Auenlandschaft bei Babenhausen

Ein fleißiger Biber hat Wiesen und Wälder bei Babenhausen in eine faszinierende Naturlandschaft verwandelt. Doch die wertvolle Renaturierung zum Nulltarif ruft nicht nur Begeisterung hervor. Muss der Biber nun umziehen?

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hsk
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Renaturierungsprojekte, wie etwa an der Lahn bei Marburg, sind oft sehr aufwendig und kosten meist viel Geld. Allein im Jahr 2020 hat das Land nach eigenen Angaben 39 Maßnahmen an Gewässern mit rund 12,5 Millionen Euro gefördert. In Babenhausen (Darmstadt-Dieburg) gibt es ein solches Projekt derzeit zum Nulltarif. Den Regeln folgt der "Bauherr" hier allerdings nicht.

An den Bachläufen rund um die 17.000-Einwohner-Stadt hat sich ein Biber mit seiner Familie niedergelassen und baut einen Staudamm nach dem anderen - aktuell sind es sechs Stück. Dort, wo der Nager am Werk war, haben sich bereits pittoreske Naturlandschaften gebildet: kleine Seen, überflutete Auen und natürlich anmutende Bachufer.

Ein fast 20 Meter langer Biberdamm bei Babenhausen

Und nicht nur das: "Mit der Aktivität des Bibers steigt die Artenvielfalt, Wasser verbleibt länger in der Landschaft, die Wasserqualität kann steigen", sagt Ulrich Götz-Heimberger, Bibermanager des Darmstädter Regierungspräsidiums.

In Babenhausen und den umliegenden Gemeinden könnte man also zufrieden auf das geschenkte Naturphänomen blicken. Doch ganz so einfach ist es nicht.

Wie so oft gilt auch hier: Was sich die Natur zurückholt, holt sie sich vom Menschen. Das trifft besonders auf so dicht besiedelte Regionen wie das Rhein-Main-Gebiet zu. Oder wie es Wolfram Wittwer, Betriebsleiter des ortsansässigen Wasserwerks, treffend formuliert: "Naturlandschaft trifft auf Kulturlandschaft, und das führt zu Konflikten."

Klärwasser könnte ins Trinkwasser gelangen

Das Wasserwerk liegt in unmittelbarer Nähe zu den Biberdämmen, und das nachbarschaftliche Verhältnis ist angespannt. "Der Biber setzt den ganzen Wald unter Wasser", sagt Wittwer. Was eigentlich höchstens für Spaziergänger oder Forstwirtschaft ein Problem darstellt, hat laut Wittwer aber konkrete Auswirkungen auf alle Menschen in der Umgebung: Der Biber hat durch sein Tun nicht nur bis zu 20 Hektar Wiesen und Wälder geflutet, sondern auch das sogenannte Entlastungsbauwerk des Wasserwerks. Dort wird sonst bei Rohrbrüchen das Wasser abgelassen, um Schäden besser reparieren zu können. Momentan ist dieses Gebäude aber nicht zugänglich. Deswegen sollte im Umkreis von Babenhausen derzeit besser kein Wasserrohr platzen.

Dort, wo das Schild aus dem gefrorenen Wasser ragt, befindet sich normalerweise der Zugang zum Entlastungsbauwerk.

Was Wittwer aber deutlich mehr Sorgen bereitet, ist der Einfluss des Bibers auf das Grundwasser und somit auch auf das Trinkwasser der Menschen in der Region. Denn in die Lache und den Neuen Graben - die Bäche, die der Biber aufgestaut hat - fließt in großem Maße Wasser aus Kläranlagen aus dem nahegelegenen Eppertshausen und dem gesamten Odenwaldgebiet. Und all das, was die Kläranlagen nicht aus dem Wasser filtern konnten, wie etwa Spurenstoffe oder Medikamentenrückstände, versickert nun an Stellen, wo es nicht versickern sollte. In spätestens 15 bis 20 Jahren wird es seinen Weg ins Grundwasser finden.

