Hat ihre Magersucht in einem Buch verarbeitet: Christina Lopinski aus Niedernhausen

Christina Lopinski war als Jugendliche magersüchtig - so stark, dass sie in eine psychiatrische Klinik musste. Die 24-Jährige aus Niedernhausen hat ihre Krankheit inzwischen besiegt. Was ihr half, war das Schreiben.

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zum hr-fernsehen.de Video Kampf gegen die Magersucht

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Mit 13 Jahren glaubt Christina Lopinski, dass alle Mädchen in ihrem Ort kleiner, süßer und zierlicher sind als sie. Sie sieht sie als Elfen. Auch sie will eine Elfe sein. "Ich dachte, wenn ich ein bisschen dünner bin, ein bisschen mehr aussehe wie diese Mädchen, dann gehöre ich dazu. Dann werde ich gesehen", sagt die heute 24-Jährige aus Niedernhausen rückblickend. Damals entschloss sie sich, weniger zu essen.

Mehr als einen Apfel konnte sie nicht essen

Irgendwann geht es ihr körperlich schlecht: ihr ist ständig kalt, sie hat keine Kraft mehr Treppen zu steigen,  ihr wird regelmäßig schwarz vor Augen. Essen kann sie trotzdem nicht. "Als ich einen Apfel gegessen habe, war ich schon voll, ich spürte keinen Hunger mehr." Soziale Kontakte hat sie auch keine mehr, so sehr schämt sie sich - für ihren Körper - und isoliert sich immer weiter. Die Eltern sind ratlos, können ihre Tochter nicht verstehen.

"Mutter und Vater sehen im Badezimmer ein völlig abgemagertes Kind. Doch das Kind sieht im Spiegel Fett am Bauch. Das ist eine unterschiedliche Wahrnehmung", erklärt Thomas Lempp, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychatrie im Clementine Hospital in Frankfurt. Als die Eltern nicht mehr weiter wissen, kommt Christina in eine psychiatrische Klinik nach Eltville. Christina hat Anorexie, sie ist magersüchtig.

"War nicht in der Lage, einen Kakao zu trinken"

Fünf Monate und drei Wochen – so lange wird Christina in der Klinik bleiben. "Keine schöne Zeit, wie sie sagt. Sie durfte nicht raus, wurde gezwungen zu essen, war häufig in ihrem Zimmer gefangen, das sie sich mit einem psychotischen Mädchen teilte. "Manchmal musste ich tagelang im Bett liegen, damit ich keine Kalorien verbrauche", erinnert sie sich. "Während andere Mädels das erste Mal geknutscht haben, habe ich geweint, weil ich nicht in der Lage war, einen Kakao zu trinken."

Anorexie tritt meistens bei Mädchen zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr auf. Doch auch jüngere Mädchen können betroffen sein. Ärzte sprechen auch von Pubertätsmagersucht. In den meisten Fällen sind davon Mädchen betroffen. "Wir wissen, dass die hormonelle Umstellung in der Pubertät bei Mädchen ein ganz spezifischer Risikofaktor ist, der diese Essstörung auslösen kann", erklärt Chefarzt Lempp. Außerdem seien Mädchen einem höheren gesellschaftlichen Schlankheitsideal unterworfen.

Chefarzt: "Wir nehmen viel Autonomie weg"

Für die Anorexie gibt es zwei Therapiemöglichkeiten: stationär oder ambulant. Wenn es Rückschläge gibt oder die Anorexie schon zu weit fortgeschritten ist, müssen die Patienten stationär aufgenommen werden. Das ist für die meisten Jugendlichen ein großer Schock: "Wir nehmen ihnen erstmal ganz viel Autonomie weg. Wir kümmern uns jetzt um alles. Wir sagen dir, wie oft du essen sollst, wir bestimmen es. Du kannst es nicht. Wir müssen auf dich aufpassen", erklärt Lempp.

Irgendwann konnte Christina Lopinski die Klinik wieder verlassen. Doch der eigentliche Kampf begann da erst. "Ich habe nicht nach meinem Hunger, sondern nach der Uhrzeit gegessen. Ich habe mein Essen immer geplant, um nicht wieder abzunehmen, weil ich wusste, dann muss ich wieder in die Klinik", sagt sie.

Erster Freund und Reise nach Australien

Erst mit 18 Jahren geht sie das erste mal wieder in ein Restaurant essen. Nach dem Abitur lernt sie ihren ersten Freund kennen. Sie verreisen sogar für ein Jahr zusammen nach Australien. Die Beziehung mit ihm habe sie total befreit: "Ich habe gemerkt, dass ich auch ein normales Leben führen kann. Ich kann alles machen was ich möchte, wenn ich einen gesunden Körper habe.“

Während ihres Klinikaufenthalts hatte Christina angefangen ihre Gedanken aufzuschreiben. Häufig wurde sie damals von den Ärzten gefragt, was in ihrem Kopf vorgehe. Doch sie wusste es selbst nicht so genau. "Ich habe mir das immer vorgestellt, wie so eine Schlange, die meine Gedanken und mich total fremdbestimmt", sagt sie. Aber sie habe sich gedacht: "Ok, ich muss anfangen aufzuschreiben, was mit mir passiert, damit ich es vielleicht irgendwann verstehen kann."

Schreiben als Therapie

Daraus ist nun ein Buch entstanden. "Durchsichtig. Autobiografie einer Magersucht" heißt es. Ende September ist es erschienen. "Die größte Heilung war im Endeffekt, darüber zu sprechen und das als Teil von mir anzuerkennen", sagt Christina Lopinski.

Heute gilt die 24-Jährige wieder als gesund. Sie genießt nach ihren Worten das Leben, studiert und ist glücklich. Mit ihrem Buch will sie Menschen ermuntern psychische Probleme nicht zu verschweigen, sondern sich zu trauen, darüber zu sprechen.

Weitere Informationen

Wenn Sie verzweifelt sind und in einer bedrückenden Lebenssituationen keinen Ausweg sehen: Suchen Sie sich Hilfe bei anderen Menschen. Es gibt auch professionelle Beratungsangebote. Hier können Sie auch anonym bleiben. Die Telefonseelsorge ist unter der Rufnummer 0800/1110111 erreichbar. Auch auf der Seite der hessischen Landesstelle für Suchtfragen finden Sie Anlaufstellen für Menschen mit Essstörungen.

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Sendung: hr-fernsehen, maintower, 15.12.2020, 18.00 Uhr