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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Mittelhessisches Trinkwasser und A49-Ausbau: "Wie eine Operation am offenen Herzen"

Fotokombination aus einem Foto einer Autobahn und einem Foto, auf dem Wasser aus dem Hahn in ein Glas fließt.

Umweltschützer wollen den Ausbau der A49 auch verhindern, weil die Grundwasserversorgung gefährdet werde. Aber was ist dran an dem Argument?

Streitpunkte gibt es viele rund um den geplanten Ausbau der A49, die Kassel und Gießen miteinander verbinden soll. Neben dem Erhalt des Dannenröder Forsts geht es vor allem um mögliche negative Folgen für das Grundwasser in Mittelhessen - und vielleicht bis ins Rhein-Main-Gebiet.

Das befürchten Umweltschützer, die in der Region seit Jahrzehnten gegen den Bau protestieren. Gerichte und Behörden halten dagegen, und inzwischen steht fest: Die Autobahn kann gebaut werden. Doch die Gemüter bleiben erhitzt. Die Lage ist kompliziert, die Gründe reichen bis in die NS-Zeit zurück.

So wichtig ist das Wasser in der Region

Es geht um viel. Die Region rund um Stadtallendorf (Marburg-Biedenkopf) gilt als wichtigste Trinkwasserressource in Mittelhessen - und als eine der wichtigsten des Bundeslandes, wie es in einer Veröffentlichung des Hessischen Landesamts für Umwelt und Geologie (HLNUG) heißt.

Die Grafik zeigt den Verlauf der geplanten Verlängerung der A49 und die Trinkwasserschutzgebiete, die davon betroffen sind.

Vor 80 Jahren erbauten die Nationalsozialisten in Stadtallendorf das größte Sprengstoffwerk Europas, weil es in der Gegend so viel Wasser gibt - und der Wasserbedarf bei der TNT-Produktion enorm ist. Auf dem Gelände des Sprengstoffwerks wurde in Spitzenzeiten jeden Monat eine Viertelmillion Panzerfäuste hergestellt.

Im Boden schlummern immer noch giftige Stoffe

Jahrelang sickerten hochgiftige Stoffe in den Boden. Erst in den 90er Jahren stellte man fest, wie stark der inzwischen zum Teil besiedelte Boden belastet ist. Es begann eine umfangreiche Bodensanierung - laut HLNUG mit "in Deutschland einmaligen und finanziell bisher unübertroffenem" Aufwand: Der Kampfmittelräumdienst rückte an, tonnenweise Erde wurden bewegt.

Um zu verhindern, dass die Altlasten ins Trinkwasser gelangen, entwickelte man außerdem ein komplexes hydraulisches Schutzsystem: Abschöpfbrunnen holen noch heute verunreinigtes Grundwasser in der Nähe von "Altlasten-Hotspots" heraus. Die eigentlichen Trinkwasserbrunnen reichen deutlich tiefer und können so in tieferen Erdschichten unbelastetes Wasser gewinnen.

Umweltschützer befürchten, dass Schadstoffe freigesetzt werden

Ein verfallenes Gebäude inmitten einer gerodeten Waldfläche.

A49-Kritikerinnen wie Barbara Schlemmer vom Aktionsbündnis "Keine A49" befürchten, dass dieses ausgeklügelte Grundwassersystem durch das Bauprojekt durcheinandergerät: "Schadstoffe könnten tief im Boden freigesetzt werden und ins Grundwassers gelangen", sagt sie. Das könne noch negative Folgen für das Trinkwasser bis im Rhein-Main-Gebiet haben.

Kritisch sehen die A49-Gegner auch, dass die Autobahn dann etwas weiter im Süden mitten durch ein Trinkwasserschutzgebiet II führen soll. In diesen Zonen gelten normalerweise sehr strenge Beschränkungen für die Bebauung, weil sie in unmittelbarer Nähe von Trinkwasserbrunnen liegen.

Wasserwerke: Wie eine Operation am offenen Herzen

Der Zweckverband der Mittelhessischen Wasserwerke (ZMW) betreibt diese wichtigen Trinkwasserbrunnen rund um die neue Trasse - und versorgt damit nach eigenen Angaben rund 500.000 Menschen. Geschäftsführer Karl-Heinz Schäfer erklärt: Dass von Mittelhessen aus auch das Rhein-Main-Gebiet mitversorgt werde, wie manche behaupten, stimme so nicht. Es gebe zwar eine Verbindung des ZMW zur OVAG, doch die versorge damit größtenteils mittelhessische Kommunen.

