Bombenkrater im "Wehrholz"

Weil in einem Wald bei Gießen viele Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg vermutet werden, wird er stillgelegt. Der Schritt ist ungewöhnlich - aber wirtschaftlich.

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hs
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Still und friedlich steht der Wald unter einer feinen Schneeschicht, die kahlen Äste der Bäume in den Winterhimmel gestreckt. Der Name "Wehrholz" dagegen verrät schon eine militärische Vergangenheit. Aber, erklärt Langgöns' Bürgermeister Horst Röhrig (SPD): Der Wald heißt so seit der Zeit, als hier noch die Grenze zwischen Preußen und Hessen verlief.

Ein paar trampolingroße Krater im Boden deuten dagegen auf die jüngere Geschichte des Gebiets zwischen der Gemeinde Langgöns (Gießen) und dem Ortsteil Niederkleen hin: Im Zweiten Weltkrieg unterhielt hier die Luftwaffe einen als Bauernhof getarnten Flugplatz.

Und den bombardierten die Alliierten um Heiligabend 1944 so heftig, dass man bis heute nicht weiß, ob wirklich alle Blindgänger gefunden wurden. Die Gemeindeversammlung Langgöns hat deswegen am Donnerstagabend beschlossen, den Wald stillzulegen.

Bomben verrotten nicht

Stefan Ambraß, Leiter des Forstamts Wetzlar.

Stefan Ambraß, Leiter des zuständigen Forstamts Wetzlar, steht vor einem der etwa 60 Krater und blickt sich um. "Ein Buchen-Eichen-Mischwald, über 180 Jahre alt - an sich wäre das hier gutes Holz". Nur kann man eben nicht ausschließen, dass noch Blindgänger im Wald liegen, die losgehen könnten, wenn die Arbeiter mit schwerem Gerät durch den Wald fahren und so den Boden verdichten. Eine weitere Gefahr lauert beim Fällen, erklärt Ambraß: "Man sägt den Baum unten ab, er fällt auf die Waldfläche. Das führt zu Erschütterungen im Boden."

Denn, so erklärt der Leiter des Kampfmittelräumdienstes beim Regierungspräsidium Darmstadt, Dieter Schwetzler, Blindgänger seien im Wald häufig unsichtbar, aber nahe der Erdoberfläche. "Die Bomben liegen im Erdreich bei konstanter Temperatur und luftdichtem Abschluss und verrotten nicht." Das Problem sei: "Die sind zwar von außen angerostet, aber das Innenleben ist okay, der Sprengstoff ist okay, und die Zünder sind auch noch in Ordnung."

Den Wald zu untersuchen wäre viel zu teuer

Und dann stecken noch Metallsplitter von den Bomben in den Bäumen, von außen kaum zu sehen. Wenn sie nicht schon bei der Ernte Probleme machen, können sie spätestens im Sägewerk "zu großen Schäden führen", sagt Ambraß. Entsprechend schlecht sind die Preise, die man für so genanntes "Splitterholz" erzielt.

Umgekehrt wäre es unwirtschaftlich, die Waldfläche systematisch nach Blindgängern absuchen zu lassen - 750.000 Euro, schätzt Röhrig, würde das kosten. Bei den aktuellen Preisen müsste die Gemeinde den Wald 300 Jahre lang bewirtschaften, um diesen Betrag wieder reinzuholen.

Daher will die Gemeinde den Wald nun stilllegen, er bleibt sich selbst überlassen. Das Forstamt kümmert sich lediglich darum, dass die Wege frei und sicher bleiben, wird aber ansonsten keine Bäume mehr fällen oder pflanzen. Die Gemeinde wird Schilder aufstellen mit dem Hinweis auf die mögliche Munitionsbelastung. Besucher sollen die Wege nicht verlassen. Und jenseits der Wege entsteht hier nach und nach ein 25 Hektar großer Urwald.

"Man wird auch in 100 Jahren noch Bomben finden"

Horst Röhrig, im Hintergrund das betroffene Waldstück.

All das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme, betont Bürgermeister Röhrig, von einer akuten Gefahr für die Allgemeinheit geht er nicht aus. Ansonsten hätte ja schon in den 74 Jahren seit Kriegsende etwas passieren müssen, als zum Beispiel auch die US-Armee hier eine Kaserne unterhielt - oder als einfach mal ein Wildschwein durch das Unterholz lief.

Der Kampfmittelräumdienst empfiehlt dennoch, bei Waldspaziergängen grundsätzlich auf den Wegen zu bleiben. "Es wurde so viel Munition abgeworfen, man wird auch in 100 Jahren noch Bomben finden", sagt Schwetzler Und gerade bei schlechter Witterung oder weil dort strategisch wichtige Ziele vermutet wurden, seien auch immer wieder Bomben im Wald gelandet, wo man sie nicht erwarten würde. "Man konnte ja auch noch nicht so gut zielen damals."