Bildkombo: Eine Einzeldosis Methadon und Füße in Turnschuhen, die über ein Schild laufen, das auf Abstandhalten hinweist

Täglich und immer unter Aufsicht: Heroinabhängige Patienten dürfen den Ersatzstoff Methadon nur unter Auflagen konsumieren. Wegen Corona wurden die Regeln nun gelockert. Das birgt Risiken.

Ein kurzes Gespräch mit dem Arzt, ein persönlicher Kontakt, prüfen, ob alles in Ordnung ist: In der Suchtklinik im Bürgerhospital in Frankfurt werden drogenabhängige Patienten, die den Heroin-Ersatzstoff Methadon als Medikament bekommen, meistens von Tag zu Tag versorgt. Das Methadon muss direkt unter Aufsicht eingenommen werden, so sieht es das Gesetz vor. Besonders am Anfang einer so genannten Substitutionstherapie ist der enge Kontakt zum Arzt sehr wichtig - physisch wie psychisch.

Wegen der Corona-Epidemie ändern sich die Zeiten jedoch. Auch die Mediziner rücken von ihren bisherigen Gewohnheiten und Vorgaben ab, wie der Chefarzt der Klinik für Abhängigkeitserkrankungen am Bürgerhospital Frankfurt, Dietmar Paul, sagt. "Wenn das gut klappt, der Patient stabil ist und wir sehen, dass keine anderen Drogen zusätzlich genommen werden, dann können wir das Methadon auch mal für sieben Tage verschreiben und mit nach Hause geben." Paul betreut selbst rund 80 Patienten in drei Ambulanzen engmaschig.

Methadon-Patienten gehören zur Corona-Hochrisikogruppe

Heroinabhänge Menschen gehören wegen ihrer Sucht und ihres häufig schlechten Allgemeinzustands in Zeiten von Corona zur Gruppe der Menschen, die besonders geschützt werden müssen. "Lebererkrankungen, chronische Bronchitis, stark geschwächte Immunabwehr – unsere Patienten gehören per se zur Hochrisikogruppe für Corona-Erkrankungen mit einem besonders schweren Verlauf", sagt Paul.

Hochrisikopatienten wird derzeit allgemein empfohlen, möglichst viel zu Hause zu bleiben - ältere Menschen etwa sind davon auch betroffen. Doch wie soll ein Methadon-Patient zum Eigenschutz möglichst viel zu Hause bleiben, wenn er optimalerweise täglich in die Substititionsambulanz kommen soll, um das benötigte Medikament zu bekommen? Zumal die Versorgung mit solchen Ambulanzen auf dem Land eher weiträumig ist und die Patienten lange Wege meist in öffentlichen Verkehrsmitteln zurück legen müssen – ein erhebliches zusätzliches Risiko.

Infektionsschutz steht an oberster Stelle

Eine neue Rechtsverordnung soll dieses Dilemma lösen: Die SARS-CoV-2-Arzneimittelversorgungsverordnung ist in dieser Woche bundesweit in Kraft getreten und vereinfacht die Verschreibung von Substitutionspräparaten. Tenor: Der Infektionsschutz steht an höchster Stelle.

Nach der neuen Verordnung können die Ärzte ihren Patienten Methadon für bis zu 30 Tage mit nach Hause geben, und zwar nicht nur in sehr begründeten Ausnahmefällen, wie das bislang die Regel war. Das erfordert von den drogenabhängigen Patienten eine starke Eigenverantwortung.

"Wir behandeln sowohl sozial vollkommen reintegrierte Abteilungsleiter, die ihr Substitut in gleicher Weise benötigen wie ein Diabetiker das Insulin, als auch Schwerstabhängige im Frankfurter Bahnhofsviertel, die Überlebenshilfe brauchen", umschreibt der ärztliche Leiter der Malteser Suchthilfe Frankfurt, David Lang, seine Patienten. Jeder habe seine eigene Geschichte und werde individuell betreut und versorgt.

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Mehr Methadon zu Hause - seltenere Arztkontrolle

"Die Verordnung ist gut, weil wir dadurch rechtlich abgesichert sind", sagt Chefarzt Paul vom Bürgerhospital. "Aber wir müssen immer eine Nutzen-Schaden-Abwägung vornehmen. Und wir können das ganz klar nicht mit jedem Patienten machen." Manche Patienten überfordere die Situation, und eine Unter- oder Überdosierung von Methadon könne lebensgefährlich sein. "30 Tage sind uns zu riskant für unsere Patienten, die oft stark in der Drogenszene verhaftet waren. Wir arbeiten nun mit Take-Home-Dosen für eine Woche."

Die Besuche in der Ambulanz habe man so organisiert, dass sich die Patienten möglichst wenig begegnen. "Wobei die größte Gefahr für die Patienten sind wir Ärzte und Mitarbeiter, da ist schon seit Anbeginn der Pandemie höchste Vorsicht geboten."

Auch der ärztliche Leiter der Malteser Suchthilfe betont, dass eine Take-Home-Verordnung für sieben Tage in der Regel für stabile Patienten ohne Drogenkonsum ein sinnvolles Intervall darstelle. Zumal sich seine Patienten derzeit "sehr besonnen" verhielten. Trotzdem, betonen beide Ärzte: Ein gewisses Risiko bleibe, und der persönliche Kontakt sei zentraler Bestandteil einer erfolgreichen Therapie.

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Methadon-Programm in Hessen

In Hessen werden nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) nach Stand Oktober 2019 rund 7.700 Menschen substituiert. Sie werden von einzelnen Ärzten in deren Praxen oder in Ambulanzen betreut.

Frankfurt führt die Liste mit rund 1.800 Patienten an, Darmstadt hat etwa ein Zehntel dieser Zahl an Patienten zu versorgen. Auch im ländlichen Raum betreuen Sucht-Ärzte Methadon-Patienten, die Versorgungsdichte ist dort aber eher gering.

Die Hessische Landesstelle für Suchtfragen (HLS) schätzt die Zahl der Heroin-Konsumenten in Hessen aufgrund bundesweiter Erhebungen auf etwa 12.300 Menschen.

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