Das 800-Einwohner-Dörfchen Gottsbüren in Nordhessen droht durch die Landflucht zu schrumpfen, die alten Fachwerkhäuser verfallen. Eine Initiative kämpft dagegen an - mit Erfolg. Das Dorf hat nun sogar einen englischen Pub.

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Heike Groß und David Gunson haben sich ein großes Haus gekauft, denkmalgeschützte Fachwerkfassade, mehr als 300 Jahre alt, ruhige Lage. Und ein unschlagbarer Preis: 45.000 Euro. Das Ehepaar hat sich für das Landleben im nördlichsten Zipfel Hessens entschieden - und für eine Lebensaufgabe. Die Gunsons retteten ein altes Fachwerkhaus vor dem Verfall.

Dafür sind der Brite und seine Frau aus dem rheinland-pfälzischen Trier hierhergezogen. Der Trendelburger Ortsteil Gottsbüren (Kassel) hat rund 800 Einwohner, Kassel ist 40 Minuten mit dem Auto entfernt, bis Göttingen sind es 50 Minuten. Der Traum vom Dorfleben ist harte Arbeit, schweißtreibend und nur auf den ersten Blick so verlockend günstig. Eine viertel Million Euro muss das Ehepaar noch in ihr Haus investieren.

Herausforderung Fachwerkhaus

David Gunson hat eine Aufgabe und einen Ort gesucht, wo er einen englischen Pub aufmachen kann. Er hat sich entschieden, dafür aufs Land zu ziehen - während viele andere die Dörfer verlassen und das Glück in den Städten suchen. Für den Film "Was tun gegen Landflucht?" hat der hr ihn und andere neue Gottsbürener ab Februar 2020 über ein Jahr lang begleitet.

Das Haus ist für ihn eine Lebensaufgabe: "Wenn man sich zur Ruhe setzt, ist das Leben eigentlich vorbei", sagt David Gunson, "man muss was tun. Und das hier ist schon eine Herausforderung." Er hat schon andere Häuser renoviert, aber der Aufwand im Fachwerkhaus ist weitaus größer. Es braucht Wissen, Handwerksgeschick und viel Zeit. Neben dem ersten Pub des Dorfes soll es auch Gästezimmer geben. Schön ist es im Reinhardswald rund um das Dorf. Heike Groß hofft auf Natururlauber.

Weitere Informationen

Der Film in der Mediathek

Für den Film "Was tun gegen Landflucht? Wie Menschen für ihr Dorf kämpfen" hat ein Team des hr die Menschen im Dorf Gottsbüren mehr als ein Jahr lang begleitet. Der Film ist ab sofort in der Mediathek zu sehen. Am 19. Oktober um 21 Uhr läuft er außerdem im hr-fernsehen.

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Aber neben den Arbeiten im großen Haus, gibt es noch reihenweise andere Baustellen für ihr Vorhaben, etwa die Bürokratie beim Anmelden von Kneipe und Gästezimmern: Sowas nerve, sagt Groß, "besonders hier in der Region, wo viele Leute oder viele Häuser leer stehen und verfallen und es werden trotzdem Steine in den Weg gelegt." Sie könne verstehen, wenn Leute sagen, "da lassen wir die Finger davon, da hat man nur Ärger". Dazu machte Corona es ihnen zusätzlich schwer, alles dauerte noch länger.

Initiative ersetzt die Immobilienmakler

Hilfestellung für die neuen Einwohnerinnen und Einwohner gibt es von der Initiative "Dorfschatz". Sie versucht vor allem, die alten Fachwerkhäuser im Ort zu erhalten und neue Besitzer zu finden. Keine einfache Aufgabe, denn die Häuser standen teils lange leer, sind verfallen oder müssen rund um erneuert werden. Teils krachen Wände zusammen, tragende Balken müssen ersetzt werden.

