Hände sortieren Papiere, die mit farbigen Klammern geordnet sind.

Der Flüchtlingszustrom aus der Ukraine bringt Ausländerbehörden an ihre Grenzen - erst recht, wenn sie nicht optimal organisiert sind. Das führt zu Stress und Frust bei privaten Helfern. Ein Beispiel aus der Wetterau.

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Helfer im Wiesbadener Behördendschungel

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Ein paar Tage Urlaub hätte Sven Teschke gut gebrauchen können. Schon bevor Olha und ihre Tochter Anna am 17. März bei ihm und seiner Familie in Büdingen (Wetterau) ankamen, verbrachte er Stunden am Telefon, um Informationen zu sammeln: Bei welchen Behörden muss er seine Gäste melden? Wo werden welche Papiere gebraucht? Was kann er online erledigen, wo muss er persönlich vorsprechen?

Und nachdem Olha und Anna da waren, ging es erst einmal um Elementares: Der Kühlschrank musste aufgefüllt werden, Unterwäsche und Wechselkleidung her - die Ukrainerinnen hatten auf ihrer Flucht nur das Nötigste mitnehmen können.

Dass beim aktuellen Zustrom von Geflüchteten mit den Behörden nicht alles glatt laufen kann, war Teschke bewusst. Aber wer hätte gedacht, dass der Kampf mit der Bürokratie so aufreibend sein würde? Die Erfahrung machen gerade viele, die in Hessen Kriegsflüchtlinge aufnehmen wollen.

Helfer kommen an Grenzen

Mehrere Male war der private Helfer aus Büdingen inzwischen in der Kreisverwaltung in Friedberg, bepackt mit einer Unmenge wechselnder Dokumente. In Friedberg sind die verschiedenen Ämter angesiedelt, die für Geflüchtete zuständig sind: die Fachstelle Migration Leistung für finanzielle Hilfen, die Ausländerbehörde wegen des Aufenthaltsstatus, das Schulamt für die Untersuchung von Anna.

Es ist eine starke zeitliche Belastung, erzählt Teschke, die er neben seinem eigentlichen Job in der Stadtverwaltung Büdingen stemmt. Eine starke Belastung, von der private Helfer dem hr auch aus anderen Kommunen berichten. Nicht nur in der Wetterau, auch in Städten wie Frankfurt oder Wiesbaden kommen Helfer an zeitliche wie finanzielle Grenzen.

"Leute kommen mit einem Köfferchen"

Mitunter vergehen mehrere Wochen, bis Gelder an die Geflüchteten überwiesen werden, sagt Teschke. In dieser Zeit müssen die kompletten Lebenshaltungskosten vorfinanziert werden.

"Man muss bedenken: Die Leute kommen ja mit einem Köfferchen unterm Arm oder noch weniger", sagt er. "Als erstes waren wir also beim Kleiderladen des Roten Kreuzes. Aber so etwas wie Unterwäsche, Strümpfe oder Socken, das muss ja alles neu beschafft werden." Hinzu kam Schulmaterial für Anna.

Kein zeitnaher Termin beim Ausländeramt

Sorgen macht ihm, was im Krankheitsfall passiert. "Vom Migrationsamt haben wir eine Mail-Adresse bekommen, an die wir uns wenden sollen, wenn die Besucher in ärztliche Behandlung müssen. Eine Krankenkassenkarte wird derzeit nicht ausgegeben", sagt Teschke. "Ob das noch kommt, weiß ich nicht." Er betont, dass seine Familie selbstverständlich gerne hilft - seine Frau Maria und Olha sind seit Kindheitstagen Freundinnen.

Für große Verunsicherung sorgt der bislang ungeklärte Aufenthaltsstatus von Olha und Anna, sagt Teschke. Denn die Terminvergabe beim Ausländeramt der Wetterau läuft ausschließlich online. Und das zieht sich. Teschke hat für Olha und Anna erst im Juli Termine bekommen. Die vorgeschriebenen Frist von 90 Tagen ist dann abgelaufen. So lange können sich ukrainische Geflüchtete offiziell visafrei in Deutschland bewegen.

Nach 90 Tagen illegal im Land?

Neben der Frage, ob die beiden Frauen sich dann illegal in Deutschland aufhalten, beschäftigen Teschke Fragen der Integration: "Die Bescheinigung, die man dort bekommt, ist auch die Voraussetzung für verschiedene Leistungen, die die Flüchtlinge beziehen können", gibt er zu bedenken. "Dazu gehören vor allem Sprachkurse."

"Wie sollen die Menschen hier integriert werden, wenn sie ein Vierteljahr oder länger nur auf den persönlichen Kontakt angewiesen sind und es keine vernünftige Schulung der Sprache gibt?" Ein Deutschkurs wäre für Olha elementar wichtig, wie sie sagt: Sie möchte unbedingt arbeiten, so lange sie hier ist. Jemandem auf der Tasche liegen sei ihre Sache nicht, betont sie.

Städtetag fordert Hilfe vom Bund

Was den Aufenthaltsstatus angeht, so beruhigt ein Sprecher des Wetteraukreises auf hr-Anfrage: "Niemand, der nach den 90 Tagen erst einen Termin bekommt, wird ausgewiesen." Inzwischen seien mehr als 2.000 Geflüchtete aus der Ukraine im Kreis registriert. Man gehe von ebenso vielen aus, die noch nicht registriert sind. Seine Behörde leide gleichzeitig unter Personalnot: "Wir haben derzeit sechs Stellen ausgeschrieben. Mit viel Glück können wir drei davon besetzen."

Auch andere Kreise und Kommunen sind überlastet: In Frankfurt arbeiten ihre Mitarbeiter derzeit auch am Wochenende, berichtet Sozialdezernentin Elke Voitl (Grüne). Von zwölf bis 14-Stunden-Tagen berichtet Wiesbadens Sozialdezernent Christoph Manjura (SPD). In sechs Wochen seien mehr Flüchtlinge nach Wiesbaden gekommen als 2015 und 2016 zusammen.

Der hessische Städtetag fordert deswegen beim Registrieren der Geflüchteten Hilfe vom Bund, und zwar bei der Technik, beim Personal und bei der Organisation. Der Wetteraukreis bekommt künftig Hilfe von der Polizei, die eine neue Software zur Verfügung stellt, mit der Geflüchtete zumindest schneller erfasst werden können.

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Mit dem Auto von Büdingen nach Friedberg

Für Sven Teschke ist besonders ärgerlich, dass er nicht alle Behördengänge auf einmal machen kann. Denn es ist nicht wie in Frankfurt oder im Rheingau-Taunus-Kreis. Dort sind die beteiligten Behörden in Form einer "Behördenstraße" oder eines übergreifenden Fachdienstes zusammengelegt. Im Wetteraukreis sind verschiedene Behörden für Belange der Geflüchteten zuständig. Andernorts sind Registrierungen zudem online möglich. Teschke wiederum muss für jeden Termin mit dem Auto von Büdingen nach Friedberg fahren.

"Da kommen einem die Tränen bei den Spritpreisen", sagt er. "Aber der Öffentliche Personennahverkehr von Büdingen nach Friedberg ist ausgesprochen dünn. Das wollten wir unseren Gästen nicht noch zumuten, die sind geschwächt genug durch die Flucht."

Immerhin: Für Geflüchtete, die schon ein Arbeitsangebot in der Tasche haben, stellt der Kreis inzwischen Arbeitserlaubnisse in einem erleichterten Verfahren ohne Termin aus. Doch auch dafür müsste Teschke Olha wieder mit dem Auto nach Friedberg fahren.

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