Gaben Zaun in Frankfurt

Dem Coronavirus sind Geld oder Hautfarbe egal. Trotzdem trifft die Pandemie Menschen mit geringem Einkommen, prekärer Beschäftigung oder Migrationsgeschichte heftiger. Was macht das mit den Menschen, die es schon vorher nicht leicht hatten?

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hs
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Ein paar Cent-Münzen sind schon im Becher gelandet, den die wohnungslose Jana in der Kasseler Innenstadt vor sich aufgestellt hat. Sie sitzt im Schneidersitz auf dem Pflaster und dreht sich eine Zigarette. Vor dem Lockdown hatte sie einen Aushilfsjob in der Event-Branche.

Corona hat ihr Leben auf den Kopf gestellt: Mit rund 800 Euro netto monatlich konnte sich die 28-Jährige vor der Pandemie noch ein WG-Zimmer leisten. Das ist jetzt genau wie der Arbeitsplatz weg: "Das macht mich schon wütend", sagt Jana.

"Ich war drauf und dran, mir Ausbildungsplätze in der Richtung zu suchen. Und dann kam der Lockdown. Das hat mich sehr zurückgeworfen." Drei Jahre hatte sie darauf hingearbeitet, endlich vom Jobcenter wegzukommen. Erst mit Erfolg, doch dann kam Corona, und seit einem Jahr fehlt ihr jede Perspektive.

Corona verschärft soziale Ungleichheit

Der Fall der wohnungslosen Jana steht beispielhaft für eine dramatische Entwicklung. In der Krise würden "bereits bestehende soziale Ungleichheiten verschärft, da sie vor allem jene trifft, die auch vor der Krise über eher geringe Ressourcen verfügte", sagen die Autoren einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, die sich mit den Folgen der Pandemie beschäftigt.

Dass viele wegen Corona im Homeoffice sind, löst bei Sheho Algjendo handfeste Existenzsorgen aus. Seit über 20 Jahren betreibt er einen Copy-Shop in der Kasseler Nordstadt. "Wir leben von Studenten und die sind nicht da. Mit zehn Kopien am Tag kann man nicht überleben."

Menschen mit Migrationsgeschichte - Algjendo kommt aus dem heutigen Kroatien - haben besonders häufig Einkommenseinbußen zu beklagen. Auch das geht aus der Studie der Hans-Böckler-Stiftung hervor.

"Mehr Angst vor Isolation als vor Corona"

Wer es bereits vor der Pandemie nicht leicht hatte, droht jetzt hinten runterzufallen. Das betrifft auch Menschen mit psychischen Erkrankungen, so wie Anne: "Ich habe eine Borderline-Störung. Eine psychische Instabilität in Sachen Impulskontrolle," sagt die Kasselerin. Deswegen sei sie frühverrentet.

Die 52-Jährige bezieht Wohngeld und hat in der Pandemie zum ersten Mal Hunger kennengelernt: "Masken sind teuer. Da überlegt man sich als sozial Schwacher: Kaufe ich jetzt Masken oder Essen?"

Sie will sich aber schützen, denn eine Quarantäne in der engen Wohnung halte sie nicht aus: "Ich habe keine große Ablenkung. Ich habe mehr Angst vor der Isolation als vor Corona."

Kurzarbeit und Lockdown mit Kind

Die Nebenwirkungen des Lockdowns hat auch Friseurmeisterin Yadi Yilmaz hautnah miterlebt. Zwischenzeitlich war sie in Kurzarbeit, bei den geringen Löhnen in ihrer Branche bleibt dann nicht viel Geld übrig. Ihr vierjähriger Sohn habe den Lockdown im Winter nicht gut verkraftet: "Er hat nicht mehr gegessen, hat nicht mehr geschlafen. Im Alltag war er sonst ein ruhiges Kind und ist jetzt total aufgewühlt, einfach weil er keine anderen Kinder sehen konnte."

Ob es die Kunden oder ihre Kolleginnen und Kollegen im Friseursalon am Martinsplatz in Kassel sind: Alle belastet der permanente Ausnahmezustand sehr. Krankenkassen verzeichnen einen Anstieg bei Depressionen und Angstzuständen bei gleichzeitig fallenden Krankheitsständen. Dabei spielt die Unsicherheit, wie es weitergeht, eine große Rolle. "Wenn der ein oder andere Laden zumacht, dann überlegst du schon: Wohin?", sagt Yadi Yilmaz.

"Lebensbedrohlich", wenn Tafeln schließen

Während die Bundesregierung milliardenschwere Wirtschaftshilfen schnürt, zeigt sich in Fulda, dass schon kleinere Investitionen dem sozialen Zusammenhalt helfen können. Im Stadtteil Ziehers-Süd gibt es seit etwa zwei Jahren ein Bürgerzentrum, finanziert vom Bund, der Stadt und dem Land Hessen. Hier hat Quartiersmanagerin Adriana Oliveira ihr Büro, aber meist ist die Sozialpädagogin im Viertel unterwegs.

"Ich habe hier viele Familien, die geflüchtet sind. Die leben in Zwei- oder Drei-Zimmer-Wohnungen mit sechs Personen, und da kann man sich vorstellen, wie es ist." Mit Beratungsangeboten oder einer Hausaufgabenbetreuung am Nachmittag greift Adriana Oliveira den Menschen im Viertel unter die Arme.

Der erste Lockdown hatte all das zum Erliegen gebracht - mit drastischen Konsequenzen, etwa als die Tafeln keine Lebensmittel mehr an Bedürftige geben durften: "Da gab es ein paar Wochen kein Essen. Und das ist für viele Menschen wirklich lebensbedrohlich, weil sie auf dieses Essen angewiesen sind."

Wer mit Adriana Oliveira unterwegs ist, lernt auch Menschen kennen, die trotz ihrer schwierigen Lage den Lebensmut nicht verloren haben. Weil sie sich einbringen können, sei es bei der Verschönerung eines Gehweges oder in der Bewirtschaftung eines kleinen Gartens. Adriana Oliveira sagt, man müsse den Menschen Verantwortung übertragen, "damit sie sich nicht in der Opferrolle sehen".

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 30.03.2021, 19.30 Uhr