Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: An der Grundschule «John Brinckman» werden am die Erstklässler begrüßt.

Die überraschende Anküngigung des Landes, Kitas und Grundschulen noch vor den Sommerferien regulär für alle Kinder zu öffnen, stößt auf Kritik. Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer spricht von einem Experiment, die Lehrergewerkschaft fühlt sich nicht ernst genommen.

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hessenschau vom 10.06.2020
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Es war eine überraschende Ankündigung, die Ministerpräsident Volker Bouffier, Kultusminister Alexander Lorz (CDU) und Sozialminister Kai Klose (Grüne) am Mittwochmorgen in Wiesbaden machten: Noch vor den Sommerferien, nämlich am 22. Juni, soll an den Grundschulen wieder täglich unterrichtet werden - und zwar in allen Klassenzimmern. Die Abstandsregel wird ebenfalls aufgehoben. Zwei Wochen später sollen dann auch wieder alle Kinder in die Kitas dürfen.

Die Landesregierung begründete diesen Schritt erstens mit den seit Tagen niedrigen Infektionszahlen in Hessen. In keiner Situation sei das Gesundheitswesen überlastet gewesen, sagte Bouffier bei der Vorstellung der Lockerungen in Wiesbaden. Zweitens dürfe man den Kindern das Recht auf Bildung nicht auf unbestimmte Zeit vorenthalten, so der Regierungschef. Die Schließung der Kitas und Schulen sei eine außerordentliche Belastung für die Familien. Im Schnitt dürfen die Kinder im eingeschränkten Regelbetrieb nur an ein bis zwei Tagen in den Präsenzunterricht.

Drittens - und dieser Punkt ist nicht unumstritten - beruft sich Kultusminister Lorz auf eine Studie der vier Universitätskliniken in Baden-Württemberg. Diese Studie sei zu dem Ergebnis gekommen, "dass Kinder nicht nur seltener an Covid-19 erkranken, sondern sich auch seltener mit dem Virus infizieren als Erwachsene", heißt es in einem Schreiben des Ministeriums an die Schulleitungen, das hessenschau.de vorliegt. Aus diesem Grund würden die Abstandsregelungen im Schulbetrieb keine entscheidende Rolle spielen, der Normalbetrieb sei wieder möglich.

Virologe Stürmer: "Zu wenige Daten bei Kindern"

Die hessischen Lehrergewerkschaften und der Frankfurter Virologe Martin Stürmer sehen das anders. Die Datenlage sei deutlich unklarer als vom Kultusministerium dargestellt, sagte Stürmer am Mittwochnachmittag in der hessenschau. "Ein gewisses Experiment ist schon dahinter." Denn die Studie aus Baden-Württemberg habe bisher nur ergeben, dass Kinder nicht deutlich infektiöser seien als Erwachsene - nicht aber, dass sie das Virus bremsen würden. "Außerdem liegt noch kein Endergebnis vor. Wir sollten diese Studie nicht überbewerten", so Stürmer.

Da die Krankheit bei Kindern zumeist milder verlaufe als bei Erwachsenen, sei eine Corona-Infektion bei ihnen mutmaßlich seltener aufgefallen und daher auch seltener getestet worden, sagte der Virologe. Auch die Langzeitfolgen seien bei Kindern kaum erforscht. "Ob Langzeitnebenwirkungen auftreten, wissen wir nicht. Es gibt nur wenige Daten über Kinder."

Stürmer hätte sich gewünscht, mit der Rückkehr zur Normalität an den Grundschulen und Kitas noch zu warten, bis weitere valide Studienergebnisse vorliegen. Seit diesem Mittwoch sammelt etwa die Frankfurter Uniklinik für eine Studie Daten an 60 hessischen Kitas: Drei Monate lang testen die Eltern ihre Kinder auf das Coronavirus, die Studie soll Rückschlüsse auf die Ausbreitung durch Kinder ermöglichen. Auf die Ergebnisse, die freilich erst in Monaten erwartet werden, wollte das Kultusministerium aber offenbar nicht warten.

DGB: "Ministerium hat die Nerven verloren"

Das Ministerium hätte unter dem großen öffentlichen Druck die Nerven verloren, kritisierte der Deutsche Gewerkschaftsbund Hessen-Thüringen. Anders sei nicht zu erklären, dass die Schulen nun "kopflos und ohne Abstandsregeln" in den Normalbetrieb geschickt würden.

"Wenn mehr als hundert Schülerinnen und Schüler samt Lehrkräften dicht an dicht im vollgepackten Pausenraum beim Mittagessen sitzen, wird jeglicher Infektionsschutz aufgegeben. Das ist verantwortungslos gegenüber den Beschäftigten im Bildungssystem, aber auch gegenüber den Kindern und Jugendlichen", teilte die Gewerkschaft mit.

Lehrergewerkschaft kritisiert Ende der Abstandsregel

Ähnlich ablehnend hatte zuvor die Lehrergewerkschaft GEW auf die Lockerungen reagiert. Die Landesvorsitzende Birgit Koch sagte, das Vorhaben sei für die Schulleitungen "unzumutbar". Sie müssten für die vierten Klassen nun zum vierten Mal innerhalb von sechs Wochen komplett neue Pläne für den Personaleinsatz, die Gruppeneinteilung und die Raum- und Pausenpläne entwerfen.

Zudem sei es "absurd", dass die bislang geltenden Abstands-, Hygiene- und Gruppenregeln in den Grundschulen nun für lediglich zehn Unterrichtstage "über den Haufen geworfen" würden - während sie beim Einkaufen oder im Restaurant weiterhin gälten. Damit verliere das Kultusministerium "weiter an Glaubwürdigkeit und Vertrauen in seine Verlässlichkeit", kritisierte die GEW.

Schulleiterin: "Freuen uns auf Normalität"

Ganz überraschend sei die Situation nicht auf sie zugekommen, sagte die Leiterin der Brüder-Grimm-Schule in Gießen, Barbara Burggraf. "Wir haben uns gefragt: Können wir das leisten, haben wir genug Lehrkräfte? Wir konnten diese Frage sehr schnell mit 'Ja' beantworten." Nun freue sie sich vor allem darüber, dass für die Grundschüler wieder Normalität eintrete - wenn auch zunächst nur für zwei Wochen.

Denn dann beginnen die Ferien, und wie es danach weitergehen soll, lassen Land und Kommunen bislang offen. Erklärtes Ziel sei aber, dass dann alle Schüler wieder in den Regelbetrieb zurückkehren dürften, sagte Kultusminister Lorz. Die Grundschulen gälten hierfür als Probelauf.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 10.06.2020, 19.30 Uhr