Kinderarzt
Es kommen zu viele Kinder in die Notaufnahme, die auch zum Kinderarzt gekonnt hätten - oder einfach Zeit zum gesund werden brauchen. Bild © picture-alliance/dpa

Mit der Rotznase am Feiertag in die Notaufnahme: Viele Eltern wissen nicht, wann ihr Kind ernsthaft krank ist, und sie blockieren Hilfe für echte Notfälle - sagen Ärzte. Stattdessen würde manchmal ein Anruf bei der Oma helfen.

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Schild: Notaufnahme

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Verunsicherte Eltern verstopfen Notaufnahme

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Kinderarzt Stephan Heinrich Nolte hatte am ersten Weihnachtsfeiertag Dienst in der Kinder-Notfallambulanz des Marburger Uniklinikums. Viele Eltern brachten ihre Kinder - aber meist ging es um Bagatellen: "Es kamen etwa 80 bis 90 Kinder, aber keines von denen war wirklich krank. Die haben dann akute Ohrenschmerzen, Hustenanfälle, einmal erbrochen oder seit fünf Minuten Fieber."

Bei keinem sei es gut und wichtig gewesen, das Kind als Notfall ins Krankenhaus zu bringen. Das Problem: Bagatellfälle blockieren die Notaufnahmen, wirkliche Notfälle müssen lange warten und werden spät erkannt - das gleiche gilt bei Notaufnahmen für Erwachsene.

"Dr. Internet" vergrößert die Unsicherheit

Sorge und Verunsicherung in medizinischen Fragen sei bei Eltern besonders groß, ist die Erfahrung von Nolte. Auch Barbara Mühlfeld, Sprecherin des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Hessen, bestätigt das- sie kennt das Problem überfüllter Notdienste und Praxen. Bei ihrer Arbeit stelle sie immer wieder eine große Ahnungslosigkeit fest: "Es gibt in den Familien oft wenig Wissen über grundlegende medizinische Fragen. Früher wusste dann etwa die Oma Bescheid, heute schaut man ins Internet.“

Aber "Dr. Internet" vergrößere oft die allgemeine Verunsicherung. Sofort werde der schlimmste Fall angenommen, wo die Oma womöglich zu Wadenwickeln und Tee geraten hätte. "Ich möchte kein Elternbashing betreiben, das ist auch keine Frage der Intelligenz", betont Mühlfeld. Die gesamte Gesellschaft habe zu wenig Wissen über Gesundheitsfragen: Wie funktioniert der Körper, was tun bei leichtem Fieber oder einer schweren Erkältung, was sind Besonderheiten beim Kind? Eltern müssten sich zu solchen Fragen schulen lassen, ähnlich wie sie einen Erste-Hilfe-Kurs für Kleinkinder machten, wenn sie ein Baby erwarteten, findet Mühlfeld.

Notaufnahmen entlasten, Bereitschaftsdienst nutzen

Wichtig sei auch, dass Eltern die richtigen Anlaufstellen in ihrer Umgebung kennen. 2016 wurde in Hessen der Kinderärztliche Bereitschaftsdienst eingeführt, der parallel zum Ärztlichen Bereitschaftsdienst für Erwachsene die Notaufnahmen der Krankenhäuser entlasten soll und Patienten jenseits der Öffnungszeiten ihrer Hausärzte eine Anlaufstelle bietet. Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen betont, dass es diesen Bereitschaftsdienst mittlerweile flächendeckend auch für Kinder gibt. Dabei sei Hessen im Vergleich mit anderen Bundesländern ein Vorreiter.

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Volle Notaufnahmen - wenig bekannter Bereitschaftsdienst

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat errechnet, dass im Jahr rund 20 Millionen Patienten in Notaufnahmen kommen. Davon wird die Hälfte stationär aufgenommen. Von der anderen Hälfte benötigten 10 Prozent keine dringende Behandlung, 87 Prozent könnten auch vom ärztlichen Notdienst versorgt werden. Drei Prozent litten an schwerwiegenden Erkrankungen. Der ärztliche Bereitschaftsdienst soll die Notaufnahmen entlasten, er ist rund um die Uhr unter der Nummer 116117 erreichbar - aber offenbar noch zu wenig bekannt.

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Das bestätigt auch Kinderärztin Mühlfeld: Kollegen aus Nordhessen oder Fulda würden berichten, dass Eltern das Angebot gut annehmen - im ländlichen Raum wüssten viele, wo die nächstgelegenen Anlaufstellen sind. Das Problem seien eher die Ballungsgebiete mit einer hohen Dichte an Krankenhäusern wie das Rhein-Main-Gebiet. Hier gingen Eltern oft einfach ins nächste Krankenhaus und akzeptierten stundenlanges Warten, statt sich vorher zu erkundigen, wo der nächste kinderärztliche Bereitschaftsdienst ist.

