Jan Röhrig, schwerhöriger Feuerwehrmann aus Limburg-Lindenholzhausen

Dank seines Cochlea-Implantats und seiner Kameraden kann ein seit seiner Geburt schwerhöriger 24-Jähriger aus Limburg-Lindenholzhausen als Feuerwehrmann arbeiten. In bestimmten Situationen stößt er jedoch an seine Grenzen.

Bei Alarm ist Jan Röhrig sofort zur Stelle, und das schon sein halbes Leben lang. Seit seiner frühen Jugend ist der 24-Jährige Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr in Lindenholzhausen, einem Stadtteil von Limburg. Das Adrenalin spürt er noch vor jedem Einsatz, wie er erzählt. Er sei immer bereit, alles zu geben, stoße dabei aber auch an seine Grenzen.

Jan Röhrig ist schwerhörig. Er kam nahezu taub auf die Welt. Doch für ihn steht fest: "Meine Schwerhörigkeit hindert mich nicht daran, Menschen in Not zu helfen."

"Was hast du denn an deinen Ohren?" Diese Frage wird Jan Röhrig häufig gestellt. Manche halten es für einen sehr ausgefallenen Kopfhörer, doch tatsächlich ist es das einzige Mittel, wie Jan Röhrig der Taubheit entfliehen kann - und als Feuerwehrmann arbeiten kann.

Hörgerät und Cochlea-Implantat helfen ihm

Am linken Ohr trägt der 24-Jährige ein Hörgerät, auf der rechten Seite ein Cochlea-Implantat, das ihm im Alter von vier Jahren eingesetzt wurde. Beide Geräte sind mit einem Kabel verbunden. Mit dem Hörgerät kann Jan Röhrig vor allem Klänge wie Musik wahrnehmen, das Cochlea-Implantat ist dagegen für das Verständnis von Sprache ausgelegt. Es übernimmt die Funktion der Schnecke im Ohr, indem es elektrische Impulse an den Hörnerv weiterleitet.

Hörgerät und Cochlea-Implantat helfen ihm im Alltag, und doch gerät Jan Röhrig regelmäßig in Situationen, in denen er fast gar nichts verstehen kann - gerade bei Einsätzen als Feuerwehrmann. Deswegen auf sein Hobby zu verzichten, kommt allerdings für ihn nicht infrage, wie er sagt: "Ich möchte auch alle Dinge machen, die normal hörende Menschen auch machen." Mit seiner Schwerhörigkeit hat er sich auch bei Einsätzen arrangiert.

Vor jedem Befehl hebt ein Kamerad die Hand

Klar, dabei ist es immer sehr laut. Fahrzeugmotoren laufen, Generatoren zur Stromerzeugung wummern, das Wasser spritzt druckvoll aus den Löschschläuchen. Die Hörleistung des Schwerhörigen stößt hier rasch an ihre Grenzen. "Dummerweise liegt der Frequenzbereich dieser Zischgeräusche sehr nah an dem der Sprache. Um in diesen Situationen überhaupt etwas verstehen zu können, bin ich auf die Sprachqualität meiner Kameraden angewiesen", berichtet Jan Röhrig.

Jan Röhrig mit seinen Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr Limburg-Lindenholzhausen

Mit Sprachqualität meint er vor allem sehr lautes und deutliches Sprechen, damit er das Mundbild halbwegs ablesen kann. Vor jedem Befehl macht der jeweilige Kamerad auf sich aufmerksam, indem er die Hand hebt, denn Jan Röhrig kann ja nicht hören, aus welcher Richtung ihm jemand etwas zuruft.

Einen Posten kann er nicht besetzen

Auch seine Kameraden haben sich also mit seiner Schwerhörigkeit bei den Einsätzen arrangiert. Anders würde es nicht funktionieren. "Ich bin sehr dankbar, dass meine Kameraden selbst in solchen Stresssituationen an meine Schwerhörigkeit denken und Rücksicht nehmen", sagt Jan Röhrig. Leider wollte keiner der Kameraden mit dem hr sprechen.

An einer Stelle im Einsatzablauf kommt Jan Röhrig trotz aller technisch und kameradschaftlich ermöglichter Inklusion aber nicht weiter: Den Posten am Funkgerät kann er nicht besetzen. "Hier verstehe ich nahezu null, maximal ein Wort pro Meldung", sagt er. Dem Feuerwehrmann ist es nicht möglich, selbst zu funken. Seine Kameraden müssen das Wichtigste für ihn übersetzen.

Gemeinschafts-Blog für Betroffene

Schätzungsweise tragen in ganz Deutschland über 50.000 Menschen ein Cochlea-Implantat. Manche schämen sich dafür, dennoch nicht gleich alles zu verstehen und das Gerät so offensichtlich tragen zu müssen. Auch Jan Röhrig fiel das erst schwer, doch mittlerweile geht er offen damit um.

Und er will anderen Mut machen und das Gefühl geben, dass sie trotz Schwerhörigkeit dazugehören. Jan Röhrig leitet den Gemeinschafts-Blog "Deaf Ohr Alive", eine Art Selbsthilfegruppe für junge Menschen mit Hörschädigung im Internet. Dort können sich Betroffene austauschen und persönliche Treffen vereinbaren.

"Wir sind normal, wir hören nur schlecht"

Jan Röhrig weiß, dass Kinder und Jugendliche wegen ihrer Hörschädigung in der Schule gemobbt oder ausgeschlossen werden. Mit dem Gemeinschafts-Blog wolle er Nichtbetroffene für das Thema sensibilisieren, sagt er: "Wir sind normale Menschen, wir hören einfach nur schlecht." Was man damit trotzdem alles schaffen kann, zeigt Jan Röhrig bei seinen Einsätzen als Feuerwehrmann.

Sendung: hr-fernsehen, maintower, 13.03.2020, 18 Uhr