Dennoch sagt Schäfer: Der jetzige Trassenverlauf sei aus wasserrechtlicher Sicht der ungünstigste von allen, die zur Debatte standen. "Für die mittelhessische Wasserversorgung wird das wie eine Operation am offenen Herzen."

Besonders bedenklich sei, dass mitten im Trinkwasserschutzgebiet mehrere Brücken gebaut werden sollen. Die mächtigen Brückenpfeiler sollen bis zu 50 Meter in die Tiefe gegründet werden. Zwar sei der Boden untersucht worden. Aber es könne schließlich niemand durch eine Lupe in die Erde schauen und vorhersehen, was die Erdbewegungen für die Grundwasserlinien bedeutet, die dort fließen.

"Worst-Case-Szenario" der Wasserwerke

Schäfer spricht von Eingriffen mit "nicht einschätzbaren Schadensfolgen". Sein Worst-Case-Szenario: dass das Grundwasser seine Fließrichtung ändert und nicht mehr genug bei den Brunnen ankommt. Oder dass durch Verunreinigungen Brunnen abgestellt werden müssen. Dann könnte das Wasser in der Region tatsächlich knapp werden.

Wie wahrscheinlich ist das? So genau kann das Risiko laut Schäfer niemand vorhersagen. "Es ist geringfügig, aber nicht undenkbar." Es werde durch ausgesprochen viele Bauauflagen und -maßnahmen aktuell alles Menschenmögliche getan, um das zu vermeiden. Aber er sagt klipp und klar: "Wenn es zu Verschlechterungen des Grundwassers kommen sollte, werden wir dafür sorgen, dass der Bau gestoppt wird."

Bundesregierung, RP Gießen und Baugesellschaft sehen keine Gefahr

Auch Bettina Hoffmann, Bundestagsabgeordnete der Grünen aus dem Schwalm-Eder-Kreis, ist besorgt um das Wasser. Sie hat eine kleine Anfrage an die Bundesregierung gestartet. Seit kurzem liegt die Antwort darauf vor.

Die Bundesregierung sieht demnach keine zusätzlichen Risiken für das Grundwasser durch den Bau der A49. Der gesamte betroffene Streckenabschnitt sei vorab intensiv erkundet worden. Fachgutachten hätten ergeben, dass die unterirdischen Einzugsgebiete der Brunnen nicht oder nur am Rande im Bereich der Autobahn liegen und von dem Bau der A49 nicht tangiert werden.

Das Regierungspräsidium (RP) Gießen erklärte auf hr-Anfrage, dass in der Planung die Grundwasserverunreinigung durch Sprengstoff-Altlasten berücksichtigt worden sei und man dadurch keine zusätzlichen Risiken für das Grundwasser sehe.

Das betont auch die Baugesellschaft DEGES. Dort verweist man ebenfalls auf eine Vielzahl von Untersuchungen und Schutzmaßnahmen. Eine umfangreiche Bodensanierung auf dem Gelände des Sprengstoffwerks sei bereits abgeschlossen - sogar schneller als geplant.

Kritiker fordern trotzdem Baustopp

"Beruhigt bin ich trotzdem nicht", sagt die Grünen-Bundestagsabgeordnete Hoffmann. Ihrer Meinung nach müsste man solche alten Planungen in Zeiten von Dürre und Klimawandel auch grundsätzlich auf den Prüfstand stellen und sich fragen: Ist dieser Eingriff das wert? Sie fordert weiterhin einen Baustopp vom Bundesverkehrsminister. Ein entsprechender Antrag der Grünen im Bundestag scheiterte jedoch kürzlich.

Viele Umweltschützer sind weiterhin der Meinung: Der Bau würde nach heutigen Maßstäben an Umweltschutz so nicht mehr genehmigt werden. Immer wieder ist die Rede von einem "Planungsdinosaurier". Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) klagte wegen Missachtung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie im Jahr 2019 erneut gegen den Bau. Das Bundesverwaltungsgericht wies diese Klage im Juli aber ab. Der Grund: Sein Urteil zur früheren Klage des BUND "bindet sowohl das Gericht als auch die Behörde und ist nicht so ohne weiteres zu durchbrechen".

Sendung: hr-iNFO, 28.09.2020, 8.40 Uhr