanfried war ein kleiner Coop-Lebensmittelmarkt, der im Juni 1988 geschlossen hatte. Im Dezember 1989 öffnete er wieder, und ich weiß noch, dass er monatelang zunächst ausschließlich Südfrüchte verkaufte. Die DDR-Bürger rissen sich darum, jeden Tag waren die Südfrüchte fast ausverkauft. Damals fand ich das kurios. Später verstand ich natürlich, warum das so war.

Unsere Region ist ganz konkret zusammengewachsen

Unsere Region - mit Wanfried und Eschwege auf hessischer Seite und Treffurt, Mühlhausen und Eisenach auf thüringischer Seite - ist seit dem Mauerfall zusammengewachsen. Das stimmt mich persönlich glücklich, und als Bürgermeister von Wanfried muss ich sagen, dass unsere Stadt davon profitiert hat.

Früher waren wir wegen unserer speziellen Lage nach drei Seiten hin von der innerdeutschen Grenze umgeben. Seit 30 Jahren können wir nun in alle Himmelsrichtungen reisen. Das ist heute noch ein großartiges Gefühl. Wir liegen nicht mehr abgeschieden am Rand, sondern in der Mitte Deutschlands. Zwar besteht zwischen Wanfried und Treffurt eine Landesgrenze, aber die ist mir nicht so wichtig. Wir liegen doch näher an Dörfern und Städten in Thüringen als an vielen Orten im Werra-Meißner-Kreis. Bedauerlich finde ich nach wie vor, dass uns noch immer eine Zeitungsgrenze trennt. Deshalb ist ein stetiger Austausch mit den Amtskollegen in Thüringen für mich so wichtig.

Etliche Thüringer sind nach Wanfried gezogen und bringen sich hier ein, Menschen von beiden Seiten der Grenze haben geheiratet, auch so ist die Region ganz konkret zusammengewachsen. Arbeitnehmer pendeln von Thüringen nach Eschwege und von Wanfried nach Eisenach.

Zusammenarbeit bei Tourismus, Feuerwehren, Abwasserentsorgung

Ich bin seit zwölf Jahren Bürgermeister und pflege mit meinen Amtskollegen im Werra-Meißner-Kreis und im Wartburgkreis gute Beziehungen. Uns einen eine tief empfundene Freundschaft, gegenseitiger Respekt und das gemeinsame Ziel, unsere Landschaft im Herzen Deutschlands mit bezaubernden Orten und einer lebendigen Geschichte positiv zu entwickeln und noch wahrnehmbarer zu machen.

Wir treffen uns zweimal im Jahr, um über Formen der Zusammenarbeit zu sprechen. Beim Tourismus kümmern wir uns gemeinsam um unsere grenzüberschreitenden Rad- und Wanderwege und Kanuanlegestellen auf der Werra. Wir unterstützen die Interessengemeinschaft Heldrastein, die den ehemaligen Horchposten auf dem 503 Meter hohen Heldrastein zu einem Aussichtsturm und Ausflugsortlokal umgewandelt hat. Wir tauschen uns zur Kinderbetreuung intensiv aus und werden demnächst das Abwasser von Großburschla in die Kläranlage in Wanfried ableiten. Eine Win-Win-Situation für beide Kommunen, da der zuständige Abwasserverband in Thüringen keine Kläranlage bauen und unterhalten muss und sich in Wanfried die Gebührensituation verbessert. Unsere Feuerwehren pflegen eine enge Freundschaft, im Bedarfsfall unterstützt man einander. In ihrer Ausrückordnung sind Kollegen diesseits und jenseits der ehemaligen Grenze eingeplant.

Gastgeber des zentralen Festakts von Hessen und Thüringen

Außerdem feiern wir die runden Jahrestage der Grenzöffnung stets gemeinsam. In diesem Jahr ist sind die Stadt Treffurt, die Landgemeinde Südeichsfeld, die Gemeinde Geismar (alle Thüringen), die Gemeinde Weißenborn und die Stadt Wanfried Gastgeber des zentralen Festakts der Bundesländer Hessen und Thüringen. Darum haben wir uns gemeinsam beworben und freuen uns auf bewegende Momente und freundschaftliche Begegnungen.

Das Protokoll führte Stephan Loichinger.

Das hr-fernsehen sendet am Samstag, 9. November, 18 Uhr, live von der Wiedervereinigungsfeier in Wanfried.