Die Collage zeigt ein Foto der Gemeinde Mengerskirchen sowie die Verortung auf einer Hessenkarte. Der Ortspunkt wird hierbei von Glühbirnen eingerahmt.
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Eine Gemeinde im Westerwald stemmt sich erfolgreich gegen die Landflucht. Neue Arbeitsplätze entstehen, sogar aus Taiwan siedelt sich ein Unternehmen an. Was ist das Erfolgsgeheimnis von Mengerskirchen?

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78 Euro kostet der Quadratmeter Baugrund in Mengerskirchen, in Frankfurt wäre es mindestens das Zehnfache. Stolz präsentiert Bürgermeister Thomas Scholz, CDU, dem Taiwanesen Joseph Chueh sein Neubaugebiet. Der Unternehmer hat gerade eine Firma gegründet - Software-Lösungen für autonomes Fahren. Die Europazentrale will er in Mengerskirchen im Westerwald ansiedeln: 6000 Einwohner in fünf Ortsteilen, kein Autobahnanschluss, kein Bahnhof.

Bürgermeister Scholz kämpft um jeden neuen Einwohner: "Mengerskirchen hatte die gleiche Prognose wie viele andere Dörfer – unsere Gesellschaft wird einfach älter! Der Städte- und Gemeindebund hatte uns 2013 die Prognose gegeben, dass wir in 10 Jahren um 10 Prozent schrumpfen würden. Da haben wir uns gesagt, wir müssen was tun!“

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Mehr Arbeitsplätze aufs Land

Mengerskirchen hat sich 2014 für ein Pilotprojekt des Landes Hessen beworben und wurde als eine von fünf Kommunen ausgewählt. Die wurden von Professor Wolfgang George vom Institut TransMit in Gießen untersucht. Die Wissenschaftler haben analysiert, woran es fehlt. Daraus entstand ein Konzept mit 5 Bausteinen: Arbeitsplätze schaffen, Familien fördern, Inklusion ermöglichen, Nahversorgung anbieten und die Gesundheitsversorgung sichern.

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50 Prozent mehr Arbeitsplätze

In vergangenen 8 Jahren hat Mengerskirchen ein Plus von 50 Prozent bei sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen geschafft: von 920 auf 1441.

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Nur zwei Prozent aller Existenz-Gründungen finden auf dem Land statt. Deswegen ist der Ansatz von Professor George: "Eigentlich müsste man ganz Hessen mit Existenzgründungszentren überziehen. Wir setzen weniger auf den hochinnovativen Gründer, sondern eher eine ordentliche Bedarfsanalyse. Was für Gründer braucht ihr denn hier?“

In Mengerskirchen hat die Gemeinde ein Gebäude als Gründungszentrum eingerichtet. Hier wird nicht nur beraten, es stehen auch Flächen in unterschiedlicher Größen als Co-Working-Spaces bereit - Büroflächen, die für eine begrenzte Zeit zu mieten sind - ungewöhnlich fürs Land. Start-ups werden im Gründungsprozess unterstützt. Das Zentrum finanziert die Gemeinde mit 50 000 Euro im Jahr, ein kleiner Zuschuss kommt vom Land. Die ersten Mieter sind eingezogen, auch Joseph Chueh aus Taiwan. Ständig kommen weitere Mieter hinzu, 26 Arbeitsplätze sind entstanden.

Familienförderung, Inklusion...

Die Kinderbetreuung in Mengerskirchen ist ausgebaut worden, Kinderbetreuung ist inzwischen für alle kostenlos. So lohnt es sich erst recht für die Eltern, auch mit kleinen Kindern wieder in den Job zurückzukehren. Sogar einen Bus hat die Gemeinde eingerichtet, der die Kleinen zwischen den Ortsteilen chauffiert.

Die örtliche Grundschule hat mit ihrem Konzept für innovativen Unterricht 2017 den deutschen Schulpreis gewonnen. Aus ganz Hessen kommen inzwischen Lehrer an die Franz-Leuninger-Schule, um sich umzuschauen. Dass Menschen mit Beeinträchtigung nicht weit fahren müssen, um betreut zu werden, ist nicht nur in der Grundschule Programm. Das ambitionierte Projekt „Inklusionshaus Dorfmitte“ im Ortsteil Waldernbach bündelt Themen wie Wohnen, Pflege, Betreuung und Arbeit.

... Dorfladen und Ärzte

Mengerskirchen
Der neue Dorfladen in Mengerskirchen Bild © hr

Im Ortsteil Dillhausen setzt der vierte Baustein des Zukunftsforums an. Zehn Jahre nach Schließung des letzten Geschäfts im Dorf ist jetzt ein Fachwerkhaus zu einem schnuckeligen Dorfladen mit Café umgebaut worden. Hier gibt’s fast alles von Apfelmus bis Zahnpasta. Mittwochs bietet der Dorfladen einen Mittagstisch an. Für ältere Bürger ist das das Highlight der Woche - ihnen fehlte ein Treffpunkt.

Schon längst hätte das Ärztepaar in Mengerskirchen in Rente gehen sollen – sie sind beide schon 75. Doch Nachfolger sind schwer zu finden, und die Gemeinde hat viele ältere Bürger, die einen Arzt in der Nähe brauchen. Darum hat die Gemeinde die Suche selbst in die Hand genommen und nun einen neuen Hausarzt gefunden. Bald soll die Praxis sogar in ein lokales Gesundheitszentrum umziehen.

Vorbild für andere Dörfer

Das Beispiel Mengerskirchen könnte bald Schule machen. Im Moment ist die Gemeinde Nüsttal dabei, sich von Professor George beraten zu lassen. Fest steht: Damit auch in Zukunft Heimat auf dem Land sein kann, braucht es vor allem engagierte Menschen, die nicht auf Brüssel, Berlin oder Wiesbaden warten - sondern die sich selbst auf den Weg machen.