Verfallene Häuser in einer Siedlung am Hanauer Hauptbahnhof
Verfallene Häuser in der Siedlung am Hanauer Hauptbahnhof, die Dolphin Capital 2014 kaufte. Bild © hr

Vor fünf Jahren kaufte der Investor Dolphin Capital eine denkmalgeschützte Siedlung in Hanau. Entgegen der Absprache hat er sie nicht saniert. Die Häuser verfallen. Anleger warten auf die Rückzahlung ihres Gelds.

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zum hr-fernsehen.de Video Verärgerte Kommunen, wütende Kleinanleger und enttäuschte Mieter – Investigativrecherche

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Claudia und Michael Zirkel leben in einer denkmalgeschützten Siedlung in Hanau, ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs. Eigentlich leben sie gerne hier. Doch seit 2009 gingen die 13 Häuser mit insgesamt rund 170 Wohnungen aus den 1930er Jahren durch die Hände von mehreren Investoren. Seitdem verfällt die Siedlung immer mehr. Fenster sind eingeschlagen, Mieter weggezogen, immer häufiger wird eingebrochen. Claudia Zirkel macht das "extrem traurig und manchmal sehr wütend", wie sie sagt.

2014 erwarb der Investor Dolphin Capital, der inzwischen German Property Group heißt, die Siedlung für 6,1 Millionen Euro. Er vereinbarte mit der Stadt Hanau, die Siedlung zu sanieren. Doch stattdessen wollte der Investor die Siedlung drei Jahre später für 9,9 Millionen an einen neuen Eigentümer weiterverkaufen.

Stadt Hanau will Siedlung zurückkaufen

Peter Mattil befasst sich als Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht mit solchen Geschäften. Er hält das Geschäftsmodell von Dolphin für unprofessionell: "Normalerweise würde man ein denkmalgeschütztes Objekt kaufen und das dann schnell sanieren. Jeder Tag ist ja auch Geld, damit man damit selbst Geld verdienen kann."

Claudia und Michael Zirkel, Bewohner der verkommenden Siedlung am Hanauer Hauptbahnhof
Claudia und Michael Zirkel, Bewohner der verkommenden Siedlung am Hanauer Hauptbahnhof. Bild © hr

Das machte auch die Stadt Hanau stutzig, sie ging dazwischen. 2017 wollte sie die Siedlung per Vorkaufsrecht vom Investor zurückkaufen und in Eigenregie sanieren. Ein von der Stadt beauftragter Gutachterausschuss schätzte den Verkaufswert der Siedlung für viel geringer ein: auf vier Millionen Euro. Doch der Investor stellt sich quer.

Investor macht Rechtsstreit für ausbleibende Sanierung verantwortlich

Seit zwei Jahren streiten die Stadt und der Investor mittlerweile um die Siedlung in der Hanauer Innenstadt. Ein Verhandlungstermin vor dem Landgericht Darmstadt steht noch aus. Der Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminski (SPD) wirft dem Investor vor, Spekulationsgeschäfte mit der Siedlung zu betreiben: "Was Dolphin hier macht, ist pure Spekulation. Das hat mit dem Grundsatz im Grundgesetz, wonach Eigentum verpflichtet, nicht das Geringste zu tun."

Der Investor hält dagegen. Ein Sprecher bestreitet Spekulationsgeschäfte und argumentiert, dass aufgrund des laufenden Verfahrens keine Sanierungsarbeiten unternommen werden könnten.

Investor verspricht Anlegern traumhafte Renditen

Recherchen von BR, BBC und dem hr-Landesmagazin defacto haben ergeben, dass der Investor an mehreren anderen Orten in Deutschland sich ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt sieht.

Außerdem sammelt der Investor unter anderem über die Rentenkassen von Anlegern im Ausland Geld ein, mit dem er denkmalgeschützte sanierungsbedürftige Immobilien wie in Hanau kauft. Aus dem Erlös der verkauften Wohnungen verspricht die Projektgesellschaft den Kleinanlegern eine Rendite von bis zu 24 Prozent.

Verdreckter Eingang in einem Haus in einer Siedlung am Hanauer Hauptbahnhof
Verdreckte Eingänge, zerbrochene Fensterscheiben: In der Hanauer Siedlung im Besitz von Dolphin stehen viele Wohnungen leer. Bild © hr

Mehrere Kleinanleger müssen aber auf die Rückzahlung ihrer Darlehen warten. Eine Engländerin etwa investierte vor fünf Jahren ihre gesamte Altersvorsorge von rund 18.000 Pfund. Im vergangenen Oktober hätte sie 30.000 Pfund zurück bekommen sollen, doch auf ihr Geld wartet sie bis heute.

Experte warnt vor undurchsichtigen Investitionsmodellen

Dolphin gibt auf Nachfrage Verzögerungen bei der Rückzahlung der Darlehen zu - es seien allerdings nur knapp 20 Prozent der Investoren betroffen. Für die Anleger sei das kein Grund zur Beunruhigung, versichert ein Sprecher. Ihr Geld werde während der Wartezeit mit einem Prozent verzinst.

Der Münchener Rechtsanwalt Peter Mattil, Experte für Kapitalmarktrecht, ist bei solchen Investitionsmodellen skeptisch. Anleger könnten kaum nachvollziehen, was mit dem Geld passiert. Denn die Investitionen aus dem Ausland flössen nicht direkt zu Dolphin, sondern in eine der vielen Tochterfirmen. Den Anlegern werde in der Regel lediglich der Name der Tochterfirma mitgeteilt, aber nicht, in welches Immobilienprojekt konkret ihr Geld angelegt werde.

Hanauer OB sieht sich bestätigt

Für den Hanauer Oberbürgermeister Kaminsky passt es ins Bild von Dolphin, dass auch andere Kommunen und Anleger im Ausland Probleme mit dem Investor haben. Er ist sich sicher, "dass die Geschichte noch nicht zu Ende geschrieben ist". Kaminsky hofft, dass die Stadt den Rechtsstreit um die Siedlung in Hanau gewinnt und die Häuser in Eigenregie sanieren kann.

Sendung: hr-fernsehen, defacto, 27.05.2019, 20.15 Uhr