Die Fotocollage zeigt ein Polaroid, in dessen Mitte ein Bild der Berater zu sehen ist. Das Polaroid liegt vor einem roten Theatervorhang, vor dem Polaroid bewegt eine Hand an Fäden das AWO-Logo.

In der AWO-Affäre taucht der Name einer Firma immer wieder auf: Somacon. Unterlagen zeigen, dass AWO-Funktionäre das Tochterunternehmen zur Abrechnung ominöser Honorare nutzten. Eine kritische Geschäftsführerin wurde geschasst.

Welche Aufgaben hat eigentlich ein stellvertretender Leiter der Kita-Abteilung bei einem Sozialverband? Bei der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt schloss das einen Bereich mit ein, der einem nicht auf Anhieb einfallen würde: Immobiliengeschäfte.

Mit denen hat sich Klaus Roth ausgiebig befasst, der inzwischen zum Abteilungsleiter aufgerückte Kita-Verantwortliche der AWO. Das belegen Unterlagen, die dem hr vorliegen; darunter Rechnungen, die Roth 2015 bei der Firma Social Management Consulting Limited, kurz Somacon, eingereicht hat – einer in England gemeldeten und inzwischen aufgelösten Tochterfirma der AWO-Kreisverbände Frankfurt und Wiesbaden.

Erhoffte Rendite mit teuren Studentenwohnungen

Dass Kita-Betreiber geeignete Liegenschaften suchen, ist nicht weiter ungewöhnlich. Doch Roth hat auch Immobilien-Projekte ins Auge gefasst, die mit dem Kita-Betrieb nichts zu tun hatten. Im Juli 2015 führt der AWO-Funktionär seiner eigenen Abrechnung zufolge eine ganze Reihe von Gesprächen über ein Projekt im Frankfurter Stadtteil Niederrad.

Eine interne E-Mail zeigt: Es geht um den Kauf und Umbau eines Bürogebäudes. Dort sollten Mini-Appartements für Studierende entstehen. Die Vermietung kleiner Wohneinheiten verspricht in der Großstadt hohe Renditen. AWO-Vorstandsmitglied Panagiotis Triantafillidis - durch eine mutmaßlich überhöhte Honorarechnung selbst in die AWO-Affäre verwickelt - ist an den Verhandlungen beteiligt. In einer Mail an Roth spricht er von Monatsmieten bis zu 550 Euro - für jeweils 25 Quadratmeter Wohnraum.

Das Geschäft kommt nie zustande. Es sei schnell deutlich geworden, dass es die finanziellen Möglichkeiten des Kreisverbands übersteige, erklärt AWO-Kreisverbandssprecher Johannes Frass.

Aus 70 Euro werden 183,75 Euro

Das hat Klaus Roth aber nicht davon abgehalten, sich seine Bemühungen extra bezahlen zu lassen. Unterlagen, die dem hr vorliegen, zeigen, dass er allein für den Juli 2015, als es vorwiegend um die Immobilie in Frankfurt-Niederrad ging, zwölf Stunden zu einem Stundensatz von 70 Euro bei der Somacon abrechnet. Roth lässt auf hr-Anfrage mitteilen, er sei von der Geschäftsführung des Kreisverbands zu den Verhandlungen autorisiert worden.

Die Somacon stellte wiederum Roths Nebenbeschäftigung der Kita-Abteilung der AWO Frankfurt in Rechnung. Und zwar für 183,75 Euro die Stunde – mehr als das Zweieinhalbfache von Roths tatsächlichem Honorar. Ein Grund für den gewaltigen Aufschlag ist nicht ersichtlich. So werden allein für die Gespräche von Klaus Roth mit der Immobilien-Wirtschaft in den Monaten Mai und Juni 2015 insgesamt 3.498,60 Euro vom AWO-Kreisverband Frankfurt auf ein deutsches Konto der Somacon Limited gespült.

Erlöse der Somacon gingen offenbar an Funktionäre

Auch Honorarforderungen des damaligen Frankfurter AWO-Chefs Jürgen Richter kommen dem Sozialverband dank des Umwegs über die Somacon teuer zu stehen. Das zeigt eine Rechnung Richters aus dem Sommer 2014, die der Redaktion vorliegt. Für ein Konzept stellt er der Somacon 6.000 Euro in Rechnung. Die rechnet dieselbe Leistung umgehend mit dem AWO-Kreisverband Wiesbaden ab: für 10.000 Euro plus Umsatzsteuer. Auch hier ist kein Anlass für den enormen Aufschlag zu erkennen.

Eine der beiden Somacon-Geschäftsführerinnen war Hannelore Richter, Jürgen Richters Ehefrau und damalige Chefin der AWO Wiesbaden. Sie schreibt auf Anfrage des Hessischen Rundfunks, die Erlöse der Somacon seien wieder den Kreisverbänden zugeflossen. Die Unterlagen, die der hr gesichtet hat, lassen einen anderen Schluss zu: Geld der Somacon wurde - zum Beispiel über eine sogenannte Ehrenamtspauschale - an Funktionäre verteilt.

Misstrauische Geschäftsführerin muss gehen

Nicht allen Beteiligten behagt ein solches Geschäftsgebaren. 2015 stellt sich Doris Mauczok, Hannelore Richters Co-Geschäftsführerin bei der Somacon, quer. Sie hat wegen Honorarrechnungen von Klaus Roth und Jürgen Richter schwere Bedenken. Anfang August 2015 teilt sie das führenden Vertretern der AWO-Kreisverbände Frankfurt und Wiesbaden mit. Das Schreiben liegt der Redaktion vor. Mauczok rät dazu, einen externen Wirtschaftsprüfer einzuschalten.

Nur wenige Wochen später wird eine Gesellschafterversammlung der Somacon einberufen. Laut Protokoll wegen "Differenzen zwischen den beiden Direktorinnen". In der Mitschrift heißt es weiter: Mauczoks Verhalten in der Sitzung sei unangemessen gewesen und habe in keiner Weise ihrer Stellung als leitende Angestellte entsprochen. Die Frau, die nicht mal zwei Wochen zuvor auf Ungereimtheiten bei der Somacon hingewiesen und eine Prüfung der Vorgänge  angemahnt hatte, wird als Geschäftsführerin abberufen. Mit sofortiger Wirkung.

Bald darauf gibt sie auch die Leitung eines AWO-Altenhilfezentrums in Frankfurt ab und wechselt zu einem Pflegeheim der AWO in Oberursel im Hochtaunuskreis. Dort scheidet Mauczok dann im Sommer 2017 aus. Auch ihr Lebensgefährte ist bei der Frankfurter AWO nach dem Somacon-Zerwürfnis nicht mehr wohlgelitten. Er verliert seinen Posten als stellvertretender Geschäftsführer. Beide erhalten ungewöhnlich hohe Abfindungen.

Lange Zeit hat die Somacon Limited ihren Gründern an der Spitze der AWO-Kreisverbände Frankfurt und Wiesbaden gute Dienste geleistet. Nun gilt sie offenbar nicht mehr als sicher. In der Gesellschafterversammlung im August 2015 wird nicht nur Doris Mauczok kaltgestellt, sondern auch beschlossen, die Somacon bis zum Jahresende abzuwickeln. Gelöscht wird der Firmeneintrag schließlich im Juni 2017.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Artikel sprachen wir davon, dass die von der AWO in Frankfurt-Niederrad geplanten Mikroapartements 11,5 Quadratmeter groß sein sollten. Tatsächlich sahen die Planungen vor, dass die Apartements 25 Quadratmeter groß sein sollten. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.