Lucy Deistler

Lucy Deistler wurde als Junge erzogen, identifiziert sich aber als Frau. Dafür wurde sie immer wieder gemobbt und angepöbelt. Ihre Heimatstadt Butzbach hat sie deshalb verlassen.

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hessenschau vom 23.11.2020
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Lucy Deistler trägt schwarze Doc-Martens-Stiefel, einen langen karierten Wintermantel und Tunnel-Piercings in den Ohren. Ihre rotblonden Haare sind ganz kurz rasiert. In Frankfurt ist das nichts, womit man auffällt - und das ist der Grund, warum sie mittlerweile hier lebt.

Lucy ist transgeschlechtlich. Das heißt, sie wurde als Junge erzogen, nimmt sich aber selbst als Mädchen wahr. Und das fing schon als kleines Kind an, in der Grundschule. Lucy erzählt, dass damals auf dem Schulhof ein Mädchen sie angeschrien habe, dass Jungs nicht bei ihr mitspielen dürften. Daraufhin habe Lucys damalige beste Freundin erwidert: "Das ist okay. Sie ist ein Mädchen in einem Jungskörper." Lucy ist sich sicher: "So hat das alles angefangen, dass ich mir darüber Gedanken gemacht habe."

"Du kannst dich besser schminken als ich!"

Mit ihrem offiziellen Coming-out hat Lucy allerdings noch lange gewartet. Erst im vergangenen Jahr erzählte sie ihrer Familie von ihrer Transidentität. "Es war an meinem Geburtstag. Wir saßen am Esstisch bei Kaffee und Kuchen, ich hatte gerade die Kerzen ausgeblasen. Und dann sag ich so: Leute, ich will euch was sagen, ich bin kein Junge, ich bin ein Mädchen."

Die Reaktion ihrer Mutter? "Sie hat gesagt: Du kannst dich besser schminken als ich, das finde ich gemein", erinnert sich Lucy und lacht dabei. Lucy schaut meistens ernst, wenn sie erzählt. Aber immer wieder, wenn sie sich an solche Begebenheiten erinnert, huscht ein Lachen über ihr Gesicht.

Mobbing in der Schule

In der Schule hat sich die 17-Jährige nie geoutet, erzählt sie. Dort kannte sie niemand unter ihrem Mädchennamen Lucy. Trotzdem wurde sie immer wieder angefeindet und gemobbt - unter anderem, weil sie in der Schule Make-up trug. "Es gab viele Idioten, die gesagt haben: Scheiß Schwuchtel, hör auf damit, was bist du überhaupt so komisch?"

Erst zum Realschul-Abschlussball im vergangenen Jahr traute sich Lucy, im Kleid zu kommen. "Das hat sich sehr kraftvoll angefühlt", sagt sie: "Weil es der letzte Tag war, an dem ich die Leute sehen musste. Ich habe mir gedacht, ich mach' das jetzt einfach."

Befreiender Umzug nach Frankfurt

In ihrer Heimatstadt Butzbach (Wetterau) hat es Lucy nach dem Abschluss nicht mehr lange ausgehalten. "Ich war immer schon das Kind, das irgendwie anders ist. Für die anderen war das nie okay, deshalb hat mich Butzbach immer ein bisschen in den Wahnsinn getrieben." Also zog Lucy nach Frankfurt. Seit diesem Sommer wohnt sie bei einer befreundeten Familie - bald will sie eine WG mit Freunden gründen.

In Frankfurt fühlt sie sich wohler und weniger streng beäugt. "Wenn hier jemand mit bunten Haaren über die Zeil läuft, interessiert das kein Schwein", sagt Lucy. In der Großstadt hat sie neue Freunde gefunden und engagiert sich bei politischen Bewegungen wie Fridays for Future.

Transidentität: Immer noch ein Stigma

So wie Lucy geht es auch vielen anderen transgeschlechtlichen Menschen. Nur wenige leben auf dem Land. Das hat allerdings nicht nur damit zu tun, dass sie in der anonymen Großstadt weniger auffallen, erklärt Constance Ohms, Soziologin und Therapeutin. Sie leitet die Beratungsstelle "gewaltfrei leben" in Frankfurt, die transgeschlechtliche Menschen unterstützt.

Dr. Constance Ohms forscht zum Lebensalltag transgeschlechtlicher Menschen und leitet eine Beratungsstelle.

Ohms hat eine Studie mit verfasst, die den Lebensalltag von transgeschlechtlichen Menschen in Hessen untersucht. Sie schätzt, dass zwischen einem und drei Prozent der hessischen Bevölkerung transgeschlechtlich sind - also zwischen 60.000 und 190.000 Menschen.

Transpersonen werden laut Constance Ohms häufig stigmatisiert, weil Transgeschlechtlichkeit immer noch als psychische Erkrankung eingestuft wird. "Das heißt, die Menschen wachsen mit dem Gefühl auf, sie seien krank. Das löst immensen psychischen Stress aus." Immerhin habe die Weltgesundheitsorganisation entschieden, Transgeschlechtlichkeit im kommenden Jahr aus der Liste psychischer Erkrankungen zu streichen.

Traditionelle Vorstellungen von Mann und Frau

Auf dem Land verstärken sich diese Probleme, erklärt Ohms. Denn außerhalb der Großstädte gebe es nur wenige Hilfsangebote wie Selbsthilfegruppen für transgeschlechtliche Menschen. Außerdem sei die medizinische Versorgung auf dem Land schlechter. Das sei vor allem für diejenigen ein Problem, die eine Geschlechtsangleichung machen wollen. "Wir haben es mit geringeren Wertschätzungen zu tun, weil traditionelle Vorstellungen von Mann und Frau dazu führen, dass man kein positives Selbstbild entwickeln kann", sagt Ohms.

In Constance Ohms' Studie gab mehr als jede dritte befragte Transperson an, schon einmal über Selbsttötung nachgedacht zu haben. Gerade im ländlichen Raum gebe es wegen der Isolation und Einsamkeit eine größere Gefahr für Depressionen und Suizidalität, erläutert die Soziologin: "Es ist wichtig, dem entgegen zu wirken. Das geht nur, indem wir positiv besetzte Angebote bereitstellen."

Lucy wünscht sich mehr Akzeptanz

Für Lucy hat sich seit dem Umzug nach Frankfurt vieles verbessert. Bald möchte sie eine Ausbildung anfangen. Und sobald sie volljährig ist, will Lucy eine Hormonbehandlung beginnen - das ist der erste Schritt zur Geschlechtsangleichung.

Nach Butzbach fährt Lucy zwar immer noch regelmäßig, um ihre Familie zu besuchen. Trotzdem kann sie sich im Moment nicht vorstellen, außerhalb der Großstadt zu leben. Sie wünscht sich gerade in kleineren Städten mehr Akzeptanz für Menschen, die anders aussehen oder leben als der Durchschnitt: "Es ist nicht so schwer. Lasst die Leute einfach leben!"

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 23.11.2020, 19.30 Uhr