Gesundheitsamt Gießen Corona Infotelefon

Im Kreis Gießen gibt es vergleichsweise wenige Corona-Fälle. Das Gesundheitsamt setzt auf telefonische Vorsorge, Quarantäne-Maßnahmen – und das akribische Aufspüren von Kontaktpersonen. Ein Vor-Ort-Besuch.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kreis Gießen froh über Entwicklung der Corona-Zahlen

Gesundheitsamt des Landkreises Gießen
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Im dritten Stock eines ehemaligen Kasernengebäudes am Stadtrand von Gießen ist das Corona-Info-Telefon des Kreises untergebracht. Dort beantworten Studierende alle Fragen, mit denen sich die Menschen derzeit beschäftigen: zur Hygiene, zur Quarantäne, zu aktuellen Vorschriften – bis hin zur Frage, ob eine Erotikmassage mit Maske ausgeführt werden muss oder nicht. "Bei uns hat auch mal ein Waldkindergarten angerufen, der gefragt hat, ob man anstatt Seife auch Lava-Erde zum Händewaschen nehmen kann", erzählt eine Medizinstudentin.

Ermittlungsarbeit: Kontaktpersonen aufspüren

Der Kreis Gießen hat insgesamt 16 Studierende in Teilzeit angestellt. Einer davon ist Medizinstudent André Moll. Er gehört zum Team "Nachverfolgung", das sieben Tage die Woche versucht, nach einer festgestellten Infektion die Kontaktpersonen der Infizierten ausfindig zu machen. Dabei geht es um Kontaktpersonen der Kategorie 1. Das bedeutet, jemand muss mit einem Infizierten mindestens fünfzehn Minuten nahen Kontakt gehabt haben. Moll arbeitet dazu einen genauen Fragenkatalog ab. Wenn die Kategorie 1 zutrifft, ordnet er Quarantäne an.

"Das ist manchmal gar nicht so einfach", sagt Moll. Etwa, wenn ein Dolmetscher hinzugezogen werden muss. Wenn es nicht per Telefon klappt, mögliche Kontaktpersonen zu finden, versucht er es über Angehörige und auch mit Hilfe der Polizei. "Im Zweifel fahren wir selber zu der bekannten Adresse." Die allermeisten Angerufenen zeigten aber "erstaunlich viel Verständnis" für die Anordnung des Gesundheitsamtes. Er erinnert sich aber auch an einen Selbstständigen, der nicht in Quarantäne gehen wollte. Der Mann habe sich aber letztlich überzeugen lassen.

Zweite Welle? Kreis sieht sich besser aufgestellt

Besonders wichtig bei der Nachverfolgung ist, dass die Kontakte schnell ermittelt werden können, sagt Anja Hauri, die Leiterin des Teams "Hygiene" beim Landkreis Gießen. Das Ziel ist, durch eine schnelle Quarantäne eine weitere Ausbreitung zu verhindern. So sei es zum Beispiel zu Beginn der Pandemie sehr mühsam gewesen, die Kontakte von jemandem aus der Gastronomie nachzuverfolgen. "Da können schon mal schnell 100 Leute zusammenkommen, die man ausfindig machen muss." Jetzt aber habe sich die Lage entspannt, sagt die Medizinerin am Mittwoch – und es sei auch genügend Personal vorhanden.

Um Entlastung zu schaffen, hat der Kreis sechs Vollzeitstellen ausgeschrieben, befristet auf zwei Jahre. "Solange werden wir uns wohl mit Corona beschäftigen müssen“, sagt Iskender Schütte, der kommissarische Verwaltungsleiter des Gesundheitsamtes. Er rechnet fest mit einer "zweiten Welle" und einem neuen Anstieg der Infiziertenzahlen. "Wir sind jetzt viel besser aufgestellt und besser vorbereitet", betont Schütte. Einen möglichen zusätzlichen Personalbedarf will er wieder mit Studierenden abdecken.

Niedrige Infektionszahlen: "Sind sehr froh"

Seit Beginn der Corona-Krise hat das Gesundheitsamt des Landkreises Gießen bis einschließlich Mittwoch drei Covid-19-Todesfälle und insgesamt 226 bestätigte Infektionen registriert. Das ist bei einer Einwohnerzahl von rund 270.000 nicht mal ein Promille.

Im Kreis hat es bislang keinen Corona-Fall in einem Pflegeheim gegeben – anders als zum Beispiel im Odenwaldkreis. In den vergangenen Tagen seien sehr wenige neue Fälle dazugekommen. "Wir können über diese niedrigen Zahlen sehr froh sein", sagt Medizinerin Hauri. Sie mahnt aber auch: jeder mit Atemwegserkrankungen sollte sich freiwillig in häusliche Quarantäne begeben.

Sendung: hr4, 06.05.2020, 16.30 Uhr