Ausschnitt aus Querdenker Chatgruppe

Die Corona-Regeln haben bei Menschen für Frust gesorgt. Bei einigen führt er zu Hass und Beleidigungen - angefeuert durch Chatgruppen, die den "Querdenkern" nahestehen. Im Kreis Limburg-Weilburg hat das zu einer Morddrohung geführt.

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Schock für die Mitarbeiter im Schulamt Weilburg: Seit sie die Corona-Schutzregeln umsetzen müssen, bekommen sie viel Kritik, aber auch Hass ab. Der traurige Höhepunkt wurde vor ein paar Wochen erreicht: Ein Mensch droht den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sie umzubringen, falls die Corona-Maßnahmen nicht sofort eingestellt werden.

Diese offene Morddrohung, die mit echtem Namen unterschrieben wurde, war zwar ein Einzelfall, dennoch ist Sprecher Dirk Fredl besorgt: "Wir alle versuchen im Moment, das Beste für die Schülerinnen und Schüler vor Ort zu erreichen, und da ist es natürlich schon unerfreulich, wenn man dafür beschimpft, beleidigt und bedroht wird."

Der Hass schlägt aber nicht nur den Mitarbeitern in Limburg-Weilburg entgegen. Das Kultusministerium teilt dem hr auf Anfrage mit, dass vor allem die Beraterinnen und Berater an den Telefon-Hotlines immer wieder mit Beleidigungen und Anschuldigungen zu kämpfen haben. Besonders, wenn es um mögliche Impfungen für die Kinder geht. "Die Vorwürfe gehen in der Regel in die Richtung 'staatlich-gelenkte Zwangsimpfung' und kommen aus der Ecke derjenigen, die auch die Masken- und Testpflicht abgelehnt haben."

Kritik entlädt sich im Netz

Drohungen, Beleidigungen, Hass: Die erlebt auch Lokaljournalist Mika Beuster aus Weilburg in letzter Zeit immer wieder. Jeden Tag, sagt er, bekomme er Mails oder anonyme Anrufe. Darin wird er wahlweise "Missgeburt", "Schmierenjournalist" oder "Prostituierte der Regierung" genannt.

Er beobachtet die "Querdenker"-Szene in der Region seit längerem und hat sich durch seine Berichte im Weilburger Tageblatt dort unbeliebt gemacht. Beuster macht sich vor allem Sorgen um regionale Chatgruppen, zum Beispiel im Messengerdienst Telegram, in denen verunsicherte Eltern auf "Querdenker" mit extremen Ansichten treffen.

Viele äußern verständliche Sorgen und Nöte

In diesen Gruppen tauschen sich hunderte Kritikerinnen und Kritiker aus, vor allem wenn es um die Regeln wie Masken- und Testpflicht in den Schulen geht. Viele Nutzerinnen und Nutzer tun das in angemessener Form. "Das sind durchaus besorgte Eltern, die fürchten, ihre Kinder könnten stigmatisiert werden, wenn sie einen positiven Coronatest haben. Oder Eltern, die sagen, dass es die Konzentration stört, wenn Kinder mehrere Stunden am Tag die Maske aufhaben. Das sind ja berechtigte Ängste und Nöte", findet Lokaljournalist Beuster.

Immer wieder mischen sich aber Scharfmacher in den Gruppen ein. Sie werfen beispielsweise den Eltern, die die Hygieneregeln befolgen, vor, mit einem "Regime" zusammenzuarbeiten, das bald am Ende sei. Oder sie vergleichen die Corona-Maßnahmen sogar mit dem Massenmord an den Juden während der Nazi-Zeit.

"Letztes Aufbäumen" der "Querdenker"

"Es sind einige wenige, deren Namen immer wieder auch in anderen 'Querdenker'-Gruppen auftauchen. Man merkt, die hüpfen immer wieder von einem Chat zum nächsten", so Beuster. Sie versuchten, die Stimmung zu vergiften und besorgte Eltern durch Desinformation auf ihre Seite zu ziehen.

Portrait Mika Beuster

Die anfängliche, durchaus berechtigte Kritik an umstrittenen Maßnahmen wie Schulschließungen und Ausgangssperren gerate zunehmend in den Hintergrun, beobachtet Beuster. Die Stimmung werde dadurch auch vor Ort bei manchen radikaler - bis hin zu Forderungen, das demokratische System zu stürzen. "Das liegt durchaus an diesem harten Kern, der im Raum Limburg ansässig ist", meint Beuster.

Doch dieses Ziel zu erreichen, gelinge den Scharfmachern immer schlechter - weil sich die Corona-Lage entspanne, sagt der Reporter: "Ich kann schon merken, dass das jetzt ein letztes Aufbäumen ist. Jetzt wird noch mal alles an Aktivierungspotenzial genutzt, was da ist, weil man merkt: Mit jeder Corona-Impfung schwindet deren Basis, Menschen aktivieren zu können."

Schulamt zeigt Morddrohung an

Die Mitarbeiter im Weilburger Schulamt haben die Morddrohung inzwischen angezeigt. Die Polizei ermittelt gegen den mutmaßlichen Verfasser. Sprecher Dirk Fredl hofft, dass so etwas nicht noch einmal passiert. Die Ängste und Unsicherheit bei vielen könne er verstehen. Er wünsche sich aber, dass diese Menschen in Zukunft lieber direkt mit dem Schulamt darüber sprächen, statt sich in Chatgruppen aufwiegeln zu lassen. "Ich denke, dann kann man viel klären, bevor eine Emotionalität reinkommt, die weder der Sache noch dem Kind hilft."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 28.05.2021, 19.30 Uhr