"Eine 1,5 Meter lange "Corona-Hand", ein Gemälde eines Eisvogels, eine Fensterscheibe mit einem aufgeklebten Herz

Auf der Internetseite "coronarchiv" teilen Menschen ihre Erfahrungen mit der Krise. Drei hessische Städte haben die eigentlich überregionale Mitmach-Plattform für sich entdeckt und lokale Online-Archive erstellt - eingereichte Beiträge wandern nun direkt ins Stadtarchiv.

Ein Mann hält zwei selbst gebastelte XXL-Hände fest, sie verlängern seinen Körper um den Corona-Mindestabstand. Mit ihrer Hilfe sollen sich Erzieher und Kinder so nach der Hort-Schließung wieder begrüßen können. Ein anderes Bild zeigt einen gemalten Eisvogel - eine Erinnerung an eine Reise nach Nepal, die erst in der Isolation der Coronazeit entstanden ist.

Viele Fotos zeigen jedoch auch die anfangs in der Krise ganz offensichtlichen Eindrücke: Abgesperrte Sitzbänke auf dem Freiheitsplatz in Hanau oder die menschenleere Einkaufsstraße vor dem Darmstädter Luisencenter. Erinnerungen, die das Leben in der Coronakrise wiedergeben und im digitalen Corona-Archiv schon während der Krise für die Nachwelt festgehalten werden.

Städte haben Archiv-Plattform für sich entdeckt

Das eigentlich überregionale "Public History"-Projekt, das von den Unis Hamburg, Bochum und Gießen im März ins Leben gerufen wurde, wird nun zunehmend hessischer: Zwar werden weltweit deutschsprachige Eindrücke an die Pandemie auf der Webseite eingereicht, gleichzeitig entdecken jedoch immer mehr hessische Kommunen die niedrigschwellige Mitmach-Aktion für ihre eigenen Stadtarchive.

Sie rufen ihre Einwohner auf, ihre Video-, Audio, Text- oder Bildeindrücke von der Krise im offenen Online-Corona-Archiv einzureichen - auf dafür eigens eingerichteten lokalen Unterseiten. In Gelnhausen (Main-Kinzig), Hanau und Darmstadt sammeln die Stadtarchive über diese Plattform von ihren Bürgern digitale Erinnerungsstücke für eine lokale Perspektive auf die Krise. Deutschlandweit beteiligen sich nur eine andere Kommune und eine Landesbibliothek an dem Projekt.

Die Einsendungen auf den dortigen Regionalseiten, so wie der Eisvogel und die "Corona-Hände" des Hanauer Corona-Archivs, gehen direkt ins Stadtgedächtnis über.

Einmalig: Sammeln während der Krise

Aus Sicht der Stadtarchive ist die Arbeit des Corona-Archivs ein einmaliges Projekt. "Das Besondere an dieser Aktion ist, dass dieses Mal alles zeitgleich stattfindet: Die Sammlung zeitgleich mit der Krise, die die Menschen erleben. Das passiert normalerweise nicht", erklärt Rebekka Friedrich vom Darmstädter Stadtarchiv.

Stephan Loquai vom Hanauer Stadtarchiv spricht von einem "Forschungsschatz für die Zukunft". Frühere Krisen, wie das Ende des Zweiten Weltkriegs, hätten sich beispielsweise aufgrund von Kriegszuständen gar nicht live dokumentieren lassen. "Man wird sicher Ausstellungen darüber machen, aber wirklich besonders ist die Sammlung erst für die folgenden Jahrzehnte", erklärt Loquai, "dass man praktisch live sehen kann, wie war damals das Leben vor Ort und das dann als Forschungsprojekt in 15, 20 oder 50 Jahren auswertet."

Archive sammeln zumeist noch analog

Zudem erlebten die Stadtarchive so auch eine digitale Revolution, wie Friedrich sagt. "Für uns ist es eine Besonderheit, dass das nun alles digital abläuft. Wir bekommen die meisten Sachen immer noch analog. Das liegt daran, dass Personen, die ihre Unterlagen digital führen und Nachrichten eher digital schreiben, noch einfach nicht an dem Punkt sind, dass sie sich Gedanken darüber machen, ihre Sachen abzugeben."

Üblicherweise würden Einwohner erst viele Jahre später, beispielsweise beim Ausmisten im Rahmen von Umzügen oder nach dem Tod von Angehörigen, die angestau(b)ten Habseligkeiten durchsuchen. Erst wenn privat kein Interesse daran bestehe, wanderten sie oft ins Stadtarchiv. An dem Projekt beteiligten sich jetzt vermehrt auch Einzelpersonen, "ohne groß darüber nachzudenken, dass sie etwas festhalten wollen".

Auch das Frankfurter Historische Museum sammelt derzeit online Erinnerungsstücke an die Coronakrise. Einige davon können schon jetzt vor Ort im Ausstellungsbereich "Frankfurt Jetzt!" besichtigt werden.

Online-Archive sind noch in der Anfangsphase

Darmstadt und Hanau haben mit der Sammlung schon im April begonnen, Gelnhausens Online-Archiv ist in der vergangenen Woche online gegangen. Die drei regionalen Online-Archive haben bislang Einsendungen im unteren zweistelligen Bereich, das überregionale Corona-Archiv bereits über 2.600.

Direkte Einsendungen an die Stadtarchive würden nachträglich derzeit noch hochgeladen werden, weitere über die Plattform eingereichte Beiträge befänden sich zudem noch in der Prüfung durch ehrenamtliche Projektmitarbeiter der Uni Gießen: Nur der Urheber darf die Beiträge einsenden, strafbare Inhalte dürfen nicht verbreitet werden.

Archive eignen sich auch zum Durchstöbern

Videos, Audios, Fotos, Scans, Textdateien, Beobachtungen, Comics, Gedichte oder WhatsApp-Chatverläufe, den Darstellungsformen sind keine Grenzen gesetzt. Auch zum Durchstöbern lohnt sich ein Blick in die Archive. Autoren können ihren Werken auch eine Interpretation mitgeben.

So schreibt der Künstler des Eisvogels zu seinem Bild: "Es ist die Empfindung der Einsamkeit und Isolation angesichts der massiven Herausforderung durch Corona, aber dennoch zeigt es Zuversicht und Neugierde, wenn die 'Eiszeit' vorbei ist und was dann anders sein wird."

Weitere Informationen

Diese Daten müssen preisgegeben werden

Corona-Zeitzeugen, die ihre Erfahrungen mit der Nachwelt teilen und das Stadtarchiv bereichern wollen, sollen ihrem Werk einen Titel, einen Ort und eine Beschreibung vergeben. Einige persönliche Daten, wie der vollständige Name, der Wohnort und die E-Mail müssen angegeben werden, sie stehen jedoch nicht zur Veröffentlichung. Auch mitwirkende Personen können aufgeführt werden. Der Urheber darf die jeweilige Lizenz bestimmen.

Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 3.6.2020, 19.35 Uhr