Trotzdem würden die kinderärztlichen Bereitschaftsdienste landesweit gut angenommen, heißt es von der Kassenärztlichen Vereinigung: Vom Start des Angebots Mitte 2016 bis zum 2. Quartal 2017 haben Kinderärzte 77.304 junge Patienten gesehen, von denen ein Großteil sonst wohl in der Notaufnahme gelandet wäre.

Liebe, Pflege und ein warmes Bett

Kinderarzt Nolte hätte bei den meisten Fällen am ersten Weihnachtsfeiertag in der Notaufnahme aber geraten, das Kind mit Liebe, Pflege und einem warmen Bett zu Hause zu versorgen, anstatt mit Medikamenten oder stundenlangen Wartezeiten im Krankenhaus.

Und manchmal dauere das Auskurieren einfach einige Zeit, sagt Mühlfeld: "Gerade im ersten Kita-Winter kann es schon sein, dass ein Kind mal mehrere Wochen am Stück verrotzt ist". Sowas müssen dann alle aushalten: Statt in die Notaufnahme zu fahren, könne das Kind sich ausruhen - und die Eltern sollten mal wieder Oma anrufen und fragen, wie das mit den Wadenwickeln und dem Inhalieren funktioniert.

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Hilfe bei Krankheit und Notfällen

Kein Fall für die Notaufnahme, aber die Praxen haben zu - dafür gibt es rund um die Uhr die Nummer des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes: 116117. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat die Kinderärztlichen Bereitschaftsdienste in Hessen hier gesammelt. Der Berufsverband bietet auch Informationen zu Sofortmaßnahmen bei Kindern von Atembeschwerden bis zum Zeckenbiss. Bei (lebensbedrohlichen) Notfällen gilt der Notruf 112.

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Ihre Kommentare Notfall oder mit Tee ins Bett: Wann bringen Sie ihr Kind ins Krankenhaus?

15 Kommentare

  • Wenn jetzt auch ohne Kind, aber mal prinzipiell: Ich wurde Samstag Nacht leider ein Fall für den Bereitschaftsdienst; im Grunde eine Kleinigkeit, die aber leider nicht bis Montag warten konnte. Also machte ich mich vertrauensvoll auf den Weg. Mein Fehler: Nicht vorher angerufen (wozu auch? Ich war ja mit ÖPNV mobil).
    Das Ende vom Lied: Der Bereitschaftsdienst hatte zu; Samstag Nacht geht da (fast) gar nichts.

    Ach ja, fast vergessen: Das war nicht auf dem platten Land, sondern in Frankfurt, direkt an der Uniklinik. Ja, ich kenne mich dort aus - von den Öffnungszeiten mal abgesehen.
    Es blieb mir im konkreten Fall leider nichts anderes übrig, als mich mit vielen Entschuldigungen in der zentrale Notfallaufnahme der Uniklinik vorzustellen - und die Kollegen dort hatten auch Verständnis dafür.

    Ich stimme dem im Bericht zitierten Arzt 100%ig zu, aber die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) trägt auch eine Portion Mitschuld daran.
    Bitte recherchieren Sie mal in diese Richtung.

  • Re Matz

    So isses wie ham wir das überlebt
    Masern, Windpocken, Röteln und weis der
    Henker noch.
    Erkältung o.ä. Maurerkelle Wick auf die
    Brust alte Windel drüber Hustensaft
    Suchard Express und ab ins Bett

  • Meine nächste Notaufnahme befindet sich in ca. 30 km Entfernung, am WE ohne Pkw praktisch unerreichbar; ÖPNV gibt es dann nicht.
    Bei Malheur de Kack am WE abends und nachts erscheint der zuständige Bereitschaftsarzt. Der sitzt in derselben Klinik ca 30 km entfernt. Und der regelt gegebenenfalls Einweisung und Krankentransport.
    Wenn das Malheur ganz groß ist rufe ich gleich selbst den Krankenwagen, der kommt innerhalb 1/4 Std. Bei 2 Pflegefällen im Haus kommt das schon mal vor.
    Wegen Schnuppen in die Notaufnahme? Auf so eine abartige Idee kommt man hier gar nicht, der Aufwand, hinzukommen, ist viel zu hoch.
    Diese Leute sollten die Rechnung von der Klinik gleich mitbekommen und selbst bei ihrer Krankenkasse einreichen. Der Unfug wäre bald beendet.

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