"Wir haben gesehen, dass es leer stehende Häuser gibt, die nicht zum Verkauf stehen. Die wurden nirgendwo beworben, die waren bei keinem Makler", sagt Mira Hennecke. Die Häuser drohten zu Ruinen zu verkommen. Da hätten sie angefangen, nachzuforschen. Mittlerweile klärt die Initiative die Rechtslage bei den unbewohnten Gebäuden, bietet Führungen an und hilft bei Anträgen. So finden Interessenten aus ganz Deutschland nach Nordhessen.

Auch Alteingesessene wie Irmgard Nadler finden das gut. Viele Jüngere seien wegen des Jobs aus dem Dorf weggezogen, erzählt die 80-Jährige, nur die Älteren blieben zurück. Mit den neuen Bewohnern habe sie einen guten Kontakt, sie seien freundlich.

Verliebt in eine Ruine

Neben den Gunsons ist auch Sonja Hinricher-Olszak eine der "Neuen". Sie kam mit ihrem Mann aus Solingen in Nordrhein-Westfalen nach Nordhessen. Ihr Hausprojekt wollen sie in Eigenregie umsetzen. Zehn oder zwölf Häuser hätten sie sich hier angeschaut, erzählt sie. Verliebt haben sie sich schließlich in ein 250 Jahre altes Fachwerkhaus. Noch ist das Gebäude eine Baustelle, irgendwann soll hier eine Kochinsel stehen, die offenen Balken sollen dem Ganzen einen besonderen Charme geben. Mit einem großen Strahlen steht Hinricher-Olszak zwischen eingerissenen Wänden und Bauschutt: "Diese modernen Bauten sind überhaupt nicht unser Geschmack. Wir mögen halt gemütliches Wohnen, viel Holz, viel Natur, viel Grün".

Bisher haben sie und ihr Mann erstmal alles rausgerissen, auch ihre Eltern sind im Einsatz. Sonjas Mutter steht mit einem Schleifgerät an einem der äußeren Balken und versucht, die dunkelbraune Farbe abzubekommen. Ihre Tochter ist begeistert über die Maserung im Holz darunter "Ich liebe es, wenn ich nur das Stück vom Balken sehe, bin ich schon so happy". Weil sie in absehbarer Zeit nicht in dem weitläufigen Haus wohnen können, haben Hinricher-Olszak und ihr Mann gleich noch ein zweites Gebäude im Ort erstanden, in das sie schon mal einziehen können. Später sollen hier Ferienwohnungen entstehen.

Genug alte Häuser für künftige Landbewohner

Der Landkreis Kassel versucht, Kommunen dabei zu unterstützen, die ländlichen Gegenden aktiv zu beleben - oder zumindest zu verhindern, dass die Dörfer aussterben. Schwierig sind dabei besonders die Gegenden, die keine Anbindung an größere Städte wie Kassel haben. Ein "Zukunftskataster" soll aufzeigen, wo es Leerstand und Potenzial gibt. Der Kreis hat einen Leitfaden entwickelt, der es Bürgerinnen, Bürgern und Kommunen leichter machen soll, einen Überblick zu bekommen, etwa über die Regeln bei der Denkmalpflege, Investitionen und den Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft".

Gottsbüren scheint eine Zukunft zu haben. Vieles liegt an der Begeisterung der neuen Hausbesitzer für die alten Gemäuer - und den finanziellen Möglichkeiten. Der neuen Pub im Dorf wurde im Frühjahr das erste Mal getestet, die einzige Gelegenheit im Ort, ein Feierabendbier zu trinken. Die Dorfbewohner sind gekommen: "Wir freuen uns, dass ihr das Projekt angegangen seid, dass ihr euch durchgebissen habt", lobt Mira Hennecke von der Initiative "Dorfschatz" die Besitzer.

Pubbetrieber Gunson ist zufrieden: "Der Trend ist aufs Land zu ziehen, viele Leute wünschen sich das", sagt er. In der Gegend stünden noch einige leere Häuser, die könnten sich potenzielle Landbewohner ja mal anschauen.

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