Mobiler Öltank, Anwohner Horst Rößler und Uwe Pack
Die Anwohner Horst Rößler (li.) und Uwe Pack (re.) fürchten, dass ihnen der Heizöltank wesentlich länger erhalten bleibt, als ihnen lieb ist. Bild © hr

Teures Heizöl statt günstiger und umweltfreundlicher Wärme aus dem Blockheizkraftwerk: In einer Wohnsiedlung in Rüsselsheim wird der Traum von einer ökologischen Energieversorgung für die Anwohner zu einem Desaster. Die Stadt als Verantwortliche wirkt hilf- und planlos.

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Niedrigenergiehäuser, begrünte Dächer, Heizen per Fernwärme - das ökologische Konzept hatte Horst Rößler einst überzeugt. Es war einer der Gründe, weshalb er sich vor zehn Jahren zu dem Umzug in das Rüsselsheimer Wohngebiet Max-Beckmann-Weg entschied.

Ein Blockheizkraftwerk sollte die Siedlung mit günstiger Energie versorgen und zusätzlich Strom produzieren. Die Anwohner sind durch einen Anschluss- und Benutzungszwang der Stadt dazu verpflichtet, die Wärme aus der Heizzentrale zu beziehen. Sie speist sich unter anderem aus der Fernwärme des Blockheizkraftwerks.

Aus Sicht der Anwohner eine sinnvolle Energieversorgung - wenn denn alles wie erwartet funktioniert. Tut es aber nicht, wie das Darmstädter Echo und die FNP zuerst berichteten.

Im Dezember vier Tage ohne Heizung

Längst ist der 49 Jahre alte Familienvater Rößler "stinksauer", wie er sagt. Schon seit Jahren sorge das für Heizung und Warmwasser verantwortliche Blockheizkraftwerk zunehmend für Probleme. Anfang Dezember gaben die mit Fernwärme betriebenen Heizkessel schließlich den Geist auf.

Rund vier Tage lang mussten die rund 100 Haushalte der Siedlung ohne warmes Wasser und Heizung auskommen. "Als wir am 6. Dezember wieder heizen konnten, war das wie Nikolaus", sagt Rößler.

Drei defekte Kessel in 18 Jahren

Warm wird es jetzt nur, weil eine mit Heizöl betriebene mobile Anlage als Ersatz für das defekte Blockheizkraftwerk herhält. Zum einem findet Rößler das ökologisch nicht vertretbar: "Ich zahle für Fernwärme gerne ein paar Cent mehr als für herkömmliche Wärmequellen - aber dann muss auch wirklich der ökologische Inhalt drin sein."

Rößler befasst sich nicht nur als Betroffener intensiv mit dem Thema. Er arbeitet als Energiebeauftragter für die Stadt Wiesbaden, vorher für seine Heimatstadt Rüsselsheim. Auch der technische Zustand der Anlage ärgert ihn: "Innerhalb von 18 Jahren sind drei Kessel kaputtgegangen, das ist doch nicht normal!"

Bunte Häuser in der Max-Beckmann-Weg Siedlung in Rüsselsheim-Haßloch
Die Stimmung in der Siedlung Max-Beckmann-Weg ist getrübt. Bild © hr

Strom produziert das Blockheizkraftwerk laut Rößler auch nicht. Denn die Anlage sei grundsätzlich falsch konstruiert. Sie falle häufig aus, sei für den nötigen Bedarf überdimensioniert, habe zu hohe Wärmeverluste, und auch die Wärmemengenzähler funktionierten nicht. Mittlerweile habe er sich das durch einen Gutachter bestätigen lassen.

Den braucht er auch, denn mittlerweile hat der Betreiber des Blockheizkraftwerks, die Ried Wärme- & Haustechnik GmbH aus Groß-Gerau, Rößler verklagt. Denn er zahlt aus Protest gegen die grundsätzlichen Mängel monatlich nur noch 50 Euro statt 120 Euro Vorauszahlung für die Wärmekosten.

Wärmepumpe als Alternative verboten

Auch Siedlungsbewohner Uwe Pack ist unzufrieden. Der 53-jährige Familienvater hat ebenfalls seine Abschlagszahlung reduziert, weil er von der Leistung des Blockheizkraftwerks zunehmend enttäuscht ist: "Es war unsere Absicht, weniger Energie zu verbrauchen und günstiger, aber das tun wir im Moment nicht."

