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Audioseite Rüsselsheim sucht Pflegeeltern

Bürgermeister Dennis Grieser, Nicolle Engelmohr (Pflegekinderdienst) und Christopher Auffermann (Kinderschutz und Jugendhilfe)

Rüsselsheim will mit einer außergewöhnlichen Werbekampagne Pflegeeltern finden. Der Bedarf ist nicht nur in der Opel-Stadt groß, und er wächst weiter. Auch weil die Gesellschaft aus ihren früheren Versäumnissen gelernt hat.

"Teddybärenträger", "Co-Piloten", "Bauhelfer", "Anschieber" – mit solchen und weiteren Begriffen sucht die Stadt Rüsselsheim derzeit händeringend nach Pflegeeltern. Bebildert sind diese "Stellenbeschreibungen" entsprechend mit Stofftier, Rakete, Sandburg oder Kinderbuggy.

Die Motive sind auf Plakaten in der Stadt zu sehen, finden sich aber auch im Internet auf der Seite wegbegleitergesucht.de, die die Stadt eingerichtet hat. All das ist Teil einer groß angelegten Werbekampagne, die kürzlich gestartet wurde und die außerdem noch Flyer, Abreißzettel und Postings in den Sozialen Medien umfasst. Und so niedlich das auch wirken mag: Das Problem dahinter ist es nicht.

Kampagne soll neue Menschen erreichen

"Der Bedarf besteht kontinuierlich und das bundesweit", erklärt Nicolle Engelmohr vom Pflegekinderdienst der Stadt, "das ist immer aktuell." Nichtsdestotrotz geht das, was die Stadt jetzt angestoßen hat, über frühere Werbeaktionen hinaus. "Unsere Werbung ist nicht mehr angekommen, wir müssen wieder mehr Aufmerksamkeit schaffen." Die Bevölkerung wachse nach, es gebe nun neue potenzielle Pflegeeltern, und diese Menschen wolle man erreichen.

Litfasssäule

Christopher Auffermann, Leiter des Fachbereichs Kinderschutz und Jugendhilfe, verweist in diesem Zusammenhang auch auf den gesetzlichen Auftrag für die Kommune, Pflegeeltern vorzuhalten. Immerhin beansprucht das Einschätzungsverfahren, das neben Kennenlern-Gesprächen und Hausbesuchen auch Vorbereitungsseminare umfasst, mehrere Monate.

Form der Partnerschaft spielt keine Rolle

Gesucht werden Menschen sowohl für die temporäre Bereitschafts- als auch für die Vollzeitpflege. Voraussetzung sind dabei gesicherte stabile Lebensverhältnisse, Offenheit, Toleranz, Belastbarkeit und Flexibilität, wie Engelmohr erläutert. Geklärt wird auch, ob Interessierte über ein gesundes soziales Netzwerk verfügen.

Bewerben können sich sowohl Menschen, die in Lebensgemeinschaften leben als auch Einzelpersonen. Die Form der Partnerschaft oder die Nationaliät spielen keine Rolle. Auch gleichgeschlechtliche Paare können eine Pflegschaft übernehmen. Es dürfen sich auch ältere Menschen melden. Wichtig sei, dass sie psychisch und physisch in der Lage seien, ein Kind zu erziehen, betonen Engelmohr und Auffermann.

Wachsender Bedarf für kleine Kinder

Auch in anderen Kommunen ist die Suche nach geeigenten Pflegeeltern ein Dauerthema. Im Vogelsbergkreis hat man vor einigen Tagen einen Aufruf öffentlich abgesetzt. "Dringend Pflegefamilien gesucht" heißt es da, zeitlich befristet oder dauerhaft.

Es sei nicht der erste Aufruf gewesen, berichtet Susan Jusseaume von der Fachstelle Pflegekinderwesen des Kreises. Es gebe aber seit einiger Zeit wieder einen besonders hohen Bedarf an kurzfristigen Unterbringungsmöglichkeiten besonders für sehr kleine Kinder.

Klassische Lebensmodelle verschwinden

Den Mangel an Pflegefamilien bekommt auch der Marburger St.-Elisabeth-Verein, ein Sozialhilfeverein in freier Trägerschaft, zu spüren. Die Gründe dafür sieht der Geschäftsbereichsleiter Bertram Kasper in einer sich verändernden Gesellschaft, in der die klassischen Modelle des Zusammenlebens zunehmend verschwänden.

Immer weniger jüngere Menschen seien an einer Familiengründung interessiert, geschweige denn daran, fremde Kinder bei sich aufzunehmen, meint Kasper. Dass die zu vermittelnden Kinder immer jünger werden, sieht auch Kasper so und macht dafür wachsende soziale Probleme verantwortlich. Eine steigende Zahl junger Eltern könne ihre eigenen Kinder nicht mehr versorgen.

Öffentlichkeit sieht genauer hin

Auffermann sieht einen weiteren Erklärungsansatz: Der Blick der Öffentlichkeit auf die Kinder sei heute intensiver als noch vor zwanzig Jahren, und das zu Recht. Hier und da sei nicht nur manches schief gelaufen, sondern habe Kinder in einigen Fällen auch das Leben gekostet. "Daraus hat auch die Öffentlichkeit ein Stück weit gelernt: Wir müssen auch diese Verantwortung übernehmen."

Die gewachsene Sensibilität habe zu mehr Meldungen durch Schule, Kitas, Nachbarn oder auch Polizei geführt, die die Jugendämter dazu veranlassen, die Familien aufzusuchen. Die Zahlen stiegen jährlich an, so Auffermann. "Wenn dann kein Netzwerk da ist, dass zum Beispiel Großeltern einspringen können oder auch Nachbarn, dann müssen wir als Jugendamt handeln." Und das heißt im Extremfall, dass ein Kind aus der Familie herausgenommen werden muss.

Kind soll möglichst bei der eigenen Familie aufwachsen

Dass der Kinderschutz mehr ins Bewusstsein gerückt sei, ermögliche ein früheres Handeln, stimmt Engelmohr zu. Sie betont aber zugleich, dass Eltern zunächst Hilfsangebote durch das Jugendamt bekommen. Dies könnten Mutter-Kind-Einrichtungen oder Familienhilfen sein. Priorität habe, dass ein Kind mit seiner Familie aufwächst. "Erst wenn alle Maßnahmen gescheitert sind, kann auch eine andere Perspektivklärung für das Kind erfolgen."

Am 8. November findet im Rathaus für interessierte Rüsselsheimerinnen und Rüsselsheimer ein Informationsabend statt. Beginn ist um 19 Uhr, der Eingang liegt in der Faulbruchstraße. Es wird um Pünktlichkeit gebeten, da die Türen mit Veranstaltungsbeginn geschlossen werden.