Wenn ein Notfall eintritt, sind sie meist in Minuten zur Stelle. Doch immer öfter fordern Bürger Rettungsdienste an, wenn es gar nicht notwendig ist. Das verschärft die ohnehin angespannten Arbeitsbedingungen für Hessens Sanitäter.

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Drei Ziffern, ganz leicht zu merken, ganz schnell gewählt: 112. Rettungswagen sind schnell zur Stelle - zumindest in der Theorie. Und vielleicht ist es dieses Versprechen, das manch einen Hilfesuchenden auch dann zum Telefon greifen lässt, wenn dies eigentlich nicht nötig wäre. So etwas kommt immer öfter vor - zumindest nach Einschätzung verschiedener hessischer Rettungsdienste.

Verändertes Anspruchsdenken

Die steigende Anzahl von Alarmierungen hänge mit einem veränderten Anspruchsdenken der Bevölkerung zusammen, sagt Richard Seitz, Bereichsleiter der Einsatzdienste im Landesverband der Johanniter-Unfall-Hilfe. Solche Fälle seien besonders am Abend und am Wochenende zu beobachten, wenn die Hausarztpraxen geschlossen hätten und die Leute womöglich nicht im Wartezimmer der Bereitschaftsdienste warten möchten.

"Leider rufen häufiger auch alkoholisierte Personen an, die den Rettungsdienst mit einem kostenlosen Taxi verwechseln", beschwert sich Seitz. Das binde die Einsatzkräfte, die doch für tatsächliche Notfälle zur Verfügung stehen müssten. Das Sozialministerium und das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in Hessen erklären sich den Anstieg der Alarmierungen auch damit, dass die Bürger unsicher sind, an wen sie sich mit ihren Gesundheitsproblemen wenden könnten.

"Wir erleben, dass die Schwelle, den Rettungsdienst zu verständigen, niedriger geworden ist", betont auch Markus Schips, Leiter des Rettungsdiensts und der Notfallvorsorge der Malteser in Hessen. Diese Entwicklung verschärfe die ohnehin angespannte Personallage vieler Rettungsdienste.

Rettungswagen können nicht besetzt werden

Rettungsdienste und Gewerkschaften beklagen seit geraumer Zeit Personalmangel und schlechte Arbeitsbedingungen für Sanitäter. Das Problem sei bei allen Rettungsdiensten im Land sichtbar, sagt der Bereichsleiter der Rettungsdienste des DRK, Günter Ohlig. So können in Offenbach und Wiesbaden Rettungswagen teilweise nicht mehr besetzt werden.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Mangel an Rettungsassistenten

Einsatzfahrt eines Krankenwagens in der Nacht
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Der Notstand habe vielfältige Ursachen, erklärt Ohlig. Einen wesentlichen Grund sieht er in der veränderten Ausbildung der Rettungsassistenten. Diese wurden bis Ende 2015 zwei Jahre lang ausgebildet. Seit 2016 ist eine dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter verpflichtend. Bisherige Rettungsassistenten sollen sich bis Ende 2020 zum Notfallsanitäter weiterbilden lassen.

Längere Ausbildung verursacht Personallücken

Die längere Ausbildung reißt nach Angaben des DRK Lücken in die Personaldecke der Rettungsdienste. Faktisch zwei Jahre lang hätten die Anbieter nur wenige fertig ausgebildete Rettungsassistenten nach dem alten Berufsbild sowie Notfallsanitäter nach dem neuen Berufsbild hinzubekommen, berichtet Ohlig: "Für Hessen bedeutete dies, dass hierdurch bereits ein Personalminderbestand von circa 500 Kräften entstanden ist."

Hinzu kämen anfängliche Schwierigkeiten in den Jahren seit 2015, sofort genügend Notfallsanitäter auszubilden. Grundlage ist das 2014 auf Bundesebene in Kraft getretene Notfallsanitätergesetz. Hauptgrund für die Umstellung sei gewesen, die "medizinische Erstversorgung" zu verbessern, hieß es in einer Erklärung des Sozialministeriums.

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Hessens Rettungsdienste

In Hessen arbeiten in den Rettungsdiensten nach Zahlen des Sozialministeriums derzeit etwa 6.000 hauptberufliche Einsatzkräfte. Die Menge setzt sich zu etwa gleich großen Anteilen aus Notfallsanitätern, Rettungsassistenten, Rettungssanitätern und Notärzten zusammen. Im vergangenen Jahr rückten sie etwa 1,2 Millionen Mal aus. Das sind pro Tag im Durchschnitt etwa 3.300 Einsätze. Hinzu kamen 2018 rund 165.000 Krankentransporte.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 21.08.2019, 19.30 Uhr