Kindergartenkinder stehen in einer Reihe eng zusammen

Die Stadt Langen leidet unter "Kapazitätserschöpfung" in den Kitas, und das erschöpft auch viele Eltern: Denn für hunderte Kinder gibt es keinen Betreuungsplatz. Andernorts ist es nicht viel besser - mit oft erheblichen Folgen.

Nele Rulloff (Name von der Red. geändert) ist drei Jahre alt. Das kleine Mädchen aus Langen (Offenbach) besucht derzeit noch eine Kinderkrippe in Darmstadt. Dort arbeitet Mutter Lisa, da hatte sich die Einrichtung in unmittelbarer Nähe angeboten. "Sie kann noch hier bleiben bis zu ihrem vierten Geburtstag. Danach muss sie gehen. Wie es dann weitergehen soll, wissen wir nicht."

Denn obwohl die Familie bereits kurz nach der Geburt ihrer Tochter im Jahr 2018 Interesse an einem Kindergartenplatz in ihrer Heimatstadt Langen angemeldet hat, kam vor ein paar Wochen die schriftliche Absage.

Absage Kreis Offenbach Betreuungsplatz

In dem Schreiben des Magistrats an die Familie heißt es in bestem Amtsdeutsch: "Wegen Kapazitätserschöpfung in den Kindertageseinrichtungen in der Stadt Langen werden wir dem Kind derzeit keinen Platz in einer Tageseinrichtung für Kinder anbieten können." Das Kind befinde sich auf der Voranmeldeliste. Wann die Eltern mit einem Betreuungsplatz rechnen können, bleibt offen.

474 Familien betroffen

So wie den Rulloffs geht es vielen jungen Familien in Südhessen. In Büttelborn (Groß-Gerau) warten derzeit 54 Familien auf einen Kindergartenplatz. In Mühltal (Darmstadt-Dieburg) fehlen im kommenden Jahr insgesamt 76 Betreuungsplätze, 48 Kindergartenplätze plus 28 Krippenplätze.

In Langen ist die Warteliste noch viel länger. Knapp 40.000 Einwohner hat die Stadt, Tendenz steigend. Aktuell stehen 315 Familien auf der Liste, weil sie für ihre Kinder Kita-Bedarf angemeldet haben. Und 159 Familien mit ihren jüngeren Krippenkindern kommen noch hinzu. Insgesamt also 474 Familien, die im Betreuungsjahr 2021/22 einen Platz bräuchten und keinen bekommen.

Bürokratie, keine Räume und kein Personal

Viele Gründe für die Misere hat Langen nicht exklusiv. Kommunen beklagen einen enormen Personalmangel bei Erzieherinnen und Erziehern. In Büttelborn bleiben momentan zehn Vollzeitstellen unbesetzt, in Langen sogar 25. "Durch diesen Mangel an Erzieherinnen und Erziehern können wir die vorhandenen Gruppen nicht mal voll besetzen, sodass allein dadurch 50 Plätze fehlen", beschreibt Pressesprecher Markus Schaible die Situation für Langen.

Vielerorts mangelt es an passenden Räumlichkeiten. Geeignete Flächen für Neubauten sind im Rhein-Main-Gebiet Mangelware, bereits bestehende Gebäude oftmals ungeeignet. Kommunen, wie beispielsweise Büttelborn, prüfen momentan die schnelle Abhilfe durch Naturkindergartengruppen - dafür sind oft nur eine Streuobstwiese und speziell ausgestattete Bauwagen nötig.

Haben Politik und Verwaltung bei der Infrastrukturpanung geschlafen und Wohngebiete ausgewiesen, ohne die Betreuung mitzudenken? In Langen bestreitet man das. Vieles habe die Stadt einfach nicht selbst in der Hand. Eine Einrichtung an der Asklepios Klinik Langen mit 161 Kinder-Betreuungsplätzen sollte eigentlich seit zwei Jahren in Betrieb sein. Erst gab es Probleme bei der Grundstücksübertragung. Und nun mit der Bürokratie. Das hessische Sozialministerium bearbeite die Akte nicht - aufgrund von "Corona-Überlastung".

Junge Familien kommen in Existenznot

Die Folgen der fehlenden Kita-Plätze sind enorm. Keine Betreuung bedeutet vor allem, dass Eltern ihr Leben oft komplett umstellen müssen - mit den entsprechenden finanziellen Folgen.

"Bei manchen funktioniert das Modell, dass beide Teilzeit arbeiten. Bei anderen muss ein Elternteil unbezahlt auf unbestimmte Zeit zu Hause bleiben. Beides muss man sich finanziell erst einmal leisten können", berichtet Stefanie Reppin. Die 34-Jährige ist selbst Mutter zweier Kleinkinder, erlebt den Betreuungsmangel hautnah mit. "Wohnen in Langen ist teuer. Viele hier haben keine Verwandtschaft vor Ort, wir sind eine Zuzugsstadt." Jungen Familien drohten durch den Betreuungsengpass oftmals existenzielle wirtschaftliche Probleme.

