Pflegerin schiebt Heimbewohner im Rollstuhl
Pflegeheim (Archivbild) Bild © Imago Images

Seit rund einem Jahr bietet die AWO Hessen-Süd einen einmaligen Service für pflegende Angehörige an: eine Notaufnahme, die bei Unfällen einspringt. Jetzt ziehen die Organisatoren Halbzeitbilanz.

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Dieter Kiesewetter hatte die Hoffnung schon aufgegeben. Es war Freitagnachmittag und er hatte gerade zwei Stunden am Telefon verbracht. Er suchte kurzfristig ein Pflegeheim für die demente Lebensgefährtin seines Schwiegervaters. Der 83-Jährige, der sich sonst um die ältere Dame kümmert, war nach einem Schwächeanfall ins Krankenhaus gekommen.

Die Verzweiflung wuchs: "Allein lassen kann man sie nicht", erzählt der 58-Jährige. "Meine Frau oder ich hätte bei ihr übernachten müssen." Dann stießen sie im Internet auf die Pflegenotaufnahme der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Hessen-Süd und riefen bei der angegebenen Hotline an.

"Von da an ging es sehr schnell", sagt Kiesewetter. "Eine Dame nahm die Daten der Lebensgefährtin auf und konnte abends schon bestätigen, dass wir einen Platz haben."

24 Stunden, sieben Tage

Der Fall von Dieter Kiesewetter ist einer, wie Bettina Hendler ihn im vergangenen Jahr oft erlebt hat. Zusammen mit ihrer Kollegin Bettina Schmidt koordiniert die 40-Jährige seit dem 1. Oktober 2017 die Pflegenotaufnahme der AWO.

Die Pflegenotaufnahme ist dabei keine Notaufnahme wie im Krankenhaus. Hendler und Schmidt vermitteln über eine Notfall-Telefonhotline Plätze in Pflegeheimen - und das 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Die Plätze sind ohnehin schon rar gesät, und das bei steigendem Bedarf (siehe Infobox am Ende).

Fällt wie bei Dieter Kiesewetter der Pflegende kurzfristig aus, telefonieren sie ihre Liste mit 21 AWO-Einrichtungen ab. Ist dort nichts frei, probieren sie es bei Kooperationspartnern anderer Träger. Auch den Transport arrangieren sie oder unterstützen die Angehörigen bei dessen Organisation.

Projekt bislang einmalig in Hessen

Das Projekt ist nach Angaben der AWO bislang einmalig in Hessen, auf zwei Jahre angelegt und komplett aus Eigenmitteln finanziert. Seit dem Start hätten Hendler und Schmidt rund 100 Pflegebedürftige vermittelt, sagt Daniel Bauer, stellvertretender Fachbereichsleiter Senioren bei der AWO in Frankfurt: "Inzwischen haben wir zwei bis drei Anrufe pro Tag."

Vorher habe nachts oft die Polizei vor der Tür einer Pflegeeinrichtung gestanden - meist habe ein pflegender Angehöriger einen Unfall gehabt. Und der Notdienst darf den Pflegebedürftigen im Normalfall nicht auch mitnehmen.

"Natürlich haben wir die Menschen dann aufgenommen", sagt Bauer. "Manchmal war die Einrichtung dann aber nicht auf die jeweiligen Bedürfnisse ausgerichtet. Es kam auch vor, dass wir ein Bett auf den Flur schieben mussten."

Fragen telefonisch klären

An der Telefonhotline können die Mitarbeiterinnen nun klären, was genau der Pflegebedürftige braucht: Kommt er direkt aus dem Krankenhaus, ist er dement, fährt er Rollstuhl, hat er Diabetes, hat er psychische Probleme, muss er in eine geschlossene Einrichtung?

Pflegenotaufnahme
Erleichtert über die schnelle Hilfe: Dieter Kiesewetter. Bild © hr

Auch die Frage, ob zuvor noch ein Arzt eingeschaltet werden muss, wird besprochen. "Und wir beraten die Angehörigen dann bei dem ganzen Wust an Formalitäten, der auf sie zukommt", sagt Daniel Bauer.

Oft sind Bettina Hendler und ihre 53-jährige Kollegin Kollegin Bettina Schmidt auch erst einmal Telefonseelsorgerinnen. "Es kommt vor, dass Angehörige - meist sind es Frauen, die pflegen - sich erst einmal eine halbe Stunde ausweinen müssen", erzählt Schmidt.

"Manche können nicht mehr"

Pflegende Angehörige fielen nicht nur wegen Unfällen aus: "Manche können irgendwann einfach nicht mehr." Andere suchen panisch nach einem Platz, wenn ein Pflegebedürftiger aus dem Krankenhaus entlassen wird. Die meisten Angehörigen würden denn auch dauerhaft in Pflegeeinrichtungen vermittelt.

Auch für sie sei die Arbeit manchmal schwierig, sagt Schmidt: "Aber es ist auch sehr befriedigend." Daniel Bauer ist zuversichtlich, dass das Projekt nach zwei Jahren Probephase nach 2019 weitergeht. Auch der AWO Nordhessen prüfe die Einrichtung einer Hotline.

Reaktion auf Veränderungen

Für Bauer ist die Notaufnahme auch ein Schritt, um auf gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren: "Es gibt immer mehr Menschen ohne Kinder", sagt er. "Außerdem haben wir es immer öfter mit neurologischen Erkrankungen zu tun, es gibt mehr Suchtkranke, mehr Übergewichtige, immer wieder müssen wir uns auch um Menschen kümmern, die unter 65 sind."

Dieter Kiesewetter jedenfalls hat das Angebot aus der Not gerettet: "Wir hätten montags weiter suchen müssen", sagt er - und einer von beiden hätte nicht arbeiten gehen können. Die Lebensgefährtin sei gleich abends eingeliefert und sehr herzlich aufgenommen worden, berichtet er: "Da saß sogar ein Teddybär auf dem Bett." Wie lange die 80-jährige Dame dort nun bleiben muss, sei aber offen - noch liege der Schwiegervater im Krankenhaus.

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Immer mehr Pflegebedürftige in Hessen

Nach Angaben des Statistischen Landesamts erhielten zum Jahresende 2017 in Hessen 262.000 Menschen Leistungen der sozialen Pflegeversicherung. Damit gab es insgesamt 38.200 oder 17,1 Prozent mehr Pflegebedürftige als noch vor zwei Jahren. Der deutliche Anstieg dürfte unter anderem auf das Pflegestärkungsgesetz II zurückgehen, nach dem zum Beispiel demenzkranken Älteren die gleichen Leistungen zugesichert werden wie körperlich Pflegebedürftigen.

Rund 206.000 der Pflegebedürftigen lebten den Angaben zufolge in Privathaushalten. Mehr als zwei Drittel (70,6 Prozent) davon wurden ausschließlich durch selbst organisierte Pflegehilfen und ein Drittel (29,4 Prozent) durch ambulante Pflegedienste betreut.

Die Zahl der Pflegebedürftigen in Hessen dürfte in den kommenden Jahren weiter rapide ansteigen. Das geht aus einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hervor, die im September vorgestellt wurde. Demnach sind bis zum Jahr 2035 landesweit mehr als 320.000 Menschen auf Pflege angewiesen, das wären 5,1 Prozent der hessischen Bevölkerung.

Damit prognostiziert das Institut für Hessen den zweithöchsten Anstieg aller Bundesländer. Nur in Bayern steigt die Zahl an Pflegebedürftigen der Prognose zufolge noch stärker (39,5 Prozent). Für ganz Deutschland sagen die Forscher eine Zunahme von 32,7 Prozent voraus.

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