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Personalsuche auf Job-Börsen für Ungeimpfte

Screenshot eines Chats, in dem sich ungeimpfte Menschen austauschen und Informationen weitergeben.

"Impffrei" daten, ohne 2G-Nachweis übernachten, Job-Börsen für Ungeimpfte. In Onlineportalen und Telegram-Chats organisieren sich selbst ernannte Impfgegner ganz praktisch. Ein Psychologe befürchtet dadurch weitere Extremisierung.

"Sind hier auch Leute im Alter meines Sohnes?" Die kurze Sprachnachricht in einer Gruppe des Messenger-Dienstes Telegram beginnt wie wohl so manches mütterliche Gesuch. Diese Mutter sucht jedoch nicht etwa eine sportliche oder tierliebe Frau für ihren 25 Jahre alten Sohn, sondern sie schränkt explizit ein: "Er möchte niemanden, der geimpft ist."

Die Chatgruppe für ungeimpfte Singles in Hessen ist eine von vielen dieser Art. In den vergangenen Monaten hat sich online ein weit verzweigtes Netzwerk von selbst ernannten Coronamaßnahmen- und Impfgegnern gebildet. Sie kommunizieren über Internetportale und insbesondere über den in Russland entwickelten Messenger-Dienst Telegram.

Wo bislang in erster Linie Verschwörungstheorien, Artikel und Termine für Demonstrationen ausgetauscht wurden, organisieren sich Menschen nun zunehmend in ganz praktischen Lebensfragen. Wo kann man ohne Maske einkaufen? Wo ohne 2G-Regel übernachten? Manche Gruppen sind riesig und überregional. Teilweise beziehen sie sich auf kleine Regionen oder Spezialthemen.

Single-Börsen und Schlafplatz-Vermittlung

Für gleichgesinnte Singles hat ein Verein aus der Schweiz inzwischen eine richtige Dating-Plattform nach altbekanntem System entwickelt. "Impffrei:love" hat nach eigenen Angaben rund 8.000 Nutzerinnen und Nutzer, auch in Deutschland. Die Seite wendet sich zum Beispiel an Menschen, die "keine Lust auf Diskussionen beim Kennenlernen" haben, wie es dort heißt.

Auch Übernachtungs-Alternativen finden sich. Weil Hotel-Übernachtungen derzeit ohne 2G-Nachweis nicht möglich sind, werden über Telegram Unterkünfte vermittelt - angeblich "unter Freunden", also ohne Nachweis.

Einer dieser Chats "unter Freunden" hat über 27.000 Mitglieder. Beworben werden Ferienwohnungen oder Zimmer nach altbekanntem Kleinanzeigen-Prinzip: zwei Zimmer, Küche, Bad - gute Aussicht von der Terrasse, oft mit Fotos. Manches ist kostenlos, andere schreiben direkt Preise dazu oder nutzen das Wort "Energieausgleich", was auch bei esoterischen Angeboten häufig als Umschreibung für Bezahlung verwendet wird.

Gießener Kosmetikerin: "Bei mir sind alle willkommen"

Auch hessische Anbieterinnen und Anbieter sind auf solchen Seiten zu finden: etwa Geschäfte, Friseurinnen oder Physiotherapeuten. Eine davon ist eine Kosmetikerin aus Gießen, zu finden über einen Eintrag in einem "alternativen Onlineportal" mit Kartendienst. Dort können Unternehmen signalisieren, dass sie "mit den Corona-Maßnahmen der Regierung und insbesondere mit dem Einsatz des Covid-Zertifikats, nicht einverstanden" sind, wie es heißt.

Die Kosmetikerin erklärt auf hr-Nachfrage am Telefon: Sie habe den Eintrag selbst verfasst und sich vor einiger Zeit schon dort angemeldet, weil sie die Grundidee gut gefunden habe. Sie sagt: "Alle Menschen sind bei mir willkommen, unabhängig von ihrem Status." Es sei für sie "eine Frage der Menschlichkeit".

Sie sei nicht grundsätzlich gegen alle Impfungen, so die Kosmetikerin. "Aber ich habe noch nicht eine Impfung kennengelernt, bei der Menschen ausgegrenzt werden." Weitere Fragen, etwa dazu, was das für ihre Arbeit praktisch heißt oder wie sie zu ihren Schlüssen gekommen ist, will sie nicht beantworten.

Seniorenheim sucht ungeimpfte Pflegekräfte

Auch Stellenanzeigen für Ungeimpfte finden sich, etwa auf der Seite "impffrei.work". Hier hat zum Beispiel auch eine Altenpflegeeinrichtung aus dem Rhein-Main-Gebiet inseriert, die unter anderem Pflegepersonal sucht.

Screenshot der Impffrei Work Jobbörse

Die Geschäftsführerin des Heims, die anonym bleiben möchte, argumentiert unter anderem mit dem Pflegekräftemangel. Sie halte eine Impfflicht für ein falsches Signal, es seien davon 15 ungeimpfte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betroffen, die ab März nicht mehr in der Einrichtung arbeiten dürften.

Sozialpsychologe: Keine Spaltung der Gesellschaft

Der Marburger Sozialpsychologe Ulrich Wagner beobachtet die Impfgegner-Bewegung schon von Anfang an. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Radikalisierung von Gruppen. Der Professor stellt fest: "Bislang haben wir beobachtet, dass Mauern durch unterschiedliche Überzeugungen entstanden sind." Mit dem steigenden Druck durch 2G und eine mögliche Impfpflicht entwickele sich daraus nun eine Art Parallelökonomie.

Wagner will dabei nicht von einer Spaltung der Gesellschaft sprechen. "Das könnte suggerieren, dass sich die Gesellschaft in zwei gleichgroße Hälften aufteilt." Es handle sich seiner Ansicht nach aber hier nur um einen kleinen Teil der Bevölkerung.

Ablehnung als identitätsstiftender Charakter

Der Psychologe erklärt: Impfgegner zu sein, könne durchaus einen identitätsstiftenden Charakter haben. Durch die aktuellen Konfrontationen in der Gesellschaft könne dieser Aspekt für Betroffenen immer wichtiger werden. Auffällig sei zudem eine wachsende Ablehnung von Geimpften - etwa durch bewusstes Zusammenfinden in Singlebörsen.

Mann vor der Marburger Uni

Die Mechanismen dahinter seien bekannt, erklärt Wagner: "Monothematisch zusammengesetzte Gruppen halten nicht so lange zusammen." Äußere Feindbilder könnten Gruppen dann wieder stabilisieren. "Impfgegner grenzen sich einerseits gegen die Impfbefürworter ab", sagt Wagner. "Der andere Gegner ist zunehmend der Staat."

"Der harte Kern könnte noch extremer werden"

Wer einmal in solchen Gedankenkonstrukten und Netzwerken von Gleichgesinnten verankert sei, finde schwer wieder heraus. Dennoch ist Wagners Prognose: Der Druck durch strengere Regeln und eine mögliche Impfpflicht könnte für manche dennoch eine Art "neues Argument" sein, sich doch impfen zu lassen - für sich und vor anderen, ohne Gesichtsverlust nach außen: "Sie könnten dann sagen: Ich muss das halt machen, sonst kann ich überhaupt nichts mehr machen und verliere meinen Job."

Wagner glaubt: "Vieles davon wird in absehbarer Zeit wieder zusammenbrechen." Jedoch könnten die nun gebildeten Infrastrukturen auch eine Voraussetzung für weitere Radikalisierung bieten. "Der harte Kern könnte sogar noch extremer werden, und sich dann auch noch andere Themen suchen", so der Psychologe.

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