Pack sieht nicht nur den Betreiber Ried Wärme- & Haustechnik GmbH in der Pflicht, sondern auch die Stadt Rüsselsheim als deren Auftraggeber. Diese sehe sich offenbar nicht in der Verantwortung einzugreifen. Auf die mehrfach vorgetragenen Beschwerden der Anwohner habe die Stadt über Jahre nicht reagiert.

Wegen des Benutzungszwangs dürfe er als Alternative auch keine Wärmepumpe, also eine strombetriebene Heizung, in seinem Haushalt aufstellen. Entsprechende Anfragen habe die Stadt abgelehnt. Er hätte aber gerne eine Alternative. "Wir wissen gar nicht, wie lange die Übergangslösung mit dem Heizöl bleiben soll", sagt Pack.

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Fernwärme in den Kommunen

Deutschland ist beim Thema Klimaschutz abgerutscht: einst Vorreiter, ist es mittlerweile nur noch Mittelmaß. Das wird aus dem Klimaschutzindex, der jetzt vor Kurzem veröffentlicht wurde, deutlich. Dass der Klimaschutz vor allem auch in den Gemeinden funktionieren sollte, ist politisch gewollt. Das Bundesverwaltungsgericht hat es 2016 für die Kommunen erleichtert, Anschlüsse der Energieversorgung über Fernwärme laufen zu lassen, um das Klima zu schützen.

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Betreiber: Reparatur kurzfristig nicht möglich

Nach Angaben der Ried Wärme- & Haustechnik GmbH kann es damit noch dauern. Es sei festgestellt worden, "dass eine Reparatur kurzfristig nicht möglich ist", teilte das Unternehmen auf hr-Anfrage mit. Eine Modernisierung der Anlage solle noch in dieser Woche in Auftrag gegeben werden. So solle auch ein niedrigerer Wärmepreis ermöglicht werden.

Vorwürfe in Bezug auf grundsätzliche Mängel wies das Unternehmen zurück: Die Anlagen würden regelmäßig gewartet und laufend instand gehalten. "Grundlage für die Wärmelieferung ist die Fernwärmesatzung der Stadt Rüsselsheim, deren Einhaltung bislang alle fachlich versierten Beteiligten bestätigen", heißt es in der Stellungnahme.

Stadt will Runden Tisch mit Anwohnern

Dass es mit dem Blockheizkraftwerk der Siedlung ein grundsätzliches Problem gibt, hat man inzwischen auch bei der Stadt Rüsselsheim erkannt. Rund 20 Prozent der Siedlungseinwohner sollen sich bereits diesbezüglich beschwert haben. Zu Details wollte sich die Stadt nicht äußern, aber man sei "unglücklich über die anhaltend unbefriedigende Situation", heißt es in einer Mitteilung. Das Rathaus bereite aktuell die "technisch und rechtlich komplizierte Situation auf, um daraus abzuleiten, wie die Stadt den Bewohnerinnen und Bewohnern helfen kann".

Umweltdezernentin Marianne Flörsheimer (Linke/Liste Solidarität) habe bereits das Gespräch mit Betroffenen gesucht. Flörsheimer sagte dem hr, man wolle sich des Problems bei einem Runden Tisch mit den Einwohnern annehmen. Ein Termin dafür stehe jedoch noch nicht fest. Die Ried GmbH nehme jedoch nicht daran teil - dafür seien die Fronten zu verhärtet.

Rathaus der Stadt Rüsselsheim
Im Rathaus spricht man von einer "komplizierten Situation". Bild © picture-alliance/dpa

Besorgt in die Weihnachtszeit

Einwohner Rößler überzeugt das alles nicht. Ihm graut vor dem Winter. Im Monat würden bis zu 30.000 Liter Heizöl für alle Häuser benötigt, dafür müsse der nur 1.500 Liter fassende Heizöltank fast alle zwei Tage neu befüllt werden.

"Ein Desaster", findet Rößler: "Die Frage ist: Was passiert an den Feiertagen oder Tagen, an denen der Tanklaster aus Rüdesheim wegen Schnee oder Glätte nicht fahren kann? Sind wir dann wieder ohne Heizung?" Er habe eine entsprechende Anfrage an die Ried Wärme- & Haustechnik GmbH gestellt - doch diese sei unbeantwortet geblieben.