Shahpoor Surkhabi bei seiner Arbeit in der Werkstatt

Mit Fluchterfahrung, Behinderung und Sprachbarriere: Der 25-jährige Shahpoor Surkhabi hat seine Ausbildung zum Orthopädiemechaniker bestanden. Eine Erfolgsgeschichte.

"Das will ich besser machen." Mit einer schlechten Beinschiene begann der Traum von Shahpoor Surkhabi, Orthopädiemechaniker zu werden. Damals lebte er noch in Afghanistan und bekam eine Orthese, eine orthopädische Schiene, die ihm ermöglichte zu gehen.

Dass der Traum, es besser zu machen, sich einige Jahre später erfüllen würde - und zwar in Egelsbach (Offenbach) - hätte der 25-Jährige wohl nicht gedacht. Doch die Urkunde an der Wand des Orthopädiebetriebs Optimus beweist: Shahpoor Surkhabi hat seine Ausbildung zum Orthopädiemechaniker mit seiner Gesellenprüfung erfolgreich abgeschlossen. Traum erfüllt: Heute trägt Surkhabi Orthesen, die er selbst hergestellt hat.

Flucht aus Afghanistan als 18-Jähriger

Doch der Weg dahin war hart: 2013 floh Surkhabi im Alter von 18 Jahren aus seinem Heimatland Afghanistan, um eine bessere Zukunft in einem sicheren Land zu haben. Wie gefährlich das Leben in Afghanistan sein kann, hat er am eigenen Leib erfahren: Als er vier Jahre alt war, bombardierten die Taliban die Tankstelle seiner Familie. Damals erlitt Surkhabi schwerste Verbrennungen vor allem an den Beinen. Nach zahlreichen Operationen kann er seitdem ohne Gehhilfen nicht mehr laufen.

Unter diesen schwierigen Bedingungen machte er sich trotzdem auf den Weg nach Europa - gemeinsam mit seinem Bruder, der mittlerweile wieder zurück bei der Familie in Afghanistan ist. Neben der beschwerlichen Flucht war die erste Zeit im Flüchtlingsheim in Deutschland besonders hart, erzählt er: "Ich bin fast wahnsinnig geworden, weil ich nichts zu tun hatte. Du denkst dann viel zu viel nach: Was passiert zuhause? Wie geht es deiner Familie?"

Seine Kollegen sind seine Familie

Besser wurde es, als er bei einer Familie in Roßdorf unterkam und Anschluss fand. Über die Familie entstand auch der Kontakt zum Orthopädiebetrieb Optimus. 2016 konnte er dort ein Praktikum machen und nach einem Qualifizierungsjahr 2017 seine Ausbildung zum Orthopädiemechaniker anfangen. Heute ist er fest angestellt.

Am Anfang war vor allem die Sprache ein Problem - doch seine Motivation überzeugte Geschäftsführer Benedikt Preisler sofort: "Er wollte in der ersten Woche gleich alles lernen. Und er ist so positiv, man hört ihn nie klagen." Jeder im Betrieb habe zu dieser Erfolgsgeschichte beigetragen, sagt er stolz, alle hätten den damals 21-Jährigen gut aufgenommen.

Geschäftsführer Benedikt Preisler

"Ich verstehe mich mit jedem hier gut", bestätigt Surkhabi, "es ist wie eine Familie. Wenn ich mal Urlaub habe, vermisse ich meine Kollegen." Auch mit seiner Behinderung habe er keine Nachteile in dem Betrieb. Als selbst Betroffener kann er sich vielleicht sogar besonders gut in die Kunden hineinversetzen. Und ihnen zu helfen, macht ihn stolz: "Ich kann etwas bauen und damit kann jemand wieder laufen. Das ist sehr gut."

Auch privat gibt Shahpoor Surkhabi immer hundert Prozent: Er spielt Rollstuhlbasketball bei den Frankfurt Skywheelers - mittlerweile in der ersten Bundesliga. Schon in Afghanistan hat er mit dem Sport angefangen, für sein Heimatland spielt er sogar in der Nationalmannschaft. Wie die Arbeit gibt auch der Sport ihm einen Sinn und bestärkt ihn: "Jeder Korb gibt mir mehr Kraft."

Shahpoor Surkhabi beim Rollstuhlbasketball für die Nationalmannschaft Afghanistans

Der Sport bringe ihm auch Ablenkung, sagt der 25-Jährige. Ausgepowert schlafe er nachts besser, müsse nicht so oft an Familie und Freunde im entfernten Afghanistan denken. Die hat er seit seiner Flucht, also seit sieben Jahren, nun nicht mehr gesehen. Sie sprechen zwar über Skype, doch es sei trotzdem hart, allein in Deutschland zu sein, sagt Surkhabi. "Ich musste mich entscheiden: Meine Familie oder Sicherheit."

Sein nächster Traum: Frieden in Afghanistan

Sicherheit, die gibt es für ihn in Deutschland auch nur begrenzt: War seine Aufenthaltsgenehmigung anfangs nur immer wieder auf drei Monate beschränkt, muss er sie nun nur noch alle drei Jahre neu beantragen. Trotzdem: Die abgeschlossene Ausbildung und die Festanstellung bei Benedikt Preisler geben Surkhabi Halt. Mittlerweile spricht er fließend Deutsch, ohne je einen Sprachkurs belegt zu haben.

Seine nächsten Ziele , nachdem er Berufserfahrung gesammelt hat, sind die Meisterprüfung oder ein Studium. Er ist optimistisch: "Die Sachen, die ich geschafft habe, mit meiner Behinderung, zeigen mir, dass ich alles schaffen kann." Der größte Wunsch für die Zukunft bleibt aber weiterhin: Frieden in Afghanistan und ein Wiedersehen mit seiner Familie.

Sendung: hr-fernsehen, 3.8.2020, 18 Uhr