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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Nächtliche Gespräche am Barkeeper-Telefon

Barkeeper Dennis Pomplitz am Wandtelefon in der Goldenen Krone in Darmstadt

Die "Goldene Krone" in Darmstadt hat Corona-bedingt geschlossen, doch jeden Freitag ist Barkeeper Dennis Pomplitz für seine Gäste da - am Telefon. Manchmal sitzt er bis spät in die Nacht am Hörer, denn die Leute haben Gesprächsbedarf.

Immer freitags ab 20 Uhr steht Dennis Pomplitz neben dem Telefon an der Bar in der "Goldenen Krone" in Darmstadt. Es ist ein altes Tastentelefon, noch mit Kabel, das an der Wand angebracht ist. "Das ist das Barkeepertelefon. Da hocke ich dann die ganze Nacht über", erzählt Pomplitz. Eigentlich ist er in Kurzarbeit. Seit dem neuerlichen "Lockdown Light" hat die Kneipe geschlossen. Deswegen kümmert sich Pomplitz nun telefonisch um seine Gäste.

"Geplant war ursprünglich von 20 bis 21 Uhr, aber am letzten Freitag habe ich um drei Uhr noch hier gehockt und Telefonate entgegen genommen", sagt er. "Kaum Verschnaufpause. Das ist der Wahnsinn gewesen". Die Idee hatte seine Chefin, berichtet er, "um werbemäßig auf uns aufmerksam zu machen. Dazu muss ich sagen, dass wir zu den Gästen eine enge Verbindung haben." In den drei Jahren, die er in der "Goldenen Krone" arbeitet sind viele Freundschaften entstanden. Jeder kennt ihn beim Namen.

Kummerkasten und Small Talk

Das Gasthausist das älteste Lokal Darmstadts, das einzige Haus in der Innenstadt, das im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört wurde. Heute steht es etwas verloren an einer großen vierspurigen Straße. Aber dennoch ist es für die Darmstädter eine wichtige Anlaufstelle. Studenten am Abend, Senioren zur Happy Hour. Dennis Pomplitz kennt sie alle. "Der erste Anrufer war ein ehemaliger Gast, der weggezogen ist und der gerne wieder vorbeikommen will, wenn Corona vorbei ist", erzählt er. "Der hat eine neue Frau kennengelernt. Und da wollte er Tipps einholen, wie er da vorgehen soll, weil ihm die Frau wirklich gut gefällt."

Das Barkeepertelefon ist eine Art Kummerkasten in Coronazeiten. Corona ist immer noch Gesprächsthema Nummer eins, sagt Pomplitz. Viele Gäste sitzen oft abends alleine zu Hause und langweilen sich. Die rufen gerne an. "Einer wollte mir letztens einen Schnaps ausgeben. Und da habe ich mit ihm übers Telefon einen Schnaps getrunken." Aber Pomplitz wird auch mit ernsten Themen konfrontiert. Zum Beispiel als eine Lehrerin anrief, die sich um ihre Schülerin sorgte. "Wenn mir ein Thema sehr zu Herzen geht, dann äußere ich mich ungern dazu. Das sage ich dann auch. Ich gebe meine Meinung, aber ich urteile nicht, ohne die Situation zu kennen".

Schweigepflicht wie ein Arzt

Der Lockdown für die Gastronomie wiegt schwer. Aber der pandemiebedingten Schließung begegnen Pomplitz und das Kroneteam mit kreativer Freude. Weil das Barkeepertelefon so toll angenommen wird, haben seine Kollegen nun auch eine Live-Kamera aufgebaut. Mit der kann er seine Gespräche am Abend filmen. "Ich war früher eher zurückhaltend und habe es gemieden, Kontakt mit Menschen zu haben", erzählt er. "Aber hier wurde ich ins kalte Wasser geworfen und es kam von selbst. Ich wusste gar nicht, dass ich dazu fähig bin."

Durch seine Arbeit am Barkeepertelefon hat er ganz neue Seiten an sich entdeckt. "Ich bin kein Therapeut, der versucht etwas zu ändern. Ich gebe einfach meine Meinung weiter. Und die Gäste wissen, dass ihre Themen nicht nach außen getragen werden, betont Pomplitz: "Wir sagen, das bleibt 'kroneintern' unter den Mitarbeitern, wenn der Gast das so wünscht. Wir haben eine Schweigepflicht, wie ein Arzt oder ein Pfarrer. Das wissen die Gäste und die verlassen sich darauf."

Sendung: hr1, 20.11.2020, 18.40 Uhr