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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Mangelnde Deutschkenntnisse bei Kindern - So geht Hessen damit um

Vier Schulkinder laufen auf Bürgersteig

Sollen Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse erst später eingeschult werden? Kultusminister Lorz findet die hitzige Debatte um diese Frage "absolut berechtigt". Hessen ist Vorreiter bei diesem Thema.

Mit seinen Aussagen zu fehlenden Deutschkenntnissen bei Kindern hat Carsten Linnemann (CDU) für bundesweite Diskussionen gesorgt. In der Rheinischen Post sagte er: "Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen. Hier muss eine Vorschulpflicht greifen, notfalls muss seine Einschulung auch zurückgestellt werden."

Dafür erntete Linnemann von vielen Seiten heftige Kritik. Sein Parteikollege, der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU), findet die von Linnemann angestoßene Debatte "absolut berechtigt". Lorz sagte dem hr: "Jedes Kind muss bereits bei der Einschulung über ein gewisses Sprachniveau verfügen, damit es dem Unterricht folgen kann. Das steht außer Zweifel."

Allerdings werde die Debatte an hessischen Schulen nicht mehr geführt, so Lorz: "Weil das, was Herr Linnemann fordert, längst Realität ist." Tests, Sprachkurse, spätere Einschulung - Hessen hat in Sachen Sprachförderung bundesweit eine besondere Rolle inne.

Wie ist die Situation in Hessen?

Hessen war das erste Bundesland, das flächendeckend Kurse zur Sprachförderung bei Kindern eingeführt hat. Seit 2002 gibt es die sogenannten Vorlaufkurse. Etwa eineinhalb Jahre vor der geplanten Einschulung werden die Kinder getestet. Sind ihre Deutschkenntnisse schlecht, wird den Eltern ein Vorlaufkurs neben dem Kindergarten empfohlen.

Noch sind diese Kurse freiwillig. Die Landesregierung plant aber laut Koalitionsvertrag, sie verpflichtend zu machen. Der Kultusminister bekräftigte dies am Donnerstag mit Blick auf die Linnemann-Debatte noch einmal. Lorz will im kommenden Jahr eine entsprechende Reform des Schulgesetzes auf den Weg bringen.

Auch die Regelung, die Linnemann ins Gespräch gebracht hat, gibt es in Hessen schon: Reichen die Deutschkenntnisse zum Zeitpunkt der gewünschten Einschulung nicht aus, kann ein Kind vom Schulbesuch zurückgestellt werden. Es muss dann ein Jahr lang stattdessen verpflichtend einen Sprachkurs besuchen.

Wie viele Kinder betrifft das?

Laut Angaben des Kultusministeriums hat sich die Zahl der Kinder, die einen freiwilligen Kurs besuchen, bei durchschnittlich 11.000 pro Schuljahr eingependelt. Das Angebot werde von rund 95 Prozent der Eltern angenommen und betreffe keinesfalls nur Kinder, deren Eltern einen Migrationshintergrund hatten.

Bei etwa 1.000 Kindern pro Schuljahr seien die Deutschkenntnisse so schlecht, dass die Einschulung zurückgestellt und ein verpflichtender Kurs angeordnet wird. Im vergangenen Jahr wurden in Hessen knapp 53.000 Kinder eingeschult, die Zahl ist seit Jahren ähnlich.

Hat sich das Konzept bewährt?

"Nach mehr als 15 Jahren Erfahrung ein klares Ja!", betonte Kultusminister Lorz. Nach eigenen Erhebungen des Kultusministeriums verbesserten sich die sprachlichen Fähigkeiten bei 96 Prozent der Kinder, die an den Kursen teilgenommen haben.

Unter Experten ist es allerdings umstritten, welche Art von Sprachförderung bei Kindern am besten funktioniert. Es fehle an einer guten, systematischen Untersuchung der Ergebnisse, wird immer wieder angemahnt. Das bestätigte auch das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache. 2013 untersuchten die Wissenschaftler Dutzende von Studien zur Wirksamkeit von Sprachförderung. Ergebnis: Viele davon hätten Mängel, Rückschlüsse auf die erfolgreichsten Modelle seien nur sehr eingeschränkt möglich.

Wie regeln es andere Bundesländer?

Bildung ist Ländersache – und so hat jedes Bundesland eigene Regelungen. Wann die Kinder getestet werden und welche Konsequenzen negative Ergebnisse haben, ist sehr unterschiedlich. Im Nachbarland Rheinland-Pfalz zum Beispiel werden Kinder vor der Einschulung nicht getestet. In Hamburg dagegen wird ihre Sprachkompetenz schon mit viereinhalb Jahren untersucht. Wer schlecht abschneidet, muss ein Jahr vor der Einschulung schon eine Vorschulklasse mit spezieller Förderung besuchen.

Dass die Einschulung zurückgestellt werden kann, ist in Deutschland eher selten. Neben Hessen behält sich zum Beispiel noch Bayern diese Möglichkeit vor.

Wird sich daran etwas ändern?

Bei allen Unterschieden diskutieren die Länder auch gemeinsam über dieses Thema: Hessen hat in diesem Jahr die Präsidentschaft der Kultusministerkonferenz inne, als Schwerpunktthema hat es sich "Stärkung der Bildungssprache Deutsch" erwählt. Das zeige den Stellenwert dieses Themas in der Bildungspolitik des Landes, so Lorz.

Zur Frage, ob die aktuelle Debatte sich auch in bundesweiten Regelungen niederschlagen werde, sagte er: "Im Dezember werden alle Länder auf Initiative Hessens zudem eine gemeinsame Empfehlung verabschieden, wie sie zukünftig vorgehen wollen."