Menschen stehen in Grüppchen vor einer Bäckerei.

Nach der Schließung einer Bäckerei in Erbach durch das Gesundheitsamt wird der Inhaber als Held der Querdenker-Szene gefeiert. Die Kritik der Coronaleugner richtet sich vor allem gegen den Bürgermeister. Der hält dagegen.

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Ärger um Erbacher Café "Zeitlos"

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Eingebettet in die sanfte Hügellandschaft des Odenwalds liegt die kleine Stadt Erbach. Die fachwerkgeprägte Altstadt lädt zum Verweilen ein, das heimische Bier ebenso. Doch seit ein paar Tagen ist es vorbei mit der Mittelgebirgs-Idylle, denn die 13.500-Einwohner-Gemeinde schickt sich an, zum Wallfahrtsort für die Querdenker-Szene zu werden. Der Bürgermeister sieht sich massiver Kritik ausgesetzt.

Im Zentrum steht der Bäckerei- und Café-Betrieb von Alexander K. Seit das Gesundheitsamt das Café "Zeitlos" in der Erbacher Innenstadt vergangenen Donnerstag wegen mehrfacher Verstöße gegen die Maskenpflicht dicht gemacht hatte, versammeln sich davor immer wieder Menschen, um dagegen zu demonstrieren. Am Abend nach der Schließung waren es zweitweise über 100 Demonstrierende gleichzeitig.

Bürgermeister bezeichnet Inhaber als "Reichsbürger"

K. sei bekannt in der Stadt, seine Bäckerei gut besucht, sagt Bürgermeister Peter Traub (unabhängig). Bis zum Ausbruch von Corona sei er auch nie auffällig gewesen, ein ganz normaler Typ eben. Doch seit Beginn der Pandemie habe sich K. radikalisiert, er ignorierte über Monate immer wieder Corona-Maßnahmen. Gegenüber dem hr bezeichnete Traub K. noch direkt nach der Schließung als "zur Reichsbürgerszene gehörend".

Dazu passt, dass K. trotz Verfügung des Gesundheitsamts seinen Laden am Freitagmorgen kurzerhand wieder öffnete und Backwaren verkaufte. Daraufhin eskalierte die Situation: Das Gesundheitsamt rückte mit Unterstützung vieler Kräfte von Polizei und Ordnungsamt an, um die Verfügung durchzusetzen. Der Laden wurde versiegelt, und eine Zeit lang bewachten Beamte den Eingang der Bäckerei, um sicherzustellen, dass auch wirklich niemand die Räume betritt.

Prominente Querdenker feiern Bäcker

Sein Handeln hat K. bei den Querdenkern eine gewisse Prominenz beschert. Andere "Granden" der Coronaleugner-Szene, wie etwa Verschwörungs-Koch Attila Hildmann oder Coronaleugner-Arzt Bodo Schiffmann zeigten sich solidarisch. Aber auch in Erbach bekommt er Zuspruch. Ein Demonstrant etwa findet es "mutig", dass K. "gegen das System" aufbegehre. Auch Begriffe wie "menschenverachtend" und "Schweinerei" sind von den Protestierenden zu hören.

Die Querdenker in Erbach haben sich unterdessen auf Bürgermeister Traub eingeschossen. Nachdem Traub K. als Reichsbürger bezeichnet hatte, tauchte im Internet ein offener Brief an den Bürgermeister auf, verbunden mit einer Petition.

Petition lässt Bürgermeister kalt

Der Autor, der sich als einer nicht näher bekannten Gruppe namens "Wir in Erbach" zugehörig bezeichnet, schreibt darin von einem "Putsch" der gerade "von oben stattfindet", vom "Verschweigen wichtiger Fakten", "Unterdrückung unerwünschter Meinungen", "grundgesetzwidrigen Anordnungen" und einer "faktischen Impfpflicht". Argumente, wie sie radikale Corona-Leugner gebrauchen.

Traub fordert er auf, die "diktatorischen Zeichen" endlich zu erkennen, die Bäckerei wieder zu öffnen und sich bei K. zu entschuldigen. Knapp 100 Menschen haben die Petition bereits unterzeichnet. Ungeachtet der Tatsache, dass der Odenwaldkreis mit einem Wert von über 500 derzeit die höchste Sieben-Tage-Inzidenz in ganz Hessen aufweist.

Adressat Traub denkt nicht daran, sich zu entschuldigen. Im Gespräch mit dem hr untermauert er vielmehr seine Aussage: "Die Hinweise sind eindeutig, dass Herr K. der Reichsbürgerszene angehört", sagt der Bürgermeister.

Es gibt auch Dokumente, die die Aussage von Traub stützen. K. spricht in Korrespondenzen mit der Stadt mehrfach vom Land Hessen als "Firma" und lässt auch sonst durchblicken, dass er staatliche Instanzen nicht anerkennt. Und somit der Ideologie folgend auch keine Verfügung des Gesundheitsamts.

"Wallfahrtsort" für Querdenker

Wie es in Erbach weitergeht, ist noch völlig unklar. Vorerst bleibt die Bäckerei versiegelt. Bürgermeister Traub will zunächst das Gespräch mit K. suchen und hofft auf eine schnelle Lösung, wie er sagt. So richtig glaubt er aber auch nicht daran.

Dass die Querdenker – unabhängig vom Ausgang der Causa "Zeitlos" – in seiner Stadt so deutlich und nachdrücklich in Erscheinung getreten sind und quasi einen "Wallfahrtsort" geschaffen hätten, stimmt Traub nachdenklich. Aber es dürfe nun einmal jeder Mensch denken, wie er will, sagt er. "Wenn er daraus aber ableitet, sich nicht an Gesetz und Verordnungen halten zu müssen, dann müssen wir zum Aufrechterhalten der öffentlichen Ordnung einschreiten."

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