Sie haben ihre Wohnung gekündigt bekommen: Das Ehepaar Höhn aus Maintal

Ob Kurzarbeit oder Jobverlust: Der Mieterbund schlägt Alarm, denn bei einigen Hessen wackelt das sonst sicher geglaubte Geld für die Miete. Auch ein Ehepaar aus Maintal hat die Corona-Krise hart getroffen.

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hessenschau vom 06.11.2020
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Eine in die Jahre gekommene Tiertapete ziert das Badezimmer. Im Flur hängt ein Setzkasten neben dem anderen an der Wand - sie zu füllen, hat sicher einige Zeit gedauert. Im Wohnzimmer stapeln sich Plüschtiere, Fotos und Aktenordner. Seit nunmehr 38 Jahren wohnt das Ehepaar Hohn in ihrer Mietwohnung in einem Hochhaus in Maintal-Dörnigheim (Main-Kinzig).

Doch das könnte sich ändern: Anfang September lag eine fristlose Kündigung im Briefkasten des Paares. Bis Ende des Monats sollten die Hohns ausziehen, das Ganze verzögerte sich dann noch bis Ende November. Der Grund für die fristlose Kündigung: Das Ehepaar hatte zu dem Zeitpunkt bereits von März bis August keine Miete mehr gezahlt.

30 Prozent weniger Umsatz

"Mir sind wegen Corona meine Erträge um 30 Prozent eingebrochen", berichtet Erwin Hohn. Er arbeitet als solo-selbstständiger Kurierfahrer, 12 Stunden am Tag für seine Kunden auf Stand-by. Mit seinen 66 Jahren ist er eigentlich im Rentenalter. "Aber um in Rente zu gehen, reicht der Verdienst nicht", sagt er. Und seine Frau Sigrid ist wegen einer Nervenschädigung im Rücken gehbehindert und nicht erwerbsfähig. 

Sigrid Höhn mit einigen Schreiben der Anwältin

Als dann im Frühjahr Hohns Kunden - oft selbst kleine, familiengeführte Betriebe - in die Krise schlitterten, bekamen die Hohns das zu spüren. "Januar und Februar haben wir die Miete bereits verspätet gezahlt, da hatten wir größere Reparaturen am Auto und es war ohnehin schon eng. Aber ab März ging dann nichts mehr", sagt Hohn. "Rücklagen konnte ich mir in dem Beruf nie bilden."

Mieterin: "Ich geistere nachts nur noch durch die Wohnung"

5.800,50 Euro – auf diese Höhe summieren sich die Mietschulden des Paares Anfang September laut dem Kündigungsschreiben, das dem hr vorliegt. Dazu kamen noch einmal rund 1.000 Euro an säumigen Betriebskostennachzahlungen.  

Was das für ein Gefühl war? Seither habe sie keine Nacht mehr schlafen können, sagt Sigrid Hohn. "Ich geistere nachts nur noch durch die Wohnung." Mit ihrer Gehbehinderung sei es schwer, eine günstige Wohnung zu finden, die für sie zugänglich ist. "Mehr als der erste Stock geht ohne Aufzug nicht. Und wie wir einen Umzug zahlen sollen, das wissen wir auch nicht."

Räumungsmoratorium ausgelaufen

Dass Menschen wegen Corona ihre Wohnung verlieren – das wollte die Politik eigentlich vermeiden. Im Frühjahr erließ die Bundesregierung ein Räumungsmoratorium für säumige Mieter. Die in der Zeit wegen Corona nicht bezahlten Mietschulden wurden gestundet, Mieter bekamen bis 2022 Zeit nachzuzahlen. Nur: Das Moratorium lief Ende Juni aus.

Doch für die Hohns und viele andere Mieter hatten sich im Sommer die Sorgen wegen Corona nicht erledigt – sondern gerade erst begonnen. Diese Beobachtung macht der Mieterbund Hessen. "Wir verzeichnen seit einigen Wochen deutlich gestiegene Zahlen der Anfragen", sagt Verbandsdirektorin des Mieterbunds Hessen, Eva-Maria Winkelmann, dem hr. Genau quantifizierbar sei das nicht, aber die Anfragen hätten einen Umfang erreicht, um Alarm zu schlagen. 

Scham und Unwissenheit bei vielen Mietern

Bei Mietern, die in Bedrängnis geraten, beobachtet Winkelmann oft Unwissenheit und Scham. "Viele wissen nicht, dass ihnen so schnell die Wohnung gekündigt werden kann. Dabei ist das bereits ab der zweiten säumigen Monatsmiete ordentlich und ab der dritten fristlos möglich", sagt sie. Und es gebe auch viel Verdrängung. "Das sind oft Leute, die eigentlich sichere Jobs haben, Leute, die zum Beispiel am Flughafen arbeiten und nie damit gerechnet haben, dass sie mal finanzielle Probleme bekommen."

