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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Der Schock sitzt noch immer tief in Hanau-Kesselstadt

Ein Jahr Hanau

Sechs der neun Opfer des rassistischen Anschlags in Hanau starben in Kesselstadt. Zur Ruhe ist der Stadtteil bis heute nicht gekommen.

Seit einem Jahr ist für Arjin Bicer nichts mehr, wie es war. Die 24-Jährige musste mit ansehen, wie der Attentäter von Hanau den Shisha-Bar-Besitzer Sedat Gürbüz erschoss. Sie selbst überlebte nur durch Glück. Später musste Bicer erfahren, dass der Täter in ihrem Stadtteil Kesselstadt in einem Kiosk mit angeschlossener Bar fünf ihrer Freunde erschossen hatte: Ferhat Unvar, Mercedes Kierpacz, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović und Said Nesar Hashemi.

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Gedenkfeier im Livestream

Um 18 Uhr findet am Freitagabend eine Gedenkfeier für die neun Opfer des rassistischen Anschlags statt. Der hr überträgt die Veranstaltung ab 17.45 Uhr in einem hessenschau extra im Fernsehen und im Livestream auf hessenschau.de.

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Arjin Bicer hat fünf ihrer Freunde aus Hanau-Kesselstadt verloren.

Das, was passiert ist, habe sie noch immer nicht verarbeitet und könne sie auch nicht akzeptieren, sagt Bicer. Sie sehe oft die Gesichter der Verstorbenen, vor allem dann, wenn sie das Kesselstädter Jugendzentrum besuche, das sie dort alle "Juz" nennen.


Im "Juz" gingen viele der Ermordeten fast täglich ein und aus. Die Sozialarbeiterin Antje Heigel begleitete einige von ihnen ins Erwachsenenleben, sie unterrichtet Boxtraining im Keller des Zentrums. Laut Heigel sei der gesamte Stadtteil das gesamte Jahr nicht zur Ruhe gekommen. Das liege auch daran, dass viele schockiert seien, was kürzlich über den Vater des Attentäters bekannt geworden war. Dieser lebt nur wenige hundert Meter entfernt vom Anschlagsort und Jugendzentrum.

In Hanau-Kesselstadt ermordete der rassistische Attentäter sechs von neun Menschen

Der Vater des Täters hatte unter anderem die Tatwaffen seines Sohnes zurückverlangt. Vor wenigen Tagen erhob die Staatsanwaltschaft Anklage wegen rassistischer Beleidigung gegen ihn, da er Angehörige, die unweit seines Hauses eine Mahnwache abhielten, als "wilde Fremde" bezeichnete.

Die 16-jährige Salma etwa geht seit einem Jahr andere Wege durch Kesselstadt und vermeidet es, am Haus des Vaters vorbeizugehen, wo auch der Täter lebte. Wirklich gut gehe es ihr nicht, sagt sie, und wirklich sicher fühle sie sich ebenso wenig.

In Hanau-Kesselstadt erinnert eine Gedenktafel an die Ermordeten.

"Die Traumarate ist hoch"

Auch im Kesselstädter Weststadtbüro spielt die Verarbeitung des Anschlags eine große Rolle. "Die Traumarate ist hoch", sagt Stadtteilmanagerin und Sozialarbeiterin Eftelya Erbasli. Das Stadtteilbüro ist Anlaufstelle für die rund 11.000 Menschen in Kesselstadt. Dort werden eigentlich Hausaufgabenbetreuungen, Krabbelgruppen und Frauentreffs organisiert. Im vergangenen Jahr kam plötzlich die Verarbeitung des Anschlags hinzu. Denn der Terror hat alle getroffen.

Rund um den Anschlagsort gebe es viele Hochhäuser, in denen "alle etwas mitbekommen haben", sagt Erbasli. Mütter und ihre Kinder hätten die Schüsse gehört - Menschen, die direkt oder indirekt betroffen seien, weil sie zum Beispiel einen Bruder, Cousin oder guten Freund verloren hätten.

Hanau plant Zentrum für Demokratie und Vielfalt

Die Stadt Hanau möchte das Weststadtbüro und das Jugendzentrum bei der Verarbeitung des Anschlags unterstützen. Laut Bürgermeister Axel Weiss-Thiel (SPD) sei geplant, die personellen Ressourcen im Weststadtbüro und im Jugendzentrum deutlich zu verstärken. Außerdem soll in Hanau ein Zentrum für Demokratie und Vielfalt entstehen. Die Mitarbeiter sollen Opfer rassistischer Gewalt begleiten auf ihrem langen Weg zurück in den Alltag.

Die 24-jährige Arjin Bicer geht seit dem Anschlag zu einer Psychologin. Auch besucht sie täglich die Arena-Bar, wo ihre Freunde ermordet wurden. Sie hätte niemals gedacht, dass "ihr Nachbar ein Nazi sein könnte". Sie wünscht sich, dass das Leben in Kesselstadt irgendwann wieder normaler wird - und die Trauer und Wut in den Augen der Stadtteilbewohner eines Tages schwindet.

Sendung: hr2-kultur, Der Tag, 18.02.2021, 18.45 Uhr