"Wir haben hier eine nachweisbare Beeinflussung des Grundwassers", erklärt Wittwer, zu dessen Aufgaben es gehört, über die Qualität der unterirdischen Wasserspeicher zu wachen. Das Problem: Genau an diesen Stellen liegen die Trinkwasserbrunnen des Wasserwerks. Aus diesen Brunnen werden aktuell 135.000 Menschen in 21 Gemeinden versorgt, unter anderem Babenhausen, Dieburg und Groß-Zimmern. Stark verkürzt könnte man also sagen: Der Biber gefährdet die Gesundheit zehntausender Menschen.

Die Suche nach einer Lösung

Was also tun? Die Dämme zerstören und den Biber verjagen? Oder lassen sich die Interessen von Natur und Mensch doch irgendwie unter einen Hut bringen? Wittwer könnte sich zum Beispiel vorstellen, im betroffenen Gebiet Abschnitte festzulegen, in denen der Biber uneingeschränkt wirken darf, und solche, in denen er vergrämt wird.

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Biber in Hessen

Der Biber zählt in Europa zu den streng geschützten Arten. Fast 400 Jahre war der Biber in Hessen als Folge intensiver Bejagung ausgestorben. Erst 1980 ebnete ein Wiederansiedlungsprojekt im Spessart laut Naturschutzbund Hessen (NABU) den Boden für ein Comeback des Nagers. Demnach leben mittlerweile etwa 1.000 Biber im Land.
Allein im Kreis Darmstadt-Dieburg haben über 100 Tiere ihr Zuhause gefunden. Und der Biber breitet sich weiterhin kontinuierlich aus: Hat der Kreis im Jahr 2009 noch drei Biberreviere gezählt, waren es im Jahr 2018 bereits 24. Danach hat man aufgehört zu zählen, weil sich die Grenzen der Reviere nicht mehr klar abgrenzen ließen.

Ende der weiteren Informationen

Die finale Entscheidung, was mit dem Biber geschieht, liegt in diesem Fall bei der Unteren Natur- und Gewässerschutzbehörde des Kreises. "Generell darf man die Lebensstätte eines Bibers nicht beeinträchtigen oder zerstören", sagt Matthias Kießling, Fachbereichsleiter für Natur- und Artenschutz. Wolle man es dennoch tun, benötige man eine Sondergenehmigung seiner Behörde. Ob und wann die Behörde solch eine Genehmigung erteilt, ist noch völlig unklar. Am Freitag wollen sich die Beteiligten noch einmal zusammensetzen und an Lösungsvorschlägen arbeiten.

Was ist uns Umweltschutz wert?

Für Kießling gilt es dabei, zwischen den Bedürfnissen des Bibers und denen des Menschen abzuwägen und sich die Frage zu stellen: "Kann man solch eine Situation in einem Wassereinzugsgebiet akzeptieren?" Grundsätzlich sei es schon möglich, eine Lösung zu beiderseitiger Zufriedenheit für Natur und Mensch zu finden. "Man könnte zum Beispiel die Kläranlagen weiter aufrüsten oder Trinkwasserfilter einbauen", erklärt Kießling.

Die Probleme aber allein am Biber festzumachen, wäre zu kurz gedacht. Denkt man einen Schritt weiter, kommt unweigerlich die Erkenntnis, dass der Biber dem Menschen ganz nebenbei die Konsequenzen des eigenen Handelns vor Augen führt. "Die problematischen Stoffe sind die Auswirkungen dessen, was wir Menschen über die Kanalisation entsorgen", gibt Bibermanager Götz-Heimberger zu bedenken.

Wie auch immer die Lösung in Babenhausen aussieht, am Ende wird sie mit Kosten verbunden sein. Damit ist der Traum von der Renaturierung zum Nulltarif auch schon wieder geplatzt, und es stellt sich wie so oft die grundsätzliche Frage: Was ist uns Umweltschutz wert?

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 18.02.2021, 16.45 Uhr