Eine Gruppe von Pfadfinderinnen und Pfadfindern steht in Uniform auf dem Berliner Bahnhofsvorplatz.

Die christlichen Kirchen gelten manchen als altbacken, kämpfen mit Skandalen und verlieren Mitglieder. Zum Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt erklären eine Katholikin und ein evangelischer Christ, wie sie in ihren Jungendverbänden Mitglieder trotzdem begeistern wollen.

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Audioseite Programm des 3. Ökumenischen Kirchentags

Eine Frau steht auf einem überdimensionalen Stuhl, welcher an einem überdimensionalen Tisch platziert ist. Das Ensemble ist von unten fotografiert, so dass neben der Frau der ein Kirchturm und die Spitzen einiger Hochhäuser zu sehen sind.
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Es hätte eigentlich eine große Werbeveranstaltung mitten in der Stadt werden sollen: Wenn an diesem Donnerstag der Ökumenische Kirchentag in Frankfurt beginnt, dann werden viele Menschen davon nichts mitbekommen, denn wegen der Pandemie gibt es statt einer bunten Großveranstaltung ein größtenteils digitales Programm.

Dabei hätten die beiden großen christlichen Kirchen es momentan nötig, mit einem Fest neue Menschen für sich zu begeistern.

Mehr als eine halbe Million Kirchenaustritte

Den Kirchen laufen seit Jahren die Mitglieder davon. 2019 traten in Deutschland rund 270.000 Menschen aus der evangelischen Kirche aus, bei der katholischen Kirche waren es 272.771 - insgesamt also mehr als eine halbe Million und so viele wie nie zuvor. Auch in Hessen stiegen die Austrittszahlen zuletzt weiter.

Für die Jahre 2020 und 2021 gibt es kaum Hinweise auf eine Trendwende. Die Stadt Köln, deren Bistum wegen der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der Kritik steht, meldete im Frühjahr Überlastung bei der Hotline für Kirchenaustritte.

"Das kann ich zu 110 Prozent nachvollziehen", sagt Isabell Röll vom Bund der deutschen katholischen Jugend (BDKJ). "Weil die Kirche gerade so viele negative Schlagzeilen produziert, habe ich vollstes Verständnis, wenn Jugendliche und junge Erwachsene sagen: Ich brauche den Ort Kirche nicht mehr, um zu glauben."

"Warum nicht eine Frau als Bischöfin?"

Isabell Röll vom BDKJ Limburg

Isabell Röll ist ehrenamtliche Diözesanvorsitzende des BDKJ im Bistum Limburg. In diesem Dachverband vertritt die 28-Jährige die Interessen von rund 8.000 jungen Menschen, die sich in katholischen Jugendorganisationen engagieren: zum Beispiel bei den Pfadfindern oder bei den Maltesern.

Röll hält die katholische Kirche für "altbacken". "Sie geht nicht mit der Zeit, von der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare bis hin zu den Strukturen, wo Frauen immer noch als weniger wert angesehen werden. Dass die Kirche mit Scheuklappen durch das Leben geht, ist das größte Problem."

Von der katholischen Kirche wünscht sich Röll mehr Offenheit für kritische Fragen und andere Meinungen. "Außerdem müssen die Machtstrukturen überdacht werden. Warum nicht auch Frauen Priesterinnen werden lassen, warum nicht auch eine Frau als Bischöfin? Warum dürfen evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer heiraten und katholische nicht?"

"Kirche hört zwar hin, setzt aber wenig um"

Steffen Batz von der Evangelischen Jugend in Hessen und Nassau

In der evangelischen Kirche können Frauen schon lange Pfarrerin werden. Aber auch sie tue sich immer wieder schwer, junge Menschen angemessen zu beteiligen, klagt Steffen Batz, Vorsitzender der Evangelischen Jugend in Hessen und Nassau (EJHN). Er ist 22 Jahre alt und studiert an der Evangelischen Hochschule Darmstadt Soziale Arbeit und Gemeindepädagogik.

"Die Kirche hört gerne hin, setzt aber wenige Dinge um", sagt Batz. "Manchmal habe ich das Gefühl, man will junge Leute mitnehmen, aber man weiß nicht genau, wie." In vielen wichtigen Sitzungen der Landeskirche EKHN dürften Ehrenamtliche zwar dabei sein - die Themen und Abläufe würden aber oft zu wenig erklärt, sodass sie sich kaum sinnvoll beteiligen könnten, sagt Batz.

Kirche als große Familie

Warum sollten also junge Menschen überhaupt noch in der Kirche bleiben? Sie biete eine besondere Gemeinschaft, da sind sich Batz und Röll einig.

Das hat Isabell Röll als Jugendliche bei den Pfadfindern erlebt. "Für mich ist der Jugendverband irgendwann ein Zuhause geworden. Man kann Freundschaften knüpfen und weiß, dass man Ansprechpersonen hat, auf die man sich verlassen kann, und die sich für demokratische Prinzipien einsetzen."

Sie habe damals selbst erlebt, wie wichtig das für manche Jugendliche sei. "Wenn man zu einer Schicht gehört, die keine Familie erleben kann, auch wenn sie physisch da ist, ist man dankbar dafür."

Eine Gruppe von Jugendlichen singt und spielt Instrumente in einer Fußgängerzone.

Auch Batz kam durch Kinder- und Jugendfreizeiten zur Kirche. So gehe es vielen: "Die meisten, die sich bei uns engagieren, kommen wegen der Gemeinschaft, die sie bei den Freizeitangeboten erleben."

Der eigene Glaube müsse dabei auch nicht im Vordergrund stehen, sagt Batz. "Manche Jugendliche glauben nicht in der Strenge, in der ich das tue. Das ist völlig in Ordnung. Das Wichtigste in der Evangelischen Jugend ist, dass man sich einbringt und die christlichen Grundwerte schätzt."

Keine Konkurrenz zu Fridays for Future

Steffen Batz hat den Eindruck, dass sich seit einigen Jahren wieder mehr junge Menschen gesellschaftlich engagieren - zum Beispiel bei "Fridays for Future". Darin sieht er aber keine direkte Konkurrenz - wegen der unterschiedlichen Ausrichtungen: "Wir sind in vielen Themen mit drin: Klima- und Umweltschutz, aber auch 'Mental Health' (psychische Gesundheit, d. Red.), Kampf gegen rechts, und wir haben natürlich den religiösen Teil. Insgesamt haben wir ein breites Angebot."

Mit diesem breiten Angebot wollen Steffen Batz und seine Evangelische Jugend junge Menschen vom Kirchenaustritt abhalten. "Wir wollen Menschen umarmen - bildlich gesprochen. Wenn die Leute mal dabei waren bei einer großen Vollversammlung und diese engagierte junge Bewegung miterleben, dann bleiben sie auch."

Auch Isabell Röll will ihre katholische Kirche trotz aller Probleme nicht aufgeben. "Will ich vor einem Problem weglaufen - oder möchte ich andere davon überzeugen, in Strukturen der Kirche etwas zu bewegen? Das kann ich nur, wenn ich Mitglied der Kirche bin."

Sendung: hr-iNFO, 30.03.2021, 15.40 Uhr