Michael Carman beim Tanzen und in Schutzkleidung

Er stand auf großen Ballettbühnen, dann wirbelte Corona das Leben von Profi-Tänzer Michael Carman durcheinander. Er kehrte zurück in seinen früheren Beruf und arbeitet nun in einer Frankfurter Hausarztpraxis. Seitdem geht es wenig um Kunst und viel um die Nöte der Patienten.

Vor Corona bestand der Alltag von Michael Carman aus stundenlangen Ballettproben, zertanzten Schuhen, den großen Bühnen und dem Applaus nach der Aufführung. So schnell wie das Virus die Welt veränderte, wurde auch das Leben des 26-Jährigen durcheinander gewirbelt. Das Opernhaus Zürich, wo er seit Januar ein Engagement als Tänzer hatte, musste schließen.

Mit seiner Mitbewohnerin machte er kurz vor dem Shutdown in der Schweiz noch einen Spaziergang, sein Handy ließ er zuhause: "Als ich zurück kam, hatte ich 18 verpasste Anrufe: Du musst nach Hause kommen, die Grenzen werden geschlossen."

Er nahm einen der letzten Züge nach Deutschland, wohnte wieder in seinem alten WG-Zimmer in Frankfurt, wo er an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst studiert hatte. Plötzlich war die Perspektive: Bewerbungen schreiben mit seiner ursprünglichen Qualifikation als Medizinischer Fachangestellter - oder die Arbeitslosigkeit.

Pirouetten werden zum Luxusproblem

Innerhalb von wenigen Tagen hatte er eine Zusage für einen Job: Er kümmert sich um Patienten einer Hausarztpraxis im Frankfurter Stadtteil Dornbusch, nimmt Blut ab, entnimmt Gewebeproben und begleitet die Ärztin auf Hausbesuche. Viele seiner Tanzkollegen haben so eine Alternative nicht: "80 Prozent meines Freundeskreises sind schon arbeitslos oder werden es sein", schätzt er.

In den vergangenen Wochen bestimmt statt der Musik das Virus den Takt seines Alltags. "Es ist happig, wirklich schlimm", sagt Carman über das, was er in der vollen Praxis erlebt. Alle arbeiteten am Anschlag. Trainieren kann er nur noch nach dem langen Arbeitstag in seiner WG mit Videos von Balletttrainern und auf engstem Raum: "Früher war die Frage wichtig, ob ich drei oder vier Pirouetten schaffe, das ist jetzt ein Luxusproblem."

Im Schutzanzug zum Hausbesuch

Bei den Hausbesuchen begegnet er vielen ältere Patienten, die durch die Corona-Maßnahmen noch mehr vereinsamen, sogar kleine Spaziergänge fallen jetzt aus. "Denen fällt wirklich die Decke auf den Kopf", sagt Carman. Oft sei der einzige Sozialkontakt der Besuch der Hausärztin und der Pflegedienste, viele freuten sich richtig darauf. "Und dann kommen wir rein und sind von oben bis unten vermummt in Schutzkleidung“, sagt Carman.

Zum eigenen Schutz und dem der Patienten tragen sie Arztkittel, Einmalkittel, Mundschutz, Schutzhelm, teils doppellagige Handschuhe. Für die Patienten sei das ein befremdlicher Anblick. Viele seien sowieso schon in großer Sorge. Eine Dame, Ende 90, habe ihm erklärt, dass sie noch die Spanische Grippe erlebt hätte - sie habe großen Respekt vor Corona.

Anders als viele Jüngere in der Praxis, sagt Carman: Bei der Sorglosigkeit vieler beim Thema Corona frage er sich, ob sie wissen, was die Krankheit bedeuten kann: "Ich weiß, wie das ist, wenn Du einen Patienten hast, der blaue Lippen hat und nicht atmen kann, der Brustkorb hebt sich, aber er erstickt". Viele würden sich aktuell um Defizite der globalen Wirtschaft Gedanken machen. "Der Tod Deiner Oma ist aber auch irreversibel", sagt Carman.

Klatschen auf dem Balkon: "Wie eine Komödie"

Als Tänzer arbeitete er 60 Stunden die Woche, dazu noch die Aufführungen am Abend. Viel Geld verdient ein Gastsolist an einem Theater nicht, etwa 2.400 Euro brutto. Auch der Kultur mangelt es an Geld, sagt Carman, das sei aber nichts im Vergleich zu Geldsorgen im Gesundheitssystem. Hausbesuche zu machen, lohne sich wirtschaftlich nicht für die Praxis, in der er arbeitet.

Gerade jetzt würde sich zeigen, was schief läuft, sagt er ernüchtert, da würden auch die warmen Worte nicht helfen: Das Einstiegsgehalt für seinen aktuellen Job liege bei 1.800 Euro für eine Vollzeitstelle. "Wenn man dafür das leisten muss, was wir gerade jeden Tag machen und dann klatschen abends Leute auf dem Balkon, ist das wie eine Komödie."

Tanzen nach Corona

An einem Abend wollte er nach der Arbeit Sprünge üben, der Boden in der WG ist zu hart dafür. In Ballettsälen gibt es Schwingböden, die die Gelenke schonen. Deswegen ging er nach draußen auf die Wiese zum Trainieren. "Und dann standen wieder Leute auf dem Balkon und haben geklatscht". Eine absurde Situation sei das gewesen, sagt er und lacht.

Wenn die Pandemie vorbei ist, will er wieder tanzen. Dass die Welt des Balletts dann noch aussieht wie vorher, glaubt er nicht: "In der Kunst wird gespart, aktuell machen alle Häuser Minus, und die müssen nach Corona erst mal ihre festen Ensembles bezahlen."

Er will im medizinischen Bereich bleiben, so lange das nötig ist. Im Gegensatz zur ständigen Konkurrenz unter Tänzern, erlebe er da einen anderen Teamgeist. Auch die Anerkennung sei eine andere: Früher arbeitete er für den Applaus, jetzt gehe er nach Hause und habe geholfen, dass es einem Patienten besser geht.

Sendung: YOU FM, 29.04.2020, 15.05 Uhr