Wegen Corona geschlossener Kiosk

Die Verordnungen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus lähmen Wirtschaft und öffentliches Leben. Die Debatte darüber wirft ethische Fragen auf: Sind diese Eingriffe richtig? Was wäre die Alternative? Letztlich zielt die Frage ins Leere, sagt Sozialethiker Christof Mandry.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ethische Fragen in der Corona-Krise

Christof Mandry
Ende des Audiobeitrags

Seit Montag gilt in Deutschland die Kontaktsperre: Das Treffen von mehr als zwei Personen in der Öffentlichkeit ist verboten. #wirbleibenzuhause wird derzeit ganz groß geschrieben. Laut Deutschlandtrend finden 95 Prozent der Bevölkerung die Verbote richtig. Denn es geht um den Schutz der Gesundheit und letztlich um den Schutz von Menschenleben.

Andere bangen gleichzeitig um ihre berufliche Existenz. Kulturelles und soziales Leben findet so, wie wir es kennen, nicht mehr statt. Die Wirtschaft kommt zum Großteil zum Erliegen. Experten sagen weltweit schwere Rezessionen voraus.

Wie lautet die richtige Strategie im Umgang mit dem Corona-Virus? Welche Opfer sind okay? Der republikanische Vize-Gouverneur Dan Patrick aus Texas sagte in einem Fernsehinterview mit FOX News, es könne nicht sein, dass die Wirtschaft der Corona-Krise geopfert werde. Man müsse darüber diskutieren, ob es nicht besser sei, die älteren Bürger zu opfern. Auch er als Senior und somit Angehöriger einer Risikogruppe wäre bereit, dieses Risiko einzugehen.

Auch in Deutschland gibt es Stimmen, die die Maßnahmen kritisieren. Der Investor Alexander Dibelius stellte dem Handelsblatt gegenüber die Frage, ob es richtig sei, zehn Prozent der wirklich gefährdeten Bevölkerung zu schonen, während 90 Prozent samt der gesamten Volkswirtschaft extrem behindert würden. Diese Abwägungen werfen vor allem ethische und moralische Fragen auf, sagt der Theologe und Sozialethiker Christof Mandry, Professor an der Goethe-Universität Frankfurt.

hessenschau.de: Was ist Ihrer Meinung nach aus ethischer Sicht der wichtigste Faktor in dieser Debatte?

Christof Mandry: Ich finde es nachvollziehbar, dass Leute diese Einschränkungen, die ja auch weitgehend sind, als belastend empfinden. Zumal die wenigsten in ihrem Leben so etwas je erlebt haben. Es ist aber auch wichtig zu sehen, dass die Rettung von Menschenleben natürlich ein sehr hohes Gut in unserer Gesellschaft - und auch ethisch betrachtet - ist. Deshalb sehe ich diese weitgehenden Maßnahmen auch als gerechtfertigt an.

Es geht ja nicht nur um Menschenleben, sondern es geht auch um die Gesundheit von Menschen, für die das Virus möglicherweise gesundheitliche Langzeitfolgen hat. Das wissen wir jetzt alles noch nicht. Und dann denke ich, dass wir als Gesellschaft und die Regierung dazu verpflichtet sind, das Ziel des Lebensschutzes zu verfolgen.

hessenschau.de: Kritische Stimmen hinterfragen die politischen Maßnahmen. Wie weit muss Solidarität gehen?

Mandry: Ja, das ist die Frage nach einer Abwägung mit anderen Gütern. Ich denke aber, dass wir uns da von dieser puren Gegenüberstellung losmachen müssen. Wir sind als Gesellschaft zur Solidarität verpflichtet und zwar vor allem zunächst mal zur Solidarität mit denen, die sich in ihrer Gesundheit bedroht sehen. Aber auch mit denen, die sich im Gesundheitswesen gerade aufopferungsvoll um diese Leute kümmern.

Auf der anderen Seite sind wir aber auch den Menschen zur Solidarität verpflichtet, die ökonomisch stark beeinträchtigt sind. Man kann natürlich auch nicht erwarten, dass große Bevölkerungsgruppen die komplette Verarmung oder eine vollständige Veränderung ihres Lebensstils in Kauf nehmen, um die gesundheitlich Gefährdeten unter uns zu schützen und zu retten. Sondern das muss gesamtgesellschaftlich aufgefangen und allgemein getragen werden.

Das ist in meinen Augen auch die Position, die ich bei unserer Regierung momentan wahrnehme. Es werden große Programme aufgelegt oder geplant, um die wirtschaftlichen Folgen abzuschwächen.

hessenschau.de: Nicht alle sehen das Menschenleben als das höchste Gut an. Wie nehmen Sie das wahr?

Mandry: Es gibt tatsächlich unterschiedliche Ansätze. Ich denke aber, dass Menschenleben und das Recht auf den Schutz des Menschenlebens einer der obersten Grundsätze unserer Verfassung und unserer Moral ist.

Aber es gibt auch ethische Ansätze. Eine Position ist etwa, dass man die Situation abwägen müsse. Da steht die Forderung im Raum, die Gefährdung einiger weniger und die Belastung ganz vieler in ein Gleichgewicht zu bringen. Diesem Ansatz würde ich widersprechen. Aber letztlich ist es dann auch eine Auseinandersetzung zwischen moralischen Standpunkten.

Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass wir von unserem Grundkonsens, unserem Verfassungsverständnis her der Auffassung sind, dass sich Menschenleben und auch der Gesundheitsschutz nicht gegen wirtschaftliche oder freiheitliche Güter aufwiegen lassen. Das müssten dann gleichwertige Güter sein. Und das kann letztlich nur Leben gegen Leben sein.

hessenschau.de: Wie wird unsere Gesellschaft aus dieser Krise hervorgehen?

Mandry: Einschränkung des öffentlichen Lebens gehen natürlich nicht spurlos an einer Gesellschaft vorbei. Aber damit ist ja nicht gesagt, dass Corona eine Krise ist, aus der unsere Gesellschaft zerstört und innerlich ruiniert hervorgeht. Ich sehe die Solidaritätsnetzwerke, die sich gerade aufbauen. Es ist eine Krise, aus der man auch mit der Antwort darauf herausgehen kann, warum wir uns eigentlich diesen Einschränkungen unterwerfen. Eben weil wir uns nämlich solidarisch sehen.

Das heißt nicht nur, dass ich mich einschränke, damit die anderen nicht weiter gefährdet werden. Sondern ich kann eben auch noch anderes tun. Ich kann meinen Nachbarn helfen, ich kann Leute anrufen, die ich schon länger nicht mehr angerufen habe, um die Kommunikation dadurch zu ersetzen. Es gibt schon die Möglichkeit, aus dieser Krise als Gesellschaft verändert - aber in einem positiven Sinn - hervorzugehen.

Das Interview führte Sophia Luft.

Sendung: hr-iNFO, 30.03.2020, 6.10 Uhr