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zum Video Wie die Kita-Schließungen den Kindern und Familien zusetzen

Sigrid Mehring-Zier mit ihren Kindern, die sie wegen Corona zu Hause betreuen muss

Gut 255.000 Kinder in Hessen gehen derzeit nicht in die Kita. Der Eltern-Protest gegen das Kontaktverbot für die Kleinen wird lauter. Wissenschaftler fordern die Öffnung der Kindertagesstätten - doch Deutschlands führender Virologe widerspricht.

Sigrid Mehring-Zier hat sich noch nie so unverstanden gefühlt von der Politik. Seit fast sieben Wochen sind sie und ihr Mann jetzt mit den Kindern zu Hause in Frankfurt. Ihre Tochter geht eigentlich in die Kita, ihr Sohn zur Tagesmutter. Corona hat alles verändert. Beide Eltern arbeiten im Homeoffice und wechseln sich mit der Kinderbetreuung ab.

Die Situation ist für die ganze Familie eine Belastung. "Mich macht wütend, dass die Politiker davon ausgegangen sind, dass kleine Kinder einfach nebenher laufen, während die Eltern arbeiten. Das funktioniert aber nicht", sagt Sigrid Mehring-Zier. Kleine Kinder brauchten im Gegenteil besonders viel Aufmerksamkeit. Ihre vierjährige Tochter vermisse die Kita sehr, erzählt die Mutter, ständig müsse sie mit ihr Kindergarten spielen. Kinder lernten dort enorm viel, etwa den sozialen Umgang mit anderen. Das könnten Eltern nicht ersetzen.

Knapp 24.000 Kinder in der Notbetreuung

Die Familie ist mit ihren Nöten nicht allein. In Hessen gehen gerade gut 255.000 Kinder nicht in die Kita, 23.700 Kinder nahmen nach Auskunft des Sozialministeriums in der vergangenen Woche die Notbetreuung in Anspruch. Auch 230.000 Grundschüler sind zu Hause. Wie lange die Eltern Kinderbetreuung und Arbeit noch gleichzeitig stemmen müssen, wissen sie nicht.

Zwar haben sich die Familienminister von Bund und Ländern inzwischen allgemein für einen Wiedereinstieg in die Kindertagesbetreuung ausgesprochen haben - freilich ohne einen Zeitplan zu skizzieren. Womöglich geben die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten bei ihren Konferenzen an diesem Donnerstag und am kommenden Mittwoch eine konkrete Perspektive. Eltern können erst mal nur warten.

Verwaiste Spielecke in einer Kindertagesstätte

Das kritisieren jetzt immer mehr Experten. Sabine Andresen ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Goethe-Universität in Frankfurt und eine von 43 Wissenschaftlerinnen, die sich bundesweit zusammengeschlossen haben und schon Mitte April gefordert haben, die jüngsten Kinder nicht pauschal im Lockdown verharren zu lassen.

Kinder derart in ihrem Recht auf Bildung zu beschränken wie derzeit, findet Andresen nicht in Ordnung: "Ohne aufzuzeigen, wie Eltern das meistern sollen, und ohne im Blick zu haben, dass das eben für Kinder eine extrem lange Zeit ist. Sie sind womöglich ein halbes Jahr mehr oder weniger eingesperrt in der häuslichen Umgebung."

Wahrnehmung der Krise hat sich völlig verändert

Ob von Kindern wirklich eine große Infektionsgefahr ausgehe, stellen Mediziner zunehmend infrage. Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin kritisiert die massive Einschränkung der Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen, ebenso die Deutsche Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft.

Eine am Mittwochabend veröffentlichte Studie des Charité-Virologen Christian Drosten, eines der führenden Experten in der Republik, kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis: Kinder seien ebenso ansteckend wie Erwachsene, zeigten jedoch so gut wie nie Symptome. Drosten warnte eindringlich vor einer zu baldigen Öffnung von Kindertagesstätten und Schulen.

Sabine Andresen plädiert dafür, Kitas wieder zu öffnen, um Kinder in kleinen konstanten Gruppen zumindest ein paar Stunden am Tag zu betreuen. "Ansonsten wird die Bildungsschere weiter auseinandergehen", warnt die Erziehungswissenschaftlerin: "Familien mit weniger Ressourcen werden die größten Nachteile haben. Die lassen sich immer weniger aufholen."

Auch ein anderes Problem verschärft sich. Die Soziologin Sarah Speck forscht daran, wie mehrköpfige Haushalte unter den Einschränkungen der Corona-Krise die Arbeit untereinander aufteilen. Das erste Zwischenergebnis bestätige, was Studien seit Jahren zeigten, dass in Krisenzeiten tendenziell Frauen die Sorgearbeit übernehmen. "Frauen übernehmen die Mehrarbeit im Bereich Homeschooling, im Bereich der Hausarbeit, stellen ihre eigene Erwerbsarbeit zurück oder bewältigen sie unter großem Stress noch nebenher oder abends", hat Speck herausgefunden.

"Das kann nicht bis August so weitergehen"

Die Soziologin beobachtet auch eine Veränderung in der Wahrnehmung der Krise. Am Anfang hätten viele Familien den Lockdown als Entlastung vom normalen Alltagsstress empfunden. Inzwischen sei die Stimmung gekippt. Die physische und psychische Belastung sei durch die doppelte Arbeit gestiegen. "Es ist gut, dass jetzt über die mangelnde Anerkennung von Sorgetätigkeiten debattiert wird", sagt Speck. Es gehe jetzt darum, die Situation von Eltern zu verbessern, zum Beispiel, indem sie ihre Arbeit zu gleichen Teilen reduzieren könnten und das finanziell ausgeglichen bekämen.

Sigrid Mehring-Zier hofft vor allem darauf, dass ihre Kinder bald wieder andere Kinder sehen dürfen. Sie hofft, dass die Betreuung in der Kita in kleinen Gruppen und in verschiedenen Räumen zumindest tageweise bald wieder möglich sein wird. Eltern und Kinder bräuchten eine konkrete Perspektive, sagt sie. Die Situation könne nicht bis nach den Sommerferien, also Mitte August, weitergehen wie bisher.

Sendung: hr-fernsehen, hauptsache kultur, 30.04.2020, 22.45 Uhr