Die Fünfköpfige Familie Neff steht in einem Garten.

In der Stadt oder lieber auf dem Land wohnen? Diese Fragen stellen sich vor allem jüngere Familien und entscheiden sich immer häufiger gegen den städtischen Trubel und fürs ländliche Idyll. Wie die Neffs aus Berlin.

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Im Dorf werden sie "die Berliner" genannt. Man könnte fürchten, dass Familie Neff deshalb nicht wirklich dazugehört im kleinen Busenborn. Doch sie haben sich gut eingelebt und wurden herzlich aufgenommen in dem ländlich gelegenen Stadtteil von Schotten. Vor sieben Jahren hatten sie die Schnauze voll vom Großstadt-Stress und zogen von Berlin in den Vogelsberg. Ähnliche Wege bestreiten immer mehr Menschen, die Ruhe, Wohnraum und Natur suchen.

Raus aus der Stadt, rauf aufs Land - ist der Plan aufgegangen? Familienvater Marco Neff beginnt zu schwärmen. In nicht mehr ganz so präsentem Berliner Akzent sagt der 42-Jährige: "Der Vogelsberg ist für uns ein Glücksgriff. Wir leben dort, wo andere Menschen Urlaub machen oder ihre Freizeit verbringen wollen."

Ehepaar Neff in Schotten (Vogelsberg)

Hinterm Haus sehen die Neffs grüne Weiden, vorn heraus den Hoherodskopf - ein beliebter Berg für Ausflüge. "Das ist Lebensqualität. Unsere Kinder können hier bedenkenlos auf der Straße spielen. In Berlin wäre ich ängstlicher", meint Marco Neffs Frau Miriam.

Durch den Tipp einer Freundin sind sie auf den alten Bauernhof mit angrenzendem Wohnhaus aufmerksam geworden. Dort wohnt das Paar mit den Kindern Ifa, Ole und Mio, zwei Hunden und vier eigenen Pferden. Hühner hatten sie auch. "Aber die hat sich neulich der Fuchs geholt", bedauert Marco. So ist das auf dem Land eben.

Die Karte zeigt die Orte Berlin und Schotten.

"In Berlin müsste ich Millionär sein"

Im Berliner Großstadt-Moloch (3,7 Millionen Einwohner) haben sie in Friedrichshain in einer Mietwohnung auf 80 Quadratmetern gewohnt. Nun besitzt die Familie ein Grundstück mit 3.800 Quadratmetern und ein Haus mit 450 Quadratmetern Wohnfläche. "Wenn ich das in Berlin, wo sich viele Menschen die Mieten nicht mehr leisten können, haben wollte, dann müsste ich Millionär sein", vergleicht Marco Neff.

In Berlin störte ihn auch die Anonymität: "Da weiß in Mehrparteienhäusern doch niemand mehr die Vornamen der Nachbarn." In Busenborn würde er bei 236 Vornamen das ganze Dorf kennen. Doch wie diese gewachsene Gemeinschaft auf Neuankömmlinge aus der Großstadt reagiert?

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"Möglich, dass es erstmal Skepsis gibt. Wir sind in solch einem kleinen Dorf wie eine große Familie", sagt die junge Ortsvorsteherin Nicole Gebhard, "aber wenn man offen ist und sich integrieren möchte, klappt das prima - etwa über die Vereine."

Marco Neff ist in die Freiwillige Feuerwehr eingetreten. Freiwillig? Er sagt, er mag es, füreinander da zu sein. Er schätzt das Gruppengefühl, das Netzwerk und die Feiern.

Ein Gewinn für beide Seiten

Nachbarin Hanni findet frisches Blut gut: "Wenn keine jungen Leute nachkommen, stirbt das Dorf aus." Doch diese Gefahr besteht trotz den Folgen des demografischen Wandels dort nicht. Schotten - zwischen Gießen und Fulda gelegen - entwickele sich prächtig, sagt Bürgermeisterin Susanne Schaab (SPD). "Die Neubau-Plätze gehen weg wie warme Semmeln und sind mit 100 Euro pro Quadratmeter sehr günstig." In Frankfurt kostet es schnell das Zehnfache.

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In Schotten könnten sich Familien noch Häuser mit Gärten leisten. Sie müssten nicht eingepfercht in großen Wohnanlagen leben, wie es Schaab beschreibt. Platz und Preise haben sich herumgesprochen. Und so hat Schotten mit seinen rund 10.000 Einwohnern mehr Zu- als Wegzüge. In den Jahren 2017 bis 2020 verzeichnet die Einwohner-Statistik ein Plus von vier Prozent - das sind 400 Menschen.

Bürgermeisterin von Schotten (Vogelsberg), Susanne Schaab (SPD)

Auch in vielen anderen Teilen Deutschlands lässt sich der Trend ablesen. Laut einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) boomt das Landleben. Vor allem die 30- bis 50-Jährigen zieht es in Scharen aus den Städten in die Landkreise. Hauptgründe: der Wunsch nach mehr Platz, einer schöneren Wohnumgebung und einem Garten.

Busverkehr? Morgens, mittags, abends

Doch auch auf dem Land ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Neff vermisst schnelleres Internet ("Sie arbeiten dran...") und bessere Nahverkehrsverbindungen. "Hier fährt der Bus morgens, mittags, abends." Für alte Leute, die nicht mehr Autofahren, sei das nicht so schön.

Doch da Neff noch nicht alt ist und in der Blüte seines Schaffens steht, überwiegen für ihn erstmal die positiven Merkmale. Für ihn als Unternehmer sei der unkomplizierte Weg zur Verwaltung von Vorteil. Er ist Chef einer Firma für Messe-, Bühnen-, Laden- und Fahrzeugausbau. Das Geschäft laufe gut, er benötige aber mehr Platz. "Die Stadt ist immer ansprechbar", sagt Neff. Bürgermeisterin Schaab hat dafür ein offenes Ohr, besucht den Firmen-Chef und verschafft sich einen Eindruck.

Marco Neff, Messe- und Bühnenbauer in Schotten

Für Neff ist die Lage im Vogelsberg auch von großem Vorteil. Er braucht nicht lange zu vielen seiner Kunden, die im Rhein-Main-Gebiet sitzen. Der Weg ist aber auch nicht weit in anderen Metropolen in Deutschland und ins benachbarte Ausland. Und im Vogelsberg wohnen sie nun im Herzen von Hessen. Auch wenn es sicher nichts für jeden Großstädter wäre: "Die Berliner" sind glücklich geworden mit dem Schritt aufs Land.

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