Sie betont jedoch, dass es wichtig sei, sich sofort ans zuständige Arbeitsamt oder Jobcenter zu wenden, sobald eine Kurzarbeitsmeldung oder gar eine Kündigung vorliegen. Nur so könnten notwendige Anträge ohne Wartezeit bearbeitet und gegebenenfalls Wohngeld ausgezahlt werden. Auch das Gespräch mit dem Vermieter sei wichtig. "Egal, wie unangenehm einem das ist."

Jobcenter will Hohns helfen

Auch die Hohns wollten die Situation erstmal nicht wahr haben. "Es war einfach kein Geld da, um die Miete zu bezahlen”, sagt Erwin Hohn. Er habe gehofft, dass sich seine Umsätze wieder normalisieren, damit er wieder bezahlen kann. Es sei zudem kein Mahnschreiben gekommen, sondern direkt die Kündigung. "Erst in dem Moment als sie da war, wurde uns bewusst, dass man so schnell die Wohnung verlieren kann", sagt der 66-Jährige.

Als das Ehepaar sich nach der Kündigung erstmals an das Amt wandte, gab es eine Überraschung. Sigrid Hohn hat wegen ihrer Behinderung seit Jahren Anspruch auf Sozialhilfe, die sie nie abgerufen hat. Damit hätte das Paar schon lange ihr Einkommen stabilisieren können. "Uns war das einfach nicht klar, dass das möglich war. Für uns war es nie in Frage gekommen, sich ans Amt zu wenden, wir wollten das immer allein stemmen", sagt Sigrid Hohn. Nun hat das Jobcenter sogar angeboten, die ausstehenden Mietzahlungen in Form eines Darlehens vorzustrecken.

Mieterbund fordert Fonds

Damit Mietern unter die Arme gegriffen werden kann, fordert der Mieterbund Hessen Unterstützung von der Politik. "Wir brauchen einen Fonds für Mieter in Not, der für Betroffenen die nachweislich wegen Corona Zahlungsprobleme haben, aushilft", so Winkelmann. Wenn man den Job verliere und gleichzeitig noch damit zu kämpfen habe, seine Wohnung zu behalten, sei das zu viel. "Da hat man dann kaum eine Chance sich zu stabilisieren und wieder einen Job zu finden." Sollte dies nicht gehen, sollte zumindest die Stundung der Mietschulden wieder eingeführt werden.

Ministerium: Maßnahmen "derzeit nicht erforderlich"

Solche Pläne gibt es auf Bundesebene derzeit nicht. Auch das hessische Wirtschaftsministerium erklärt dem hr auf Anfrage, dass Maßnahmen wie ein Miet-Moratorium oder ein Mieterfonds "derzeit nicht erforderlich und daher nicht geplant" seien. Es habe sich gezeigt, dass sich Mieter und Vermieter in sehr vielen Fällen auf privater Basis einigen konnten, zudem stünden Sozialleistungen wie das Wohngeld zur Verfügung.

Der hessischen Linken-Politiker Jan Schalauske kritisiert das: "Die Situation verschärft sich gerade enorm. Wenn jetzt gehandelt wird, kann man Schlimmeres für Mieterinnen und Mieter verhindern", sagte er dem hr. Es sei ein schwerer Fehler gewesen, das Moratorium auslaufen zu lassen. Nur auf die Sozialleistungen zu verweisen, sei zu kurz gedacht. Ein Mietschuldenfonds sei dringend nötig. 

Hohns haben wieder Hoffnung

Die Hohns haben nach der Kündigung den Mieterschutzverein eingeschaltet. Über diesen haben sie Kontakt zu einer Anwältin, die wiederum mit der Anwältin der Vermieterin im Gespräch ist. Mittlerweile sieht es zumindest nicht mehr so aus, als müssten sie bis Ende November aus der Wohnung. "Weil wir hier seit mehr als 30 Jahren leben, haben wir wohl mehr Zeit uns etwas Neues zu suchen. Ein Jahr beträgt die Frist laut der Anwältin", sagt Sigrid Hohn.

Zudem hoffen die beiden immer noch auf ein Einlenken der Vermieterin: "Wir bekommen ja jetzt die Unterstützung vom Jobcenter, sind dadurch viel stabiler finanziell und könnten auch alles auf einmal zurückzahlen. Das wäre eine solche Erleichterung."

Sendung: hr-fernsehen, 06.11.2020, 19.30 Uhr