Im März des vergangenen Jahres habe sie erfahren, dass sie für ihre damals dreijährige Tochter keinen Kindergartenplatz bekomme, sagt Reppin. Eine private Tagesmutter und die Option, von Zuhause arbeiten zu können, entschärften die Situation. "Wir hatten Glück. Trotz allem haben wir uns mit der Nachricht ziemlich alleine gelassen gefühlt." Die Reppins schließen sich deshalb mit anderen betroffenen Eltern zusammen und gründen die Initiative KiTalos Langen. Gemeinsam wollen sich die Familien mehr Gehör bei der Politik verschaffen.

Stadt: Wir arbeiten mit Hochdruck an Alternativen

KiTalos Langen initiiert seitdem immer wieder Protestaktionen. Kinderschuhe und Bobbycars werden vor Stadtverornetenversammlungen trapiert. "Unsere Probleme sollen sichtbar sein, damit sich endlich etwas ändert", erklärt Reppin ihr Engagement.

Die Stadt Langen reagiert mit Verständnis auf die Nöte der Eltern. Man wisse um die angespannte Betreuungslage, betont Pressesprecher Schaible. Gleichzeitig betont er: "Wir arbeiten mit Hochdruck an einer Verbesserung. Dieses Jahr werden noch 75 Plätze in der Sportkita beim TV Langen und 25 in einer Musikgruppe am Kulturhaus Altes Amtsgericht geschaffen."

Mit den 100 neuen Plätzen sei die Langener Warteliste dann auch nicht mehr länger als die in anderen Städten Hessens von vergleichbarer Größe.

Elterninitiative wirft Stadt Fehlplanung vor

Für die betroffenen Familien ist das kein Trost. "Wir sehen die jetzigen Bemühungen der Stadt. Es ist gut, dass etwas passiert. Für viele von uns kommen diese Maßnahmen aber zu spät, dauern zu lange", urteilt Stefanie Reppin. Nach Ansicht der Elterninitiative hat die Stadt bei aller Entwicklungsplanung sehr wohl versäumt, eine angemessene Kinderbetreuung mitzudenken. "Und das Thema endet ja nicht mit den Kindergartenplätzen. Wie steht's um Grundschulen, um Nachmittagsbetreuung? Wir blicken mit Sorge in die Zukunft."

Reppin weiß schon jetzt von jungen Paaren mit Kinderwunsch, die Langen aufgrund der Betreuungssituation als Wohnort ausschließen. Oder aber notgedrungen wegziehen. "Hierher kommt doch nur noch, wer keine Ahnung hat, dass die Betreuungssituation so schlecht ist." Da habe auch das jüngste Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt nicht viel geändert. Einer jungen Mutter waren im Juli 23.000 Euro Schadenersatz wegen eines nicht rechtzeitig nachgewiesenen Betreuungsplatzes zugewiesen worden.

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ine Frau sieht am 04.10.2018 in einem Haus in Nottensdorf (Niedersachsen) ihrem Sohn beim Spielen zu (gestellte Szene). Foto: Christin Klose
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Klagen scheint aussichtslos

Die Elternschaft beobachte zwar mit Interesse, welche Konsequenzen sich nun aus diesem Urteil ergäben. Große Hoffnungen mache man sich aber nicht, trotz des Rechtsanspruchs auf Kinderbetreuung nach § 24 (SGB) VIII, sagt Reppin. "Hier schieben sich Stadt und Kreis gegenseitig den schwarzen Peter zu."

Angelica Taubel, Sprecherin des Kreises Groß-Gerau, spricht von einem Dilemma: "Die Landkreise sind zwar diejenigen, an die solche Klagen gerichtet werden müssen. Laut Gesetz kann der Kreis aber gar keine Kita-Plätze zur Verfügung stellen - dies ist Sache der Kommunen."

So werde den Eltern vielleicht Recht zugesprochen. Das nütze aber nichts, wenn es an Personal und Räumlichkeiten fehle. "Die Erzieher und Erzieherinnen sind einfach nicht da und die werden auch nicht von heute auf morgen da sein. Das Thema ist so komplex, als Betroffene fühlt man sich demgegenüber einfach nur machtlos" resümiert Stefanie Reppin.

"Die Leidtragenden sind die Kinder"

Lisa Rulloff, die Mutter der kleinen Nele, sieht es ähnlich. Sie hat ihre Tochter auf die Warteliste der neuen Langener Sport-Kita eintragen lassen. Hoffnungen auf eine baldige Zusage macht sie sich nicht. "Natürlich wirft es unsere Planung über den Haufen, wenn Nele plötzlich zu Hause betreut werden muss und einer von uns deswegen zu Hause bleibt." Viel schlimmer als jede finanzielle Einbuße sei aber, dass ihrer Tochter der Kontakt zu Gleichaltrigen fehle. "Das Zusammenspiel, der Austausch, aber auch das bewältigen von Konflikten - dass Nele das alles fehlen wird, das ist unsere größte Sorge."

Sendung: hr-iNFO, 12.07.2021, 13.30 Uhr