Timo Becker an der Skate-Anlage im Osthafen vor der EZB

"Du Schwuchtel" - unter Schülern ist das ein alltägliches Schimpfwort. Theaterpädagoge Timo Becker kämpft seit drei Jahren mit seinem Kabarett-Programm "Homologie" gegen Homophobie an Schulen. hessenschau.de hat den 35-Jährigen bei einer seiner besonderen Unterrichtsstunden begleitet.

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Timo Becker tupft sich Puder ins Gesicht, setzt seine Basecap verkehrt herum auf und zieht ein schwarz-rotes Karohemd an. Fertig ist "Malte Anders", eine Kunstfigur, die er geschaffen hat.

Maltes Job: Schülerinnen und Schüler in 50 Minuten über Homosexualität, Vielfalt und Toleranz aufzuklären. Die rund 150 Achtklässler der Kurt-Schumacher-Gesamtschule in Karben kichern und tuscheln. Gespannte Blicke, als Timo Becker als "Malte Anders" auf die Bühne stolpert.

Das "Homo-Gen" suchen Forscher vergeblich

Deutsch, Biologie, Mathe, Sport und Erdkunde - die Informationen und Fakten über Homosexualität verknüpft der 35-Jährige mit gewöhnlichen Unterrichtsfächern. Ein Beispiel aus dem Bio-Unterricht: "Kann Homosexualität vererbt oder anerzogen werden?" Die Antwort liefert er, indem er ein fiktives Gespräch zwischen sich und seiner Mutter nachstellt. "Ordnung und Sauberkeit" - das habe ihm seine Mutter anerzogen.

"Werde schwul! Das hat sie mir nicht beigebracht und auch nicht vererbt, denn ein Homo-Gen, das für die Vererbung von Homosexualität verantwortlich ist, haben Forscher noch nicht gefunden."

Zu Beginn der Show lachen die Jugendlichen noch verhalten. Homosexualität in der Tierwelt, ein Foto-Quiz mit Prominenten - die Stimmung wird immer gelöster. Im Fach Mathe rechnet Becker vor, wie viele Menschen in Deutschland im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung homosexuell sind. Stille kehrt ein, als er erklärt, dass Homosexualität in Saudi-Arabien mit Peitschenhieben bestraft wird.

Kritische Fragen und Mut zum Outing

Es ist bereits Beckers vierter Besuch an der Gesamtschule in Karben. Sexualkunde stehe zwar im Lehrplan, spiele aber sonst eine "eher untergeordnete Rolle", erklärt Schulleiterin Ursula Hebel-Zipper.

Beckers Auftritte ziehen ganz verschiedene Reaktionen nach sich, weiß Schulsozialarbeiterin Anette Kehrbaum zu berichten. Nach einer seiner Shows musste sie Nachgespräche führen, weil Jugendliche empört waren. Andere Schülerinnen und Schüler bedankten sich, weil Becker ihnen Mut für ein Outing gemacht hatte.

Respekt als Rezept

Mit seinem "Homologie"-Programm will Becker den Jugendlichen verdeutlichen, dass vermeintliches Anders-Sein und Homosexualität völlig normal sind. "Schwuchtel" und "schwul" sind jedoch übliche Schimpfwörter auf Schulhöfen - dagegen geht Becker an.

Sein Rezept gegen Homophobie? Miteinander sprechen, sich austauschen und einander kennenlernen. Über allem stehe der respektvolle Umgang miteinander. "Nicht ich, sondern diejenigen, die ein Problem mit meiner sexuellen Orientierung haben, müssen an einer Lösung arbeiten."

Anonyme Kritik fällt oft deftig aus

Er selbst hat sich erst nach seiner Schulzeit mit 19 Jahren geoutet. Schwulenfeindliche Mitschüler und Lehrer hätten für ihn ein Outing zu Schulzeiten undenkbar gemacht. Dass auch schwulenfeindliche Schülerinnen und Schüler im Publikum sitzen, erfährt Timo Becker bei jedem seiner Auftritte. Unter das Gelächter und den Beifall mischen sich immer wieder Buh-Rufe.

Am Ende des Auftritts können die Jugendlichen anonym Fragen auf Zettel schreiben. Da bekommt er schon mal ein "Du Sünder" zu lesen. "Viele Schüler, speziell aus Kulturkreisen, in denen Homosexualität verboten ist, empfinden meinen Auftritt als unerhört." In manchen Elternhäusern werde vermittelt, dass nur "Adam und Eva" richtig seien und nicht auch "Hans und Paul".

Was ist schon "normal"?

Bei seinem Auftritt in Karben bleiben beleidigende Fragen aus. "Warum er nicht einfach normal sein könne", wird trotzdem gefragt. "Wer definiert, was normal ist? Ich führe ein ganz normales Leben, mit meinem Freund in Frankfurt. Für mich wäre es unnormal ein heterosexuelles Leben zu führen."

Bei einigen Schülerinnen und Schüler zeigt die "Homologie-Stunde" direkt Wirkung. "Wenn mal wieder jemand meinen Freund als 'Schwulen' bezeichnet und ihm Prügel androht, dann werde ich dazwischengehen", erklärt der 15-jährige Chinh.

Weitere Informationen

Seit 2016 tourt Theaterpädagoge Timo Becker mit seinem Programm "Homologie" durch Deutschland. Bundesweit hat er es schon an mehr als 200 Schulen gespielt. In Hessen besucht er in diesem Jahr über 50 Schulen. Seine ersten Auftritte hat er durch Crowdfunding finanziert. In der Regel bezahlen die Schulen seinen Auftritt aus eigenen Mitteln. Entwickelt hat er das Programm mit Art-Q, einem Verein, der Kulturprojekte umsetzt.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 24.06.2019, 19.30 Uhr