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Wie die Hochschulen geflüchtete Studierende aus der Ukraine unterstützen

Viele Geflüchtete aus der Ukraine möchten ihr Studium gerne an einer hessischen Universität fortsetzen. Die Hochschulen versuchen zu helfen - aber es gibt viele Hürden.

Dima Saienkos Eltern hatten es geahnt. Rund zwei Wochen, bevor sie aus Kiew fliehen mussten, sammelte die Mutter die wichtigsten Papiere in einer Kiste. Als am 24. Februar um 4 Uhr nachts die ersten Bomben fielen, packte die Familie ihre Smartphones und Laptops dazu, verstaute alles im Auto und machte sich auf den Weg - zunächst zur Großmutter außerhalb von Kiew, dann über die Westukraine nach Frankfurt, wo sie am 6. März ankam.

Bis zur Flucht studierte Dima Wirtschaft in einer Art Kolleg, das auf das Studium an der Hochschule vorbereitet. Noch ein Semester, dann hätte der 17-Jährige an der Universität in Kiew mit dem regulären Studium anfangen können.

Jetzt versuchen seine Kommilitonen und er, das Vorstudium online abzuschließen - wobei die Verbindung immer wieder hakt und er keine Arbeitsmaterialien mehr hat. Parallel lernt er Deutsch und versucht herauszufinden, wie er in Deutschland ein Studium aufnehmen kann. Denn ob er zurück kann, weiß er nicht.

Dima Saienko aus der Ukraine: Teenager mit Jeans und blauer Winterjacke

"Menschen nicht einfach dazu setzen"

Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und die deutsche Hochschulrektorenkonferenz (HRK) erklärten jüngst, dass "erwartbar bis zu 100.000 ukrainische Studierende und Forschende" nach Deutschland kommen könnten. Die hessischen Hochschulen verzeichnen denn auch schon hunderte Anfragen: Die Goethe-Universität Frankfurt bislang rund 400, die Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen rund 300, die Universität Kassel rund 100, die Technische Universität (TU) Darmstadt über 60. Darunter seien vor allem Ukrainer, aber auch Drittstaatler. Die Fachrichtungen sind unterschiedlich, gefragt sind aber vor allem Medizin, Naturwissenschaften und Lehramt.

Die Universitäten versuchen individuell zu helfen, wie sie auf hr-Anfrage erklären. Größte Hürde ist dabei die Sprache. "Niemandem ist geholfen, wenn Sie die Menschen einfach in den Hörsaal setzen", gibt Hans-Detlef Horn zu bedenken. Er ist Vorsitzender des Landesverbandes Hessen des Deutschen Hochschulverbands und Professor am Institut für Öffentliches Recht an der Uni Marburg.

Seine Universität etwa biete relativ wenige Studiengänge auf Englisch an, meist in den Naturwissenschaften. Eine Mindestanforderung an künftige ukrainische Studierende sei deswegen ein Integrations- und ein Deutschkurs.

Unis richten zusätzliche Kurse ein

Eine weitere Hürde sei die Zugangsberechtigung, sagt Hans-Detlef Horn. Generell ist die Schulzeit in der Ukraine kürzer, Vorbereitungsstudien wie das von Dima sind nicht eins zu eins auf das deutsche System übertragbar. "Grundvoraussetzung bei uns ist eigentlich ein Studium von mindestens vier Semestern an einer ausländischen Hochschule", erklärt Horn. Zudem seien die Einschreibefristen für das Sommersemester bereits abgelaufen.

Doch auch hier wollen die Universitäten flexibel sein: Die JLU Gießen schreibt ukrainische Studierende im Sommersemester als Austauschstudierende oder "Freemover" auch über die abgelaufenen Fristen hinaus ein. Im Sommer will das Team des Akademischen Auslandsamts sie dann im Hinblick auf eine mögliche reguläre Bewerbung an der JLU unterstützen. "Wir möchten in der aktuellen Situation nicht nach 'Schema F' vorgehen", betont dessen Leiterin Julia Volz. Das liege auch an den engen Kontakte der JLU zur ihrer ukrainischen Partneruniversität, der Kiew-Mohyla-Akademie.

Rund 190 ukrainische Studierende können zudem im Sommersemester digital im VIP-Programm (Virtual International Programme) der JLU teilnehmen. Das Programm wurde in der Corona-Pandemie eingerichtet und bewährt sich jetzt, erklärt Volz.

Hilfsfonds und Zusatzkurse eingerichtet

Die Goethe-Universität in Frankfurt reagiert mit einem uni-eigenen Programm: "Academic Welcome Program for highly qualified refugees" (AWP) heißt es und will beispielsweise Deutschkenntnisse so weit verbessern, dass ein Studium möglich wird. Das Programm wurde nach Uni-Angaben 2015 eingerichtet, um in der damaligen Situation Geflüchteten helfen zu können. Dabei werden unter anderem auch Personen beraten, die ihre Original-Prüfungsunterlagen im Krieg verloren haben. Auch die TU Darmstadt und die Uni Kassel prüfen, wie weit sie Deutschkurse ausbauen und zusätzliche Kollegs anbieten können.

Die Universität Kassel weist derweil auf eine weitere Hürde hin: Ukrainerinnen und Ukrainer erhalten gemäß Asylbewerberleistungsgesetz nur 367 Euro pro Monat. Damit seien Studienmaterial, Einschreibegebühren, Sprachkurse und nicht zuletzt der Lebensunterhalt kaum zu leisten. Man schließe sich deswegen einer Forderung des DAAD nach Finanzhilfen vom Bund an.

"Dankbar, dass wir in Sicherheit sind"

Das Land Hessen wiederum hat sein Stipendienprogramm HessenFonds für verfolgte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zwar auch auf die Ukraine ausgeweitet, die Mittel bislang aber nicht aufgestockt. Die JLU Gießen hat einen eigenen Hilfsfonds eingerichtet, finanziert durch "Umschichtungen aus Drittmitteln" und Spenden, berichtet Julia Volz. Außerdem sei die Uni im Gespräch mit anderen Universitäten, um einen gemeinsamen Hilfsfonds auf die Beine zu stellen. Ähnliches berichtet eine Sprecherin der Universität Marburg.

Für Dima Saienko ist jetzt schon klar, dass er sich einen Nebenjob suchen will, um sein Studium zu finanzieren. Bis dahin versucht er, das deutsche Hochschulsystem zu verstehen, wie er erzählt. Das Wichtigste sei aber erst einmal: "Ich bin dankbar für die Unterstützung, die wir hier bekommen - und dafür, dass wir in Sicherheit sind."

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