Svenja Beck mit ihrem Hund

Sie wurde geschlagen, gedemütigt, er brachte sie fast um: Nach Jahren des Missbrauchs konnte sich Svenja Beck endlich von ihrem Partner lösen. Jetzt will sie reden, um anderen Frauen zu zeigen: Es gibt einen Ausweg.

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Als Svenja Beck 2011 das erste Mal von ihrem damaligen Partner geschlagen wurde, waren sie gerade drei Monate zusammen. In einem Parkhaus gab er ihre eine Ohrfeige, weil sie Schuhe gekauft hatte, die ihm nicht gefielen. "Ich habe mich in diesem Moment überrannt gefühlt, ich habe nicht gewusst, was passiert da, und wieso passiert das mit mir", sagt sie heute. Neben ihnen im Auto saßen Svenja Becks Kinder, die sie in die Beziehung mitgebracht hatte - damals vier und sieben Jahre alt.

Fünf Jahre blieb Beck mit ihrem Peiniger zusammen, die Gewalt nahm mit der Zeit zu: Er schlug ihr ins Gesicht, bis sie Platzwunden hatte, trat nach ihr, würgte sie. Dann entschuldigte er sich, sagte, dass es nicht wieder vorkommen würde - und machte kurz danach weiter. Ständig hatte er etwas auszusetzen: Die Kinder störten ihn, das Essen passte nicht. Schon bei Kleinigkeiten konnte er explodieren - und schuld war immer Svenja Beck.

"Ich war ein Nichts, zerstört"

Heute sagt die Südhessin, dass sie so schwach gewesen sei, dass sie ihm glaubte: "Es gab einen Satz, den ich nicht vergesse: 'Wenn du dir das Leben nehmen würdest, würde es uns allen, besonders deinen Kindern, besser gehen. Dann hätten sie keine psychisch gestörte Mutter mehr.' Wenn Sie das über Jahre hören, dann glauben Sie irgendwann, dass das stimmt."

Beck geriet in einen Strudel der Gewalt: "Ich war kraftlos, ich war depressiv, ich war ein Nichts, zerstört." Die heute 34-Jährige brachte ihre Kinder morgens in die Kita und hatte eine Platzwunde im Gesicht - von der Nacht davor. Sie erzählte anderen, sie sei auf die Tischkante gestürzt oder ein Schrank sei ihr ins Gesicht gefallen.

Ihr ältester Sohn sagte zu seiner Mutter: "Trenn dich von dem bösen Mann." Auch andere, erzählt Beck, hätten sie gefragt, weshalb sie den Mann nicht einfach verlasse. Ihre Antwort: "Ich konnte mich nicht trennen, weil ich von ihm abhängig war, weil ich ihn sehr geliebt habe und weil ich auch Angst hatte vor ihm und dem, was danach kommen könnte." Er lullte sie immer wieder ein, dann bedrohte er sie: "Wenn du mich verlässt, bringe ich dich und deine Kinder um." Und sie war sich sicher, er wäre dazu fähig.

Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung

Sie bekamen 2016 gemeinsamen Nachwuchs, als Beck sich eigentlich schon längst hatte trennen wollen. Als das Kind auf der Welt war, wurde die Gewalt nur noch schlimmer. Er rastete wieder aus, würgte sie. In den Gerichtsakten wird seine Aussage zitiert: "Ich packte ihr an den Hals und sagte: 'Ich bring dich jetzt um'." Beck sah Sterne, sie dachte, sie würde sterben.

Diesmal zeigte sie ihn an. Dann kam der Gerichtstermin im Oktober 2016. Bei ihrer Aussage schämte sich Beck - für ihre Situation, die plötzlich alle mitbekamen. Er wurde wegen gefährlicher Körperverletzung zu einem Jahr und einem Monat verurteilt, die Strafe wurde auf Bewährung ausgesetzt, er durfte Beck nicht mehr kontaktieren, musste zum Aggressionstraining.

Fragt man Svenja Beck heute, wann der Punkt gekommen war, an dem sie sich endgültig löste, erzählt sie, wie er sie mitten in einem Geschäft in ein Regal schmiss, während sie ihren kleinen Sohn auf dem Arm hatte: "Da wusste, ich muss hier irgendwie rauskommen." Wenig später konnte sie ihrem Peiniger in die Augen sehen und sagen: "Es ist endgültig vorbei." Sie stritt dafür, dass er seinen kleinen Sohn nicht mehr sehen darf. Der Junge ist jetzt vier.

"Ich möchte zeigen, dass man da raus kommt"

Beck holte sich Hilfe vom Opferhilfsverein Weißer Ring. Dort beriet man sie in rechtlichen und finanziellen Fragen und beriet sie über ihre Möglichkeiten, sich vor Stalking zu schützen. Zu diesem Zeitpunkt strich ihr Ex-Freund noch um ihr Haus, warf Steinchen ans Fenster, wollte sie zurück.

Ihr ältester Sohn ist heute 14. Er sei immer wachsam, sagt Beck, obwohl der Albtraum seit drei Jahren vorüber ist. Mit Hilfe von Therapien hat die Familie einen Weg gefunden in ein neues Leben. Mittlerweile fühlt sich Beck wieder sicher. Aber die Gewalt hat Narben hinterlassen.

Svenja Beck hat sich entschieden, über ihr Martyrium öffentlich zu sprechen, weil sie selbst an den schlimmsten Tagen irgendeine Hoffnung gebraucht habe: "Ich möchte mit meiner Geschichte anderen Frauen eine Hilfe sein und zeigen: Wenn ihr euch trennt, wird es danach nochmal schwer werden. Es wird eine Zeit sein, in der es euch nicht gut geht, aber ich möchte zeigen, dass man da raus kommt."

Weitere Informationen

Hilfe und Beratung für Betroffene

Wenn Sie als Frau von häuslicher Gewalt betroffen sind, können Sie rund um die Uhr kostenfrei das Hilfetelefon anrufen unter der Nummer 08000-116016 oder hier Beratung und Hilfe finden. Der Weiße Ring hilft Opfern von Gewalt. Auch Männer, die ein Aggressions- und Gewaltproblem haben, können (frühzeitig) Hilfe und Beratung bekommen. In der "Wegweiser"-Broschüre der Landeskoordinierungsstelle gegen häusliche Gewalt werden Anlaufstellen in Hessen aufgelistet.

Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 07.03.2020, 19.30 Uhr