Volker Scheid steht in seiner Werkstatt am Ambos

Er war Schmied - 37 Jahre lang. Dann trat Volker Scheib als Parteiloser bei der Bürgermeister-Direktwahl in Biblis an und gewann gegen den Amtsinhaber. Mitten in der Corona-Krise heißt es nun Schreibtisch statt Amboss.

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hessenschau kompakt von 16:45 Uhr vom 14.04.2020
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Obwohl die kleine Werkstatt direkt neben seinem Haus in Biblis (Bergstraße) liegt, ist Volker Scheib nur noch selten hier. 37 Jahre lang hat er in dieser – seiner eigenen – Schmiede gearbeitet. Jetzt ist er Bürgermeister, der große Ofen aus, und Scheib trägt statt Arbeitskleidung Hemd und Jeans.

Gewählt wurde Scheib im Oktober 2019. Er erhielt auf Anhieb 59 Prozent der Wählerstimmen – gut doppelt so viel wie der Amtsinhaber Felix Kusicka.

Ein Bürgermeister muss Bürger bleiben

Dass er bodenständig ist und bleibt, betont der 57-Jährige immer wieder. So habe er auch schon vor der Bürgermeisterwahl gewusst, dass er großes Vertrauen der Bibliser genieße. Er selbst spricht von sich gerne als "Ur-Bibliser". Deshalb habe er sich einbringen wollen, in der Politik. Als Politiker ohne Parteibuch, betont er. "Wer sich als Bürgermeister nicht als Bürger sieht, macht einen Fehler."

"Vom Schmieden am Amboss zum Schmieden am Schreibtisch"

Erfahrung in der städtischen Verwaltung hat Volker Scheib nach eigener Auskunft noch nicht gesammelt. Das legt er sich aber eher als Vorteil aus. "Mein Denken ist wesentlich klarer, als das von einem Menschen, der von Verwaltung zu Verwaltung hüpft." Zudem sei Bürgermeister nun mal kein Beruf, den man studieren könne. Scheib ist sich deshalb sicher, dass ihn nichts in seiner Amtszeit erwartet, das er noch nicht gemacht hat.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Schmied tritt mitten in Corona-Krise Bürgermeisteramt an

Ein Hammer liegt auf einem Amboss
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Organisieren, Lenken, Verantwortung tragen kenne er von seiner Arbeit als Selbstständiger nur zu gut. "Ich kann jetzt einfach sagen: Vom Schmieden am Amboss zum Schmieden am Schreibtisch." Unterstützung bekommt er dabei von Marion Müller-Reibenspiess. Die erfahrene Sekretärin saß schon im Vorzimmer von Scheibs Amtsvorgänger Felix Kusicka.

Amtsantritt im Zeichen der Corona-Krise

Der Einstieg ins Amt am 1. April war wegen der Corona-Pandemie für Volker Scheib dann doch ganz anders, als er es sich ausgemalt hat: Er, der gerne Hände schüttelt, darf nur von Ferne winken. Er, der gerne Leute zusammenbringt, sitzt jetzt in einem nahezu leeren Rathaus. Und er, der Dinge gerne persönlich klärt, hängt stundenlang in Videokonferenzen. Bis zu 14 Stunden verbringt er zurzeit jeden Tag im Rathaus, erzählt er.

Seine große Aufgabe sieht er darin, Biblis und die Wirtschaft der Groß-Gemeinde durch die Krise zu bringen. Projekte in den Bereichen Verkehr, Jugendarbeit oder Klimaschutz, die er eigentlich angehen wollte, müssen erst einmal liegen bleiben.

Schmiede bleibt vorerst geschlossen

Und auch der Hammer bleibt liegen. Dass es nun keinen Schmied mehr in Biblis gibt, bedauert Scheib nach eigenen Angaben sehr. Er wolle sich nun darum bemühen, einen anderen jungen Mann zur Selbstständigkeit zu motivieren. Allerdings nicht in seiner Schmiede. "Das wäre das falsche Signal."

Scheib will nur noch den Hammer schwingen, um Hilfsarbeiten für Freunde und Bekannte zu machen. Oder nach der Corona-Pandemie, wenn er mit seinen Rathaus-Mitarbeitern möglicherweise die Schmiede für ein Teambuilding nutzt.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 14.04.2020, 16